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27.9.2010 | Von:
Dorothea Wildenburg

Sartres "heilige Monster"

Bis zum Mai 1968 war Jean-Paul Sartre der Prototyp des klassischen Intellektuellen. Durch die Studentenbewegung und den Pariser Mai begann er, diese Position selbstkritisch zu hinterfragen.

Einleitung

"Die einzige Weise zu lernen ist das Infragestellen.
Das ist auch die einzige Weise, Mensch zu werden."


Jean-Paul Sartre

Sartre, sei klar, sei kurz." Jemand hatte diese Notiz mit Bleistift auf das Rednerpult geschrieben.[1] Der gealterte und kränkelnde, aber immer noch rastlose "Star" der französischen Intellektuellenszene war eingeladen worden, um vor Studierenden zu sprechen: Montag, 10. Februar 1969, "Maison de la Mutualité", Treffpunkt linker Gruppierungen, Rue Saint-Victor in Paris. Ein knappes Jahr zuvor, am 20. Mai 1968, als Stadt und Staatsmacht von studentischen Demonstrationen und Arbeiterstreiks überrollt wurden, hatte er schon einmal vor Studierenden gesprochen. Damals, in der besetzten, heillos überfüllten und zigarettenverqualmten Sorbonne, wurde er emphatisch empfangen, beantwortete eine Stunde lang Fragen und wurde, wie Simone de Beauvoir sich erinnert, mit "lebhaftem Beifall"[2] bedacht. Und dann, nur ein Jahr später, dies: "Sartre, sei klar, sei kurz."

Ihm schien das nicht viel ausgemacht zu haben: "Das hieß, daß ihnen nicht besonders viel daran lag zu hören, was ich ihnen zu sagen hatte (...). Ich habe trotzdem ein wenig gesprochen, ich habe ziemlich viel Applaus bekommen, als ich auf die Tribüne gestiegen bin, weniger, als ich sie verlassen habe."[3] Den Studierenden ging es darum, das weitere Aktionsprogramm zu beschließen - Sartre sprach darüber, warum man die Reform des Bildungsministers Edgar Faure ablehnen müsse. Er machte also, was man von einem Intellektuellen durchaus hatte erwarten dürfen: Er analysierte. Für die Studierenden hingegen ging es darum, "auf Gewalt [der Staatsmacht; DW] mit Gewalt zu reagieren, und nicht, ein Gesetz zu analysieren".[4] Annie Cohen-Solal verleiht dieser Begebenheit Symbolcharakter und fragt sich, ob "ein gewisser Tod des mythischen Schriftstellers auf den 10. Februar 1969 datiert werden"[5] müsse. Man kann die Frage, weniger pathetisch, auch so stellen: Hatte Sartre in seiner Funktion als "klassischer Intellektueller" ausgedient? Oder der klassische Intellektuelle selbst? Und wenn dem so wäre: Müsste man dies bedauern?

Fußnoten

1.
Jean-Paul Sartre, Die geprellte Jugend, in: ders., Mai '68 und die Folgen. Reden, Interviews, Aufsätze 1, Reinbek 1974, S. 76. Später ist die Rede davon, dass man ihm einen Zettel dieses Inhalts auf den Tisch gelegt habe; vgl. dazu auch Simone de Beauvoir, Zeremonie des Abschieds, Reinbek 1986, S. 476, oder Jean-Paul Sartre, 1968: Mai. Prag. Bruch mit der Kommunistischen Partei, in: ders./Philippe Gavi/Pierre Victor, Der Intellektuelle als Revolutionär. Streitgespräche, Reinbek 1976, S. 45-53, hier: S. 49.
2.
Simone de Beauvoir, Alles in allem, Reinbek 1974, S. 433.
3.
Dies. (Anm. 1), S. 476.
4.
J.-P. Sartre, Geprellte Jugend (Anm. 1), S. 77.
5.
Annie Cohen-Solal, Sartre 1905-1980, Reinbek 1991, S. 699.

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