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27.9.2010 | Von:
Barbara Vinken

Die Intellektuelle: gestern, heute, morgen

Erst wenn die Moderne von einer Zeit abgelöst ist, die ohne gender anxiety auskommt, werden Artikel über feministische Intellektuelle überflüssig.

Einleitung

Natürlich haben Frauen und Männer durch gleiche Intelligenz gleichen Zugang zum Reich des Intellekts. Die Gedanken sind frei, nicht nur von der Macht unabhängig, sondern auch von der Geschlechtszugehörigkeit. Die Universitäten stehen uns offen, kein Mensch würde Frauen mehr auf Grund ihres Geschlechtes aus den heiligen Hallen von Oxbridge verweisen. Die Pforten der Bibliotheken schließen sich nicht mehr vor uns, wie es Virginia Woolf noch vor achtzig Jahren in "A Room of One's Own" schilderte: "Ladies are only admitted to the library if accompanied by a Fellow of the College or furnished with a letter of introduction."

Auf Grund aller möglichen, jetzt überwundenen Vorurteilsstrukturen mag es für Frauen nicht leicht oder gar fast unmöglich gewesen sein, Zugang zu Bildung zu gewinnen. Heute ist im Reich des Geistes in der westlichen Welt völlige Gleichheit erreicht - denkt man, glaubt man, meint man. Wäre das anders, würde man etwa die intellektuellen Leistungen eines Kollegen anders bewerten als die einer Kollegin, müsste man dringend um eine Sondersitzung bei seinem Analytiker bitten, fand einer meiner Kollegen. Überhaupt kein Thema mehr, überholt. Einfach unterkomplex, die Genderkarte zu ziehen. Alles gähnt.

Nun belegt indes allein schon dieser Aufsatz, dass die Dinge so einfach nicht liegen. Ex negativo macht er klar, dass die Norm der Intellektuelle ist, dessen Geschlecht oder für den der Faktor Geschlecht im Universalen, sprich Menschlich-Männlichen, nicht thematisiert werden muss. Und dass feministische - heißt das: weibliche? - Intellektuelle ein Sonderfall, eine Abweichung, eine Ausnahme von der Regel sind. Kompliziert. Natürlich gibt es weibliche Intellektuelle, die keine Feministinnen waren: Simone Weil, Hannah Arendt fallen einem sofort ein. Natürlich gibt es Männer, die feministische Intellektuelle sind: John Stuart Mill oder Jacques Derrida etwa. Beiden ist gemeinsam, dass sie, pointiert oder nolens volens, die implizite Norm des Universalen, das sich im Männlichen manifestiert, in Frage stellen. Hat sich damit die Wirklichkeit verändert, oder ist sie seit einem Jahrhundert dabei sich zu verändern, ohne dass sich viel - Entscheidendes - änderte?

Nehmen wir den aktuellen Katalog "Wissenschaft" des Suhrkamp Verlages (Sommer 2010) zur Hand. Europas Geistesgrößen blicken einen an: Pierre Bourdieu, Luc Boltanski, Niklas Luhmann, Hans Blumenberg, Ernst Bloch, Michel de Certeau. Alles Männer, die meisten tot - das ist das Suhrkamp-Klassiker-Problem. Aber selbst die lebenden Autoren sind bis auf zwei Ausnahmen männlichen Geschlechts. Hin und wieder hat eine Frau etwas mit herausgegeben, vorzugsweise ein männliches Genie, oder war als Hilfskraft eines zukünftigen männlichen Genies an der Herausgabe beteiligt. Eines der angekündigten Bücher, immerhin, hat eine Autorin: eine empirische Studie zur Wasserpolitik, also genau besehen auch keine Autorin im emphatischen, auktorialen Sinne. Ich weiß nicht, ob diese für dieses Halbjahr mal wieder so gut wie ausschließliche Männlichkeit irgendjemandem auffällt. Alle finden das vermutlich ganz normal, im grünen Bereich der gelegentlichen Schwankungen. So auch eine Tagungsbesprechung in einer führenden deutschen Tageszeitung: Von den Frauen, die einen Vortrag gehalten haben, wird gerade mal eine erwähnt - und zwar, obwohl Inhaberin eines Lehrstuhls in Berlin, als Schülerin eines der anwesenden Professoren, der, ungefähr gleich alt, nicht nur nie ihr Lehrer, sondern selbst nie in die Nähe eines derartigen Lehrstuhls gekommen war. Bin ich, mit dem Schreiben dieses Artikels befasst, ganz gegen meine Routine auf einmal wieder zu dünnhäutig?


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