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19.10.2010 | Von:
Andreas Busch

Der Euro als Vorteil und Nachteil für Deutschland

Der Euro als Vorteil

Das anhaltend niedrige Wirtschaftswachstum sowie die beständig steigende Arbeitslosenquote führten in den ersten Jahren des vergangenen Jahrzehnts in Deutschland zu langen Debatten über die mangelnde wirtschaftliche Leistungsfähigkeit sowie über mögliche Auswege aus der Misere. Dabei trug eine Flut von rasch publizierten, den "Abstieg" beschwörenden Diagnosen ebenso zu einem Gefühl der Ausweglosigkeit bei wie scheinbar immergleiche Talkshow-Runden, in denen "Reformstau", ein zu hohes Lohnniveau und der unabwendbare Niedergang Deutschlands angesichts der ausländischen Konkurrenz beklagt wurden.[14]

Obwohl diese bisweilen an eine kollektive Depression erinnernde Stimmung kaum motivierend gewirkt haben kann, wurden nach der so knapp wie unerwartet von der SPD gewonnenen Bundestagswahl 2002 dann von der rot-grünen Regierung unter Bundeskanzler Gerhard Schröder substantielle politische Reformen in den Bereichen Arbeitsmarktpolitik und soziale Sicherung vorgenommen ("Agenda 2010"). Sie stellten das Eingeständnis dar, dass die zuvor verfolgte Strategie des "Bündnis für Arbeit, Ausbildung und Wettbewerbsfähigkeit" - das heißt einer Kooperation von Regierung, Gewerkschaften und Arbeitnehmerverbänden - gescheitert war und nun eine andere Strategie eingeschlagen werden musste, die auf eine Flexibilisierung der Arbeitsmärkte zielte.[15]

Gemeinsam mit der traditionellen, durch die Institutionen der Lohnaushandlung beförderten Tendenz zur Preisstabilität und Lohnzurückhaltung[16] trugen die Reformen dazu bei, dass sich nach einer längeren Phase schwachen Wirtschaftswachstums ab etwa 2005 die Effekte der gemeinsamen Währung für Deutschland zu verändern und zum Vorteil zu verschieben begannen. Es war Deutschland nämlich gelungen, die Lohnstückkosten weitgehend stabil zu halten, während sich in den rascher wachsenden Euro-Ländern starke Lohnsteigerungen in deutlich steigenden Lohnstückkosten (siehe Grafik 2 der PDF-Version) niedergeschlagen hatten.[17]

Die deutsche Wirtschaft begann nun von den Folgen ihrer sich verbessernden Wettbewerbsfähigkeit zu profitieren. Dies schlug sich zunächst in steigenden Exporten nieder, ab Mitte des Jahrzehnts jedoch auch in deutlich steigenden Wachstumsraten des Sozialprodukts.

Die gemeinsame Währung, die noch in den Jahren zuvor eher negative Wirkungen für Deutschland gezeitigt hatte, begann nun deutliche Vorteile zu erbringen. Dies geschah vor allem auf zweierlei Weise: Zum einen machte es die gemeinsame Währung den anderen Ländern in der Euro-Zone unmöglich, die gesunkene internationale Wettbewerbsfähigkeit durch eine Abwertung (die den Preis der eigenen Exportgüter im Ausland senkt) wiederherzustellen - wie dies vielfach in der Vergangenheit geschehen war. Eine Korrektur war nun nur noch durch Anpassungen der Lohnhöhe nach unten oder deutliche Steigerungen der Produktivität zu erzielen. Die komparativen Vorteile der Bundesrepublik bei der Stabilität der Lohnstückkosten konnten jedenfalls nicht mehr durch eine einseitige Entscheidung zur Abwertung kompensiert werden.

Und noch auf einem anderen Wege hat sich die gemeinsame Währung in den vergangenen Jahren als deutlicher Vorteil für die Bundesrepublik erwiesen und damit eine Verbesserung gegenüber der D-Mark-Ära gebracht. Die Existenz des Euro bedeutete nämlich, dass die durch die im Sommer 2007 beginnende Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise steigende ökonomische Unsicherheit nicht zu einer Flucht in die als am stabilsten angesehene nationale europäische Währung führen konnte und es nicht zu einer Aufwertung (und damit Verteuerung der deutschen Exportgüter) gegenüber den europäischen Handelspartnern kam.

In der Vergangenheit hatte die D-Mark (mit ihrer vergleichsweise hohen Stabilität) in Krisen oft als "sicherer Hafen" dienen müssen, in den Anleger ihr Kapital verbrachten, um dessen Wert zu bewahren. Dieser Kapitalzufluss und der dadurch steigende Wechselkurs der D-Mark hatten dann in der Folge deutsche Güter im Ausland teurer gemacht, damit deren Absatz erschwert und Wachstums- und Arbeitsplatzverluste mit sich gebracht. In der EWS-Krise zu Beginn der 1990er Jahre hatte dies beispielsweise die Arbeitslosigkeit deutlich erhöht.[18] Die Existenz des Euro hat einen solchen Effekt in der Krise seit 2007 unmöglich gemacht - wodurch die Arbeitslosenquote geringer ausfiel, als dies ohne die gemeinsame Währung der Fall gewesen wäre.

Fußnoten

14.
Beispiele für diese Literaturgattung sind etwa Arnulf Baring, Scheitert Deutschland? Abschied von unseren Wunschwelten, Stuttgart 1997; Hans-Werner Sinn, Ist Deutschland noch zu retten?, München 2003 oder Gabor Steingart, Deutschland: der Abstieg eines Superstars, München 2004.
15.
Zum Hintergrund und zu Details dieses Prozesses siehe etwa Andreas Busch, Schröders Agenda 2010. From "Plan B" to Lasting Legacy?, in: Alister Miskimmon/William E. Paterson/James Sloam (eds.), Germany's gathering crisis. The 2005 federal election and the Grand Coalition, Basingstoke 2009, S. 64-79.
16.
Siehe dazu auch Hagen Lesch, Lohnpolitik 2000 bis 2009 - Ein informelles Bündnis für Arbeit, in: IW-Trends, 37 (2010), 1, S. 77-90.
17.
Lohnstückkosten steigen, wenn die Lohnerhöhungen die Summe aus Preissteigerung und Produktivitätsfortschritt übersteigen. Wenn dies der Fall ist, ist ein Sinken der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der betroffenen Volkswirtschaft die Folge.
18.
Siehe dazu die Analysen des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage, insbesondere die Jahresgutachten 1993/94: S. 138-140 (Deutscher Bundestag, Drucksache 12/6170) und 1995/96: S. 23, 30-31 (Deutscher Bundestag, Drucksache 13/3016).