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27.9.2010 | Von:
Károly Méhes

Die Intellektuellen und Europa - ein intelligentes Europa - Essay

Im heutigen Europa ist die Ausgewogenheit der Ansichten am wichtigsten: kundzutun, dass die Welt und darin unser Leben eine Fundgrube unendlicher Möglichkeiten ist.

Károly MéhesMeinem Empfinden nach beruht die Definition der Intellektuellen in Ungarn und generell in den ehemaligen sozialistischen Ländern auf ganz anderen Grundlagen als in Westeuropa. Im Staat der Arbeiter- und Bauernmacht galt die Intelligenz auch offiziell als eine zwar mit den beiden anderen verbündete, aber in der Rangfolge erst nach ihnen stehende dritte Kaste. Als Attribut ("intellektuell") eignete sich der Ausdruck auch als - zumeist pejorative - Qualifikation, ja, er wurde auch als Schimpfwort benutzt. So ist es kein Wunder, dass der Status des Intellektuellen beim "gemeinen Volk" nicht selten Misstrauen hervorrief und gewissermaßen bis heute hervorruft.

Das ist paradox, denn breite Schichten waren und sind bestrebt, durch ein Diplom oder den Erwerb eines Doktortitels eine intellektuelle Position zu erlangen. Dies ist in eine merkwürdige Titelsucht ausgeartet: Hat es jemand so weit gebracht, seinen Namen mit dem Kürzel "Dr." zieren zu können, wird er häufig in jeder Erscheinungsform und Lebenslage darauf bestehen. Selbst ein so hoher staatlicher Würdenträger wie der Parlamentspräsident, der es kaum weiter hätte bringen können, ließ keine Gelegenheit aus, seinem Namen den Doktortitel voranzustellen. Die beiden Buchstaben sind zum Bestandteil des Namens geworden - viel mehr als ehemals die statusträchtigen Abkürzungen "Gr." (Graf) oder "B." (Baron).



Der Drang, seinen Status als Intellektueller durch Anfügung des Kürzels "Dr." zu betonen, hat noch einen anderen, vielleicht nicht allzu gewichtigen, aber überaus interessanten Aspekt. In den Jahrzehnten des Einparteiensystems waren die Dissidenten, also die Gegner des Systems, überwiegend Intellektuelle, vor allem Human-Intellektuelle: Philosophen, Soziologen, Dichter, Schriftsteller und zum Teil Ökonomen. Figuren "von unten", wie etwa Lech Walesa in Polen, waren so selten wie ein weißer Rabe. Und gab es doch welche, drangen ihre Aktivitäten, da es sich nicht um bekannte Intellektuelle handelte, nicht an die breite Öffentlichkeit. Im Hintergrund der stillen Revolutionen von 1989/1990 standen also eben diese Andersdenkenden, die dann im Schwung des Wandels Akteure der (großen) Politik wurden.

Vor der Wende, sogar die Zeit vor der "Volksmacht" eingeschlossen, gab es nie so viele Intellektuelle - Lehrer, Historiker, Juristen, Mediziner - unter den Abgeordneten wie im ersten frei gewählten ungarischen Parlament. Nun ja, aber gerade die nüchterner Denkenden unter diesen Intellektuellen mussten binnen einer Legislaturperiode einsehen, dass es etwas ganz anderes ist, als engagierter Oppositioneller totalitären Machthabern die Stirn zu bieten als in einem allmählich sich demokratisierenden politischen System tagtäglich Politik zu machen. Daher hat sich das Gros der intellektuellen Elite, die den Systemwechsel vollzog, bald aufs eigene Terrain zurückgezogen, um seiner Arbeit nachzugehen. Allerdings begannen mit der Zeit viele von ihnen unerbittlich das neue, sich immer mehr verknöchernde demokratische System und vor allem die unerfreuliche Praxis der politischen Kultur zu geißeln und schlüpften damit wieder in die gleiche Rolle, die sie in den Jahren des Einparteiensystems innehatten.

Es ist also gar nicht so leicht zu klären, wer ein Intellektueller ist. Einer, der irgendein Diplom hat? Oder eine Sprachprüfung? Der weiß, wer Homer und Thomas Mann waren, der die Relativitätstheorie kennt und Johann Sebastian Bach, Béla Bartok und Zbigniew Preisner gleichermaßen hört? Der keine Seifenopern anschaut, ja womöglich gar keinen Fernseher hat, und nie zu McDonald's geht? Der Skansen (Freilichtmuseen) mag und seine Kinder im Sommer in national gesinnte Ferienlager schickt? Oder die Kinder ganz im Gegenteil (wenn es das Gegenteil davon ist) nach Amsterdam oder New York schickt, damit sie die wahre Welt kennenlernen?

