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27.9.2010 | Von:
Friedrich Wilhelm Graf

Propheten moderner Art? Die Intellektuellen und ihre Religion

Religionsintellektuelle tragen zur konfliktreichen Pluralisierung des religiösen Feldes bei und treiben die Modernisierung von Religion durch umstrittene Aktualisierung und Vergegenwärtigung uralter Sinnsymbole voran.

Einleitung

Noch ist überall Schutt und schmutziges Gerüst, aber schon erhebt sich rein und deutlich der Umriß des gewaltigen Baus. Es ist ein wahrer Turm von Babel, doch ein solcher, der nicht die Menschen dem Himmel, sondern den Himmel den Menschen näher bringen will." Mit diesen Worten preist Lion Feuchtwanger 1937 die stalinistische Diktatur, die er sich teils als Rückkehr ins verlorengegangene Paradies, teils als Umbau der Erde zum Himmel vorstellt. Religiöse Hymnen über das Reich der Freiheit, das in der Sowjetunion nun endlich anbreche, stimmten in den 1920er und 1930er Jahren auch viele andere, politisch links engagierte europäische Intellektuelle an - trotz ihrer bürgerlichen Herkunft.[1]

Umgekehrt lässt sich bei vielen bürgerlichen Intellektuellen der Zwischenkriegszeit, die in ihrem Hass auf die liberale Demokratie und speziell den Parlamentarismus alle möglichen alternativen Vergemeinschaftungskonzepte und Staatsideen - Ständestaat, Führerstaat, autoritärer Volksstaat, auch totaler Staat - verkündeten, eine schwärmerische Begeisterung für den italienischen Faschismus und später auch die "deutsche Revolution" der Nationalsozialisten finden.[2]

Walter Dirks, ein dezidiert linkskatholischer Intellektueller, schreibt 1930/31 in der linksliberalen Zeitschrift "Deutsche Republik" über die "faschistischen Intellektuellen": Der Nationalsozialismus bedürfe der Intellektuellen "als Verkünder der faschistischen Ideologie", so wie umgekehrt diese Intellektuellen ihn brauchten "als die große Bestätigung ihrer faschistischen Gedankengänge und als historischen Vollstrecker des Faschismus".[3]

Es ist also weder zutreffend, dass die Intellektuellen ideale Repräsentanten der "freischwebenden Intelligenz" (Karl Mannheim) sind, noch lässt sich ihr selbst zugeschriebenes Mandat auf Kritik oder gar reine Kritik eingrenzen. Die Ideengeschichten der Moderne, speziell des 20. Jahrhunderts, kennen auch viele Intellektuelle, die sich bewusst als Führer einer bestimmten Klasse, sozialen Gruppe oder gesellschaftlichen Institution verstanden. Europäische Intellektuelle konnten Stalin zur Freiheitsikone und Hitler zum Friedensfürsten stilisieren. Oft inszenierten sich Intellektuelle als Aufklärer, die das herrschende Dunkel mit dem Licht der Vernunft erleuchten. Aber sie konnten auch als arrogante Avantgarde von wem auch immer - des Proletariats, der unterdrückten Masse - auftreten oder die Autorität "der Kirche" als einzig intakter Institution feiern, die im relativistischen Chaos der Gegenwart noch klare Orientierungen biete und bindende "Werte" vermittle.

Intellektuelle sind politisch vieldeutige, changierende Gestalten, und da man sie nicht zähmen kann und sie leicht verführbar sind, können sie bald auch bedrohlich werden. Dass Intellektuelle dank besonderer Geistesnähe auch größeren politischen Sachverstand und mehr prägnante Klarsicht als andere Zeitgenossen besitzen, ist insoweit nur eine gefährliche Illusion. Intellektuelle sind anfällig für alle möglichen Integrationsideologien der Moderne und nicht selten irritierend blind. Dazu trägt auch bei, dass viele Intellektuelle erlösungssüchtig und sinnsuchend sind. Die Vorstellung, dass die Intellektuellen als Aufklärer notwendig skeptisch und Kritiker der Religion (oder religiöser Institutionen) seien, ist falsch. Nicht wenige Intellektuelle des 20. Jahrhunderts haben sich selbst auch religiös verstanