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22.11.2010 | Von:
Karl Brenke

Aus der Krise zum zweiten Wirtschaftswunder?

Fazit

Deutschland kam deshalb glimpflich durch die Krise, weil ihre Auswirkungen weitgehend auf einige Sektoren begrenzt blieben und ein erheblicher Teil der Wirtschaft nicht oder kaum infiziert wurde. Das hat mehrere Ursachen. Anders als in den USA oder manchen EU-Staaten entstand die Krise nicht von innen heraus durch das Platzen von Immobilienblasen und Vermögensillusionen, wodurch rasch über Konsumeinschränkungen und die Reduzierung übermäßiger Produktionskapazitäten insbesondere im Bausektor der gesamte Wirtschaftskreislauf in Mitleidenschaft gezogen wurde. Im Falle Deutschlands wurde die Krise durch den Rückgang der Nachfrage aus dem Ausland importiert. Das traf vor allem die Exportwirtschaft - also große Teile der Industrie, manche Unternehmensdienstleister wie die Zeitarbeit, die in starkem Maße Personal an die Industrie ausleiht, Teile des Verkehrsgewerbes und den Außenhandel.

Dass von diesen Wirtschaftszweigen die Krise nicht auf alle überschwappte, liegt daran, dass die Unternehmen in starkem Maße Personal gehalten haben, so dass die Arbeitslosigkeit nur wenig wuchs und somit die Konsumneigung der Verbraucher nicht mehr gedrückt wurde, als es ohnehin schon seit Jahren der Fall war. Dass sich der Abbau von Personal in Grenzen hielt, ist auch darauf zurückzuführen, dass seitens der Politik die Rahmenbedingungen für die Kurzarbeit attraktiver gestaltet wurden.[9] Mindestens genauso wichtig war es, dass die Tarifpartner sich am bewährten deutschen Modell der kooperativen industriellen Beziehungen orientiert haben und für eine Zeit lang der Arbeitsplatzsicherung Vorrang vor Lohnanhebungen einräumten. Wenn man mag, kann man in dieser Hinsicht von einem "Beschäftigungswunder" sprechen; es ist aber erklärbar. Wahrscheinlich haben auch die Konjunkturpakete und andere Maßnahmen der Politik den Abschwung gedämpft; genau lässt sich das aber nicht umreißen.

Weil das Exportgeschäft angesprungen ist, befindet sich die deutsche Wirtschaft wieder in einem kräftigen Aufschwung. Das rasche Umschalten von der konjunkturellen Talfahrt auf die Bergfahrt wurde gewiss dadurch begünstigt, dass in erheblichem Maße Entlassungen vermieden wurden, so dass nicht erst angesichts der verbesserten Auftragslage Personal gesucht und eingestellt werden musste. Überdies hat sich gezeigt, dass die deutschen Unternehmen auf den internationalen Märkten eine starke Wettbewerbsposition haben und sie offenkundig stärker als andere von einer wachsenden Nachfrage Nutzen ziehen können. Schwäche ist das gewiss nicht, wie das Gerede über den "kranken Mann in Europa" suggeriert. "Exportweltmeister" wird man wohl kaum als Fußkranker. Die wirtschaftlichen Probleme Deutschlands liegen nicht im Export, sondern auf dem Binnenmarkt. Die große Abhängigkeit von der Auslandsnachfrage ist gewiss nicht beruhigend - zumal sie mit einer im internationalen Vergleich sehr schwachen Lohnentwicklung einhergeht.

Es bleibt abzuwarten, wie lange der Aufschwung anhält. Verfehlt wäre es, nun in Euphorie zu verfallen und ein zweites Wirtschaftswunder auszurufen. Immerhin sind die Krisenfolgen noch nicht bewältigt. Die Wirtschaftsleistung befindet sich immer noch unterhalb des schon mal erreichten Niveaus, dasselbe gilt für die geleistete Arbeitszeit und die Stundenproduktivität. Die Situation auf dem Güter- und auf dem Arbeitsmarkt sieht zwar nicht mehr düster aus, aber sie erscheint besser als sie tatsächlich ist. Vor allem aber: Das erste Wirtschaftswunder der Bundesrepublik basierte auf einer expandierenden Binnennachfrage - und davon ist derzeit wie schon seit vielen Jahren wenig zu sehen. Das aber ist ein anderes Thema.

Fußnoten

9.
Vgl. Karl Brenke/Ulf Rinne/Klaus F. Zimmermann, Kurzarbeit - nützlich in der Krise, nun aber den Ausstieg einleiten, in: Wochenbericht des DIW Berlin, (2010) 16, S. 2-13.

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