Ist ein Politiker ein Intellektueller? Oder ein Wirtschaftsmagnat, der in der Region ganze Shoppingmallsysteme baut? Oder anders gefragt: Kann ein Tankstellenwart oder ein Bäcker überhaupt als ein Intellektueller angesehen werden? Und wenn nicht: Warum eigentlich nicht? Ich glaube, das genau ist der Punkt: Da man den Begriff eigentlich nicht definieren kann, gibt es nur Traditionen, Wünsche und Wollen. Und das Individuum: Wer behauptet schon (wer wagt es zu behaupten), ein Intellektueller zu sein? Und tut er denn auch etwas, egal was, das nach seinem besten Wissen dieser Selbstdefinition entspricht?

Die ach so schwer definierbare Intelligenz wird nie homogen sein. Der Mensch steckt alles mit großem Behagen in Schubladen und spricht deshalb von Human- und von technischer Intelligenz. Und während man von der technischen Intelligenz erwartet, dass sie neben der Kenntnis des eigenen Fachbereichs in fast allen Gebieten der Kulturgeschichte bewandert ist, fordert bei der sogenannten Human-Intelligenz kaum jemand Kenntnisse über die Relativitätstheorie oder die Genbehandlung der täglich verzehrten Lebensmittel ein. Möglicherweise liegt der Kern der Sache aber gar nicht hier.

Man könnte mühelos eine ganze Reihe von Erwartungen an die Rolle der Intellektuellen formulieren. "Gesellschaftliche Verantwortung", "Vorbild", "gutes Beispiel" und ähnliche, oft wohl recht unklare und mitunter unheilvolle Erwartungen wären auf jeden Fall dabei. Dabei gibt es, wer könnte es leugnen, sehr wohl eine dringliche, ja fast schon qualvolle Aufgabe für die Intellektuellen: Sie beruht womöglich auf nichts anderem, als dass sie berufen sind, den Messias zu erwarten.

An diesem Messianismus liegt es, dass zwei Dinge im Grunde genommen völlig auseinanderfallen: die fachliche Arbeit, die künstlerische oder wissenschaftliche Tätigkeit des Intellektuellen, die er meist hinter verschlossenen Türen, im Büro, im Labor oder vor dem Rechner verrichtet, und das, was er - sozusagen aus Sendungsbewusstsein - darüber hinaus tun müsste. Doch existiert überhaupt ein Sendungsbewusstsein dieser Art, auch in Friedenszeiten? Ich denke vor allem an die Länder der neuen Demokratien. Inwieweit kann das, was man früher, in der Zeit der Unterdrückung, der Zensur, wahrgenommen hat, ohne diesen Nährboden - wenn es sein muss, in anderer Form - wieder gedeihen?

Die zwei Jahrzehnte seit der Wende von 1989/1990 haben gezeigt, dass der Übergang keineswegs leicht ist. Von den einstigen Vorkämpfern zogen sich - wie schon erwähnt - viele schleunigst wieder in die besagten Büros und Labors zurück. Und an ihrer Stelle ist keine ähnlich charismatische, von der Gesellschaft akzeptierte und auch unter den Intellektuellen als Elite geltende Schicht herangewachsen, die auf eine gute Sache aufmerksam machen könnte. Im heutigen Europa ist meines Erachtens die Ausgewogenheit der Ansichten und Meinungen am wichtigsten: zu verkünden, oder, wenn das zu pathetisch klingen sollte, kundzutun (aber dann schon so oft wie möglich), dass die Welt und darin unser Leben eine Fundgrube unendlicher Möglichkeiten ist. Aus dem Schicksal eines Menschen kann so gut wie alles entstehen. Auch wenn man vielleicht mehr darüber weiß oder fühlt, was gewiss schlecht ist (töten, lügen, betrügen, täuschen - man könnte leider noch lange aufzählen), gibt es auch in der Frage, was gewiss gut ist, unzählige Möglichkeiten.

Und dazu müssen wir in erster Linie die Jugend bringen - mit einem sehr klassischen Wort: Erziehung. Wir müssen ihr beibringen, dass sich die Mühe lohnt, die Gipfel der Hochkultur, des differenzierten Denkens zu stürmen. Unter Umständen eine ganze Lebensform dahingehend zu orientieren, dass langsam genauso gut oder sogar besser sein kann als schnell. Man kann nicht alles damit abtun, dass zu wenig Zeit sei. Es gilt zu vermitteln, dass auch das Wissen, der Erwerb von Wissen, eine Aufgabe, kostbare Arbeit ist. Das ist die Grundlage für alles.

Übersetzung aus dem Ungarischen: Peter Máté, Berlin.


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