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19.10.2010 | Von:
Werner Abelshauser

Die Erblast des Euro – eine kurze Geschichte der Europäischen Währungsunion

Das Europäische Währungssystem

Bundeskanzler Helmut Schmidt (1974-1982) suchte daher nach verlässlichen Partnern, um in Europa eine Zone der Währungssicherheit zu schaffen, die den währungspolitischen Graben durch die EG überwinden sollte. Die Gründung des EWS, die 1978 auf der Bremer Ratstagung zwischen Bundeskanzler Helmut Schmidt und dem französischen Präsidenten Valéry Giscard d'Estaing verabredet wurde, war deswegen von hoher politischer Bedeutung. Schmidt war schon 1974 fest davon überzeugt, dass "die Schaffung und Anwendung gleicher ökonomischer Instrumentarien für eine Wirtschaftsunion" auf längere Sicht unerlässlich seien. Gleichzeitig zweifelte er aber an der Machbarkeit einer weitergehenden "supranationalen Koordination der ökonomischen Politiken". Theoretisch hielt er es zwar für denkbar, "dass unter Angebot sehr hoher deutscher Opfer (volle Bereitstellung und Hingabe unserer Währungsreserven, hohe finanzielle Beiträge unter Inkaufnahme von Reallohn-Einbußen in der BRD, Aufgabe des Preisstabilitätszieles) in den anderen EG-Hauptstädten neue Regierungen oder Regierungspersonen von der Notwendigkeit zum Sprung ins kalte Wasser überzeugt werden könnten". Ein Fehlschlag einer gemeinsamen Wirtschafts- und Finanzregierung erschien Schmidt aber - wie er in einer geheimen Denkschrift festhielt - wahrscheinlicher als ihr Erfolg. Neben der wenig attraktiven gemeinsamen Agrarpolitik blieb daher nur "ein vorsichtiger, für uns nicht allzu verlustreicher Beginn einer Politik des regionalen Ausgleichs". Er machte sich aber nichts vor: "Agrarpolitik und Regionalpolitik dienen dabei in Wahrheit viel weniger der Strukturanpassung zwischen Mezzogiorno oder Schottland und Ruhr-Rhein-Main-Gebiet oder Paris; sie sind vielmehr Verkleidung eines horizontalen Finanzausgleichs."[7]

Schmidt sprach damit eine Methode an, die sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der europäischen Integration zieht. Supranationale Wegmarken wurden verdeckt gesetzt und der Souverän, also das "Volk" in den Mitgliedstaaten, bis auf wenige Ausnahmen nicht in die Entscheidungen einbezogen. Der alte Wechselkursverbund blieb unter dem Namen Wechselkursmechanismus in wesentlichen Teilen auch im EWS bestehen. Allein bis 1983 kam es darin zu sieben Leitkursanpassungsrunden mit 21 Auf- und Abwertungen beteiligter Währungen, darunter vier Aufwertungen der D-Mark und drei Abwertungen des Französischen Franc.[8] Allerdings einigten sich die beiden "Staatsökonomen" auf die Einführung der neuen europäischen Währungseinheit "European Currency Unit" (ECU). Sie diente als Bezugsgröße bei der Berechnung der Währungsrelationen, fungierte als Rechnungseinheit in einem neu geschaffenen Kreditmechanismus zwischen den Staaten und sollte nicht zuletzt die D-Mark wenigstens auf der symbolischen Ebene der Politik ersetzen. In die virtuelle Korbwährung ECU ging allerdings die D-Mark doch zu 30 Prozent ein, während der Franc mit 20 Prozent und das britische Pfund mit 12 Prozent die nächsten Plätze belegten. Um zu Kurs stützenden Interventionen fähig zu werden, brachten alle Mitgliedstaaten zunächst 20 Prozent ihrer Gold- und Devisenreserven in einen Fonds ein, der alle zwei Jahre in der selben Größenordnung aus den nationalen Reserven weiter gefüllt werden sollte. Danach wäre das EWS bis 1989 vollendet gewesen.

Fußnoten

7.
Exposee zur aktuellen ökonomischen Problematik unter dem Gesichtspunkt ihrer außenwirtschaftlichen Bedingtheiten, 15. April 1974 (amtlich geheimgehalten), Friedrich-Ebert-Stiftung, Archiv der sozialen Demokratie (AdsD), Depositum Matthöfer (DM) 014.
8.
Vgl. Deutsche Bundesbank, Internationale Organisationen und Gremien im Bereich von Währung und Wirtschaft (Sonderdrucke der Deutschen Bundesbank 3), Frankfurt/M. 19975, S. 120f.