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19.10.2010 | Von:
Werner Abelshauser

Die Erblast des Euro – eine kurze Geschichte der Europäischen Währungsunion

Vergebliche Anläufe

Eine gemeinsame Währungspolitik zählte von Anfang an ausdrücklich zu den Zielen der 1957 durch die Römischen Verträge ins Leben gerufenen Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG). Walter Hallstein, der erste Kommissionspräsident, ergriff schon 1962 die Initiative für eine dreistufige Währungsunion, die jedoch scheiterte. Stattdessen übernahm die Deutsche Bundesbank allmählich die Rolle eines zentralen währungspolitischen Akteurs in Europa, dessen Entscheidungen sich andere Zentralbanken - nicht immer freiwillig - von Fall zu Fall anschlossen. Dem entsprach die Entwicklung der D-Mark zu einer Ankerwährung der Gemeinschaft. Auf den internationalen Devisenmärkten wuchsen gleichzeitig die Turbulenzen, weil die USA die Privilegien, die seit der Konferenz von Bretton Woods (1944) mit dem US-Dollar als Leitwährung der westlichen Welt verbunden waren, zur Finanzierung des Vietnamkrieges missbrauchten. Die Europäer sahen sich deshalb 1970 zum Handeln gezwungen und beschlossen die stufenweise Einführung einer Wirtschafts- und Währungsunion bis 1980 (Werner-Plan).

Es war aber schon bald abzusehen, dass die hochgesteckten Ziele einer politischen Union, die der Luxemburger Ministerpräsident Pierre Werner in der dritten Stufe erreichen wollte, nicht realistisch waren. Sie sah nicht nur ein europäisches Zentralbanksystem vor, sondern auch ein gemeinsames wirtschaftspolitisches Entscheidungsgremium, das dem Europäischen Parlament verantwortlich sein sollte.[6] Während die deutsche Seite dies für unverzichtbar hielt, war Frankreich nicht bereit, den EWG-Vertrag in diese Richtung zu erweitern. Als Kompromiss einigten sich die Mitgliedstaaten darauf, zunächst nur die erste Stufe zu realisieren. Damit reduzierte sich der Plan auf die Durchsetzung geringerer Schwankungsbreiten der europäischen Wechselkurse und auf gegenseitige Kredithilfen, die im Falle von Währungsspekulationen gegen einzelne Währungen der Gemeinschaft in Anspruch genommen werden konnten. Schließlich wurden 1973 zur Stabilisierung der innereuropäischen Handelsbeziehungen feste Wechselkurse vereinbart, die sich nur innerhalb geringer Bandbreiten bewegen durften, während der Kurs der europäischen Währungen zum US-Dollar frei schwankte. Dieser Regelung schlossen sich auch die designierten neuen Mitglieder Dänemark, Großbritannien und Irland an. Damit hatten die Europäer einen ersten wichtigen Schritt zur währungspolitischen Emanzipation von den Vereinigten Staaten gemacht.

Die Funktionsfähigkeit dieses Europäischen Wechselkursverbundes war freilich auf einen Grundkonsens über monetäre Disziplin angewiesen, der in den 1970er Jahren fehlte. Noch immer beharrten die meisten Staaten auf der keynesianischen Vorstellung, Wirtschaftskrisen und Arbeitslosigkeit nicht zuletzt mit Instrumenten der Geld- und Währungspolitik zu bekämpfen. Vor die Wahl gestellt, die Wechselkursstabilität auf Kosten der konjunkturpolitischen Handlungsfähigkeit des Nationalstaates zu verteidigen oder im großen Stil Beschäftigungspolitik zu treiben, entschieden sich die meisten Mitgliedstaaten der Europäischen Gemeinschaft (EG) für die Autonomie ihrer nationalen Wirtschaftspolitik. Steigende Arbeitslosigkeit während der Ölpreiskrise Anfang der 1970er Jahre verstärkte diese Neigung noch.

Infolgedessen ging es unter dem Dach des Wechselkursverbundes bald zu wie in einem Taubenschlag. Frankreich verließ den Verbund gleich zweimal (1974 und 1976), nachdem es zwischenzeitlich wieder zurückgekehrt war. Auch Italien, Norwegen und Schweden zogen es vor, eigene Wege zu gehen. Über die zweite und dritte Stufe des Werner-Plans wollte unter diesen Bedingungen niemand mehr sprechen. Der Plan scheiterte auch am deutsch-französischen Gegensatz, der nicht zuletzt aus der führenden Rolle der Deutschen Bundesbank resultierte. Die Frankfurter Notenbank war unabhängig genug, um sich für den Vorrang der inneren und äußeren Währungsstabilität zu entscheiden - oft genug gegen den erklärten Willen der Bundesregierung, die aus konjunktur- und arbeitsmarktpolitischen Gründen einen expansiven Kurs bevorzugt hätte. Andere Länder wollten und mussten sich der stabilitätsorientierten Führung der Bundesbank nicht anschließen, so dass Ende 1978 der D-Mark-Block aus Westdeutschland, Dänemark und den Beneluxstaaten allein im Wechselkursverbund blieb, während die Währungen der übrigen EG-Staaten sich frei am Markt bewegten. Über die Tatsache der währungspolitischen Spaltung hinaus wuchs damit die Gefahr eines Scheiterns der Gemeinschaft.

Fußnoten

6.
Vgl. Report to the Council and the Commission on the Realization by Stages of Economic and Monetary Union in the Community (Werner-Report), in: Bulletin of the European Communities, Supplement II, Luxembourg, October 1970.