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19.10.2010 | Von:
Guy Kirsch

Die Euro-Krise ist (nicht nur) eine Währungskrise - Essay

Vorschnelle Schuldzuweisungen

Es liegt in dieser misslichen Situation nahe, nach Schuldigen zu suchen; bedauerlich ist nur, dass jene, die als Schuldige vorgeführt werden, nicht unbedingt jene sind, die es verdienen.

Da ist die etwa Rede von "den unsoliden Griechen". Gewiss haben sich diese durch eine beachtliche Disziplinlosigkeit ausgezeichnet. Doch wieso sollte man ihnen verdenken und vorwerfen, dass sie von Möglichkeiten Gebrauch gemacht haben, die ihnen eine Währungsunion bietet, die kein Pendant in einer gemeinsamen Wirtschafts- und Finanzpolitik hat? Mit welcher Berechtigung werfen solidere Mitgliedstaaten wie etwa Deutschland den Griechen ein Verhalten vor, das sie selbst übersehen wollten und von dem sie - komplizenhaft - in der Vergangenheit profitiert haben?

Da ist auch die Rede von "den Spekulanten". Auch wenn man nicht bereit ist, all jenen, die auf den internationalen Devisenmärkten agieren, eine Generalabsolution zu erteilen und Reformen für überflüssig zu halten, sollte man in ihnen nicht die Hauptverantwortlichen, also die Hauptschuldigen sehen; schließlich profitieren sie nur von jenen Möglichkeiten, die ihnen die Fehlkonstruktion des europäischen Einigungswerks, nämlich eine Währungsunion ohne gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik, bietet. "Die Spekulanten" bilden nicht eine unheimlich-geheime Loge, die sich gegen den Euro, gar die Europäische Union verschworen hat; vielmehr haben wir es mit Akteuren zu tun, die - eigeninteressiert und rational - jene Möglichkeiten nutzen, die ihnen ein fehlerhaftes institutionelles Arrangement bietet.

Ein fehlerhaftes Arrangement: Man mag diese Formulierung für allzu streng halten und darauf hinweisen, dass während der vergangenen Monate das Krisenmanagement in der Europäischen Union funktioniert hat. Das ist wohl richtig, aber kaum ein Grund zur Selbstzufriedenheit. Denn: Die zur Abwehr des Währungskollapses notwendigen Stützungspakete sind nichts anderes als der Preis, der heute für die institutionell abgesicherte nationalstaatliche Verantwortungslosigkeit in der Vergangenheit gezahlt werden muss.

Darüber hinaus muss bezweifelt werden, ob diese Art von Krisenmanagement den erwarteten Nutzen, also die Stabilisierung des Euro bringen kann. Die Devisenmärkte scheinen nicht dieser Ansicht zu sein, wie die wiederholten Spekulationsattacken gegen den Euro und wie die aufeinander folgenden Revisionen des Ratings einzelner Schuldnerländer nach unten belegen.

Auch ist zweifelhaft, ob die gegenwärtigen Versuche, die Finanz- und Devisenmärkte zu regulieren und so bestimmte Spekulationen wenigstens zu erschweren, den erwarteten Erfolg haben werden; der Erfindungsreichtum der Akteure auf diesen Märkten dürfte nämlich groß genug sein, diese Reglementierungen, wenn sie denn überhaupt eingeführt werden, zu unterlaufen.