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27.9.2010 | Von:
Dietz Bering

"Intellektueller": Schimpfwort - Diskursbegriff - Grabmal?

Welche Formungen hat das Sprach- und Kampfwerkzeug "Intellektuelle" erfahren? Wie kann der Intellektuelle auch nach der Postmoderne noch sicheren Stand gewinnen?

Einleitung

Was ist ein Intellektueller?" So fragen geradezu zwanghaft Hunderte von Büchern und Tausende Essays. Sie fixieren damit eine falsche Perspektive. Die Frage unterstellt, es gebe da eine feststehende Figur, von der man nur noch herausbekommen müsse, was sie eigentlich sei. In Wirklichkeit sind Wörter von Menschen gebildete und durch vielerlei Stellschrauben extrem veränderbare Werkzeuge. Durch diese Plastizität sind sie geeignet, die sich immer wandelnde Realität nach den sich immer wandelnden Zielen der Menschen zu formen. Mag das Werkzeug auch denselben Namen tragen ("Intellektueller"), es ist in der Hand verschiedener Menschen, verschiedener Ideologien so verschieden geformt, zu so diversen Zwecken gut, dass die Frage nur so lauten kann: "Wer soll bei uns aus welchen Gründen zu welchen Zwecken 'Intellektueller' genannt werden?" Erzählen viele Bücher begriffsnaiv, was "die Intellektuellen" so alles gemacht haben oder tun sollen,[1] so erscheint zur Buchmesse 2010 erstmals eines, das umfassend nachzirkelt, welche Formungen das Wortwerkzeug seit seinem ersten manifesten Auftreten durchgemacht hat.[2] Es versucht also, die Standardarsenale zu beschreiben, die sich die verschiedenen Ideologien für diesen Begriff zurechtgelegt haben.


Fußnoten

1.
Jüngstes Beispiel: Michel Winock, Das Jahrhundert der Intellektuellen, Konstanz 2003.
2.
Dietz Bering, Die Epoche der Intellektuellen 1898-2001. Geburt, Begriff, Grabmal, Berlin 2010. Auf Nachweise der einzelnen Zitate wird in diesem Aufsatz verzichtet, weil diese über die ausführlichen Register jenes Buchs leicht aufgefunden werden können.

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