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19.10.2010 | Von:
Guy Kirsch

Die Euro-Krise ist (nicht nur) eine Währungskrise - Essay

Ansteckende Verantwortungslosigkeit

Nun ist es gewiss sinnvoll, in Krisenzeiten die Hoffnung nicht aufzugeben. Doch sollte diese Hoffnung sich nicht weiter auf die Überzeugung gründen, eine gemeinsame Währung schaffe eo ipso ein gedeihliches Miteinander, und übersehen, was wir gegenwärtig erleben, nämlich dass eine Währungsunion ein gefährliches Gegeneinander verursachen kann.

Es ist geradezu pikant, dass schon vor der Einführung des Euro die gegenwärtige Krise nicht nur vorhersehbar war, sondern vorhergesehen worden ist. Man erinnere sich: Als über die Einführung des Euro entschieden werden sollte, standen sich zwei Ansichten gegenüber. Auf der einen Seite standen jene, die - siehe oben - der Ansicht waren, eine gemeinsame Währung sei der Vereinigung Europas förderlich, konkret: eine gemeinsame Währung würde eine europäische Wirtschafts- und Finanzpolitik nach sich ziehen. Auf der anderen Seite standen jene, die überzeugt waren, dass ein gewisser Grad an europäischer Einheit, insbesondere eine gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik, vor der Einführung einer gemeinsamen Währung unabdingbar sei.

Etwa 160 Wirtschaftwissenschaftler hatten sich damals in einem öffentlichen Schreiben gegen die Einführung des Euro zum damaligen Zeitpunkt ausgesprochen, darunter auch ich. Wir wurden nicht gehört: Der Euro kam - und mit ihm die von den Ökonomen vorausgesagte Krise. Und nicht nur das: Die Argumente, die damals gegen eine Währungsunion ohne vorgängig institutionell verankerte gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik vorgebracht worden sind, können auch bei der Analyse der Krise helfen, die wir gegenwärtig durchleben.

Dazu Folgendes: Wenn Staaten, die ihre eigene nationale Wirtschafts- und Finanzpolitik betreiben können, ihre je eigene Währung haben, so schlagen sich die wirtschafts- und finanzpolitischen Entscheidungen dieser Staaten mehr oder weniger rasch und mehr oder weniger deutlich in den Wechselkursen der Währungen untereinander nieder. So wird ein Land, das eine wenig erfolgreiche Wirtschafts- und/oder eine unsolide Finanzpolitik betreibt, über kurz oder lang damit rechnen müssen, dass seine Währung international an Wert verliert. Dies bedeutet dann, dass sich die Einfuhren aus dem Ausland für dieses Land verteuern; entsprechend kann es sich weniger von ihnen leisten; es bedeutet auch, dass sich seine Exporte für das Ausland verbilligen, es also die Chance erhält, durch Anstrengungen, die real den Käufern im Ausland zugute kommen, die Unfähigkeit seiner Wirtschaftspolitik bzw. die Unsolidität seiner Finanzpolitik gleichsam "abzubüßen". Auch führt der Wechselkursverfall dazu, dass jene, die in der Vergangenheit dem "unsoliden" Land Kredite in dessen Währung gewährt haben, einen Verlust hinnehmen müssen. Und weil dem so ist, wird ein solches Land sich nur zu höheren Zinsen verschulden können, was seinerseits einen tendenziell disziplinierenden Effekt auf die Wirtschafts- und Finanzpolitik dieses Landes hat.

Für ein Land, dessen Wirtschaftspolitik erfolgreich und dessen Finanzpolitik seriös ist, gilt hingegen: Der Wechselkurs seiner Währung steigt; mit der Folge, dass es billiger importieren und - weil es weniger exportiert - real mehr für sich selbst wirtschaften kann. Auch kann es sich zu vergleichsweise günstigen Konditionen im Ausland verschulden.

Auch dann, wenn - zugegebenermaßen - diese Darstellung sehr vereinfacht ist, reicht sie doch, um einen für unsere Diskussion wichtigen Punkt deutlich zu machen: In einer Situation, in welcher einzelne Länder ihre je eigene Wirtschafts- und Finanzpolitik betreiben können und in welcher sie keine gemeinsame Währung haben, stellt der Devisenmarkt sicher, dass jedes Land selbst die Folgen seiner politischen Entscheidungen trägt. Mit einiger Vereinfachung kann man sagen, dass sich die Qualität der Wirtschaftspolitik eines Landes und die Seriosität seiner Finanzpolitik in den Bewegungen am Devisenmarkt niederschlagen und auf diese Weise das jeweilige Land entweder belohnt oder aber bestraft wird. Die Folge ist, dass in dieser Situation ein eigenverantwortliches Verhalten der einzelnen Länder erwartet werden kann bzw. dass dann, wenn diese Länder dazu nicht willens oder nicht fähig sind, sie, nicht aber andere, die Folgen zu tragen haben.

Dies ist dann nicht der Fall, wenn - wie gegenwärtig - es wohl eine gemeinsame Währung, nicht aber eine gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik gibt. Jetzt kann ein einzelnes Land wirtschaftspolitisch unklug und finanzpolitisch unseriös agieren, ohne - wenigstens vorerst - die Folgen seines Tuns in vollem Umfang zu spüren bekommen; dies deshalb, weil diese Konsequenzen - während mehr oder weniger langer Zeit - im Rahmen des Währungsverbundes entweder vollends verschleiert werden können, für andere Länder vorerst nur wenig fühlbar sind oder aber von diesen wenigstens vorerst als Vorteil empfunden werden. So haben etwa die Deutschen jahrelang von der unsoliden Finanz- und Wirtschaftspolitik der Griechen profitiert, indem diese deutsche Waren importiert haben, die sie sich eigentlich nicht hätten leisten dürfen.

Es mag also eine bestimmte Gnadenfrist geben, in welcher die Konsequenzen einzelstaatlicher Unseriosität übersehen, gar begrüßt werden. Doch wird diese Frist nicht von unbegrenzter Dauer sein. Es ist nämlich zu erwarten, dass die Unverantwortlichkeit das Markenzeichen nicht nur eines Landes sein und bleiben wird. Vielmehr ist davon auszugehen, dass weitere Länder die Möglichkeit nutzen werden, ihrerseits auf Kosten anderer Staaten zu leben: Die Verantwortungslosigkeit ist ansteckend. Jetzt mag zwar immer noch davon die Rede sein, dass in der Europäischen Union alle für alle solidarisch einstehen, tatsächlich aber frönt nun im Zweifel jedes Land seinem nationalen Egoismus.

Allerdings: Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem das Ausmaß der wirtschafts- und finanzpolitischen Unordnung einzelner Länder so groß ist, dass sie nicht mehr ignoriert werden kann. Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder werden die schuldhaften und verschuldeten Länder derart unter Druck gesetzt, dass sie zur Seriosität zurückkehren, oder aber - wenn dies nicht gelingt oder erst gar nicht versucht wird - die Unsolidität einzelner Länder wird zur Bedrohung für die gemeinsame Währung, im Extrem für die Union selbst. Ist dieser Punkt erreicht, so bleibt den vergleichsweise soliden Ländern nur, den Kollaps der gemeinsamen Währung dadurch zu verhindern, dass sie den bzw. die unsoliden Mitgliedstaaten vor der Zahlungsunfähigkeit bewahren.

Genau dies ist während der vergangenen Jahre und Monate geschehen: Nachdem sich Griechenland in die Währungsunion "hineingemogelt" hatte und von den übrigen Mitgliedstaaten übersehen worden war, dass die Griechen - und in der Folge weitere Länder - immer weiter in den wirtschaftspolitischen Schlendrian und in die finanzpolitische Verwahrlosung hineinschlitterten, kam der Punkt, an dem die internationalen Finanz- und Kreditmärkte die Rechnung präsentierten: Griechenland stand plötzlich vor der Zahlungsunfähigkeit, und der Euro wurde zum Spekulationsobjekt von Börsianern, die auf seinen Verfall, gar auf seinen Fall setzten. Damit war auch der Zeitpunkt gekommen, an dem die übrigen Mitglieder der Union in voller Deutlichkeit mit jenen Lasten konfrontiert wurden, die sie als Folge der Unverantwortlichkeit von Griechenland zu tragen hatten: Die milliardenschweren Hilfsprogramme für Griechenland sind nichts anderes als die Lasten, die von den verhältnismßig solideren Mitgliedern der Union für das Fehlverhalten des/der unsolideren getragen werden müssen.