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19.10.2010 | Von:
Andreas Busch

Der Euro als Vorteil und Nachteil für Deutschland

Warum eine Währungsunion in Europa?

Die Frage, warum und wie es in Europa zu einer Währungsunion gekommen ist, wird im vorliegenden Heft an anderer Stelle ausführlicher behandelt. Hier soll dennoch kurz darauf eingegangen werden, um die Motive für das Projekt zu vergegenwärtigen, dessen Wurzeln zumindest bis in die frühen 1970er Jahre zurückreichen. Bereits 1970 hatte der sogenannte Werner-Bericht die Einführung einer gemeinsamen europäischen Währung empfohlen und einen Zeitplan dafür aufgestellt. Doch der Zusammenbruch des Systems fester Wechselkurse (System von Bretton Woods) im Jahr 1973 verhinderte zunächst die Umsetzung der Pläne.

Der damals folgende Übergang von festen zu flexiblen Wechselkursen und die starken Schwankungen, die zwischen den nationalen Währungen in der Folgezeit auftraten, verstärkten allerdings in Europa eher den Wunsch nach währungspolitischer Stabilität, als dass sie ihn verringert hätten. Dafür gibt es vor allem einen Grund: die enge wirtschaftliche Verflechtung zwischen den Mitgliedsländern der Europäischen Union (EU - damals noch Europäische Gemeinschaft, EG). Diese sind nämlich dadurch gekennzeichnet, dass sie als Ganzes (also als EU) eine wirtschaftliche Offenheit[7] gegenüber dem Rest der Welt haben, die in etwa derjenigen der Vereinigten Staaten oder Japans entspricht; untereinander jedoch (also als einzelne Staaten) weisen sie eine wesentlich höhere wirtschaftliche Offenheit auf.[8] Diese Offenheit ist das Resultat einer engen Handelsverflechtung zwischen diesen Ländern, die ja ein Hauptziel der europäischen Wirtschaftsintegration war. Starke Schwankungen in den Wechselkursen der nationalen Währungen stören diese Handelsbeziehungen jedoch und haben deshalb negative wirtschaftliche Auswirkungen. Im Fall der europäischen Integration wurde dies noch weiter verstärkt durch die gemeinsame Agrarpolitik mit ihren grenzüberschreitenden Ausgleichszahlungen.

Nachdem gegen Ende der 1970er Jahre das Europäische Währungssystem (EWS) erfolgreich eingeführt worden war und eine Angleichung der makroökonomischen Strategien in vielen EG-Ländern stattgefunden hatte, begann man, Pläne für die Einführung einer gemeinsamen europäischen Währung erneut zu diskutieren. Diese Überlegungen mündeten schließlich in die Einberufung mehrerer Regierungskonferenzen auf europäischer Ebene, aus denen die Konzeption für die gemeinsame europäische Währung hervorging. Angesichts unterschiedlicher Präferenzen sowohl der teilnehmenden Nationalstaaten als auch innerhalb der einzelnen Staaten waren diese Verhandlungen hoch komplex und langwierig.[9]

Die Bundesrepublik Deutschland spielte in diesen Verhandlungen eine besonders wichtige Rolle. Die D-Mark hatte sich in den Jahren seit 1973 als die faktische Ankerwährung in Europa etabliert, was vor allem auf die Geldpolitik der Bundesbank zurückzuführen ist, die primär auf das Ziel der Preisstabilität ausgerichtet war. Die bundesdeutsche Inflationsrate war beständig eine der niedrigsten in Europa gewesen, und die D-Mark galt auf den internationalen Märkten als ein Hort der Stabilität.[10] Um die Bundesrepublik zur Aufgabe ihrer Währung und zur Zustimmung zu einer gemeinsamen europäischen Währung zu bewegen, war eine Reihe von Zugeständnissen von Seiten der europäischen Partner notwendig. Dazu gehörte, Preisstabilität als Hauptziel in der Geldpolitik zu akzeptieren, ebenso wie eine weitgehende Übernahme der Verfassung der Bundesbank für die neue Europäische Zentralbank (EZB), um ihre Unabhängigkeit zu sichern. Auf deutscher Seite half es, dass die Regierung unter Bundeskanzler Helmut Kohl nach der deutschen Vereinigung ein deutliches Zeichen für das auch in Zukunft geltende Bekenntnis des Landes zur europäischen Integration setzen wollte und deshalb die Währungsunion befürwortete.

Mit der Aufgabe der eigenen nationalen Währungen und der Delegation der Geldpolitik an eine supranationale, von politischem Einfluss unabhängige Institution unternahmen die zunächst elf Mitgliedstaaten der Euro-Zone einen großen und irreversiblen Schritt zu weiterer politischer und ökonomischer Integration. Es waren damit in zweierlei Hinsicht positive Erwartungen verbunden: zum einen in Bezug auf eine wachsende Identifikation der europäischen Bürger mit der EU; zum anderen hinsichtlich der positiven wirtschaftlichen Effekte, die durch eine gesteigerte Effizienz und gesunkene Transaktionskosten einen positiven Beitrag zum Wirtschaftswachstum in allen Mitgliedsländern der Euro-Zone leisten sollten.[11]

Mehr als zehn Jahre nach Einführung der gemeinsamen Währung (und insbesondere nach den mit dem Euro verbundenen Krisenerscheinungen des Jahres 2010) ist mittlerweile deutlich geworden, dass dieser Schritt zwar vielfältige Konsequenzen für die wirtschaftliche Entwicklung in den Mitgliedstaaten gehabt hat, diese jedoch stark nach Ländern und betrachtetem Zeitraum variieren. Verallgemeinerte Aussagen über die Auswirkungen der Währungsintegration sind also kaum möglich. Was die Auswirkungen auf Deutschland angeht, zeigt die genauere Betrachtung eine Mischung aus Vor- und Nachteilen.

Fußnoten

7.
Die wirtschaftliche Offenheit wird gemessen am Anteil der Importe und Exporte am Sozialprodukt.
8.
Vgl. die Daten in Silke Gehle-Dechant/Joseph Steinfelder/Manual Wirsing, Export, Import, Globalisierung - Deutscher Außenhandel und Welthandel: 1990 bis 2008, Wiesbaden 2010, S. 34; Andreas Busch, The Crisis in the EMS, in: Government & Opposition, 29 (1994) 1, S. 82.
9.
Siehe hierzu die ausführliche Studie von Kenneth Dyson/Kevin Featherstone, The road to Maastricht. Negotiating economic and monetary union, Oxford 1999.
10.
Vgl. Andreas Busch, Preisstabilitätspolitik. Politik und Inflationsraten im internationalen Vergleich (Gesellschaftspolitik und Staatstätigkeit, Bd. 8), Opladen 1995.
11.
Vgl. Michael Emerson/Daniel Gros/Alexander Italianer et al., One market, one money. An evaluation of the potential benefits and costs of forming an economic and monetary union, Oxford 1992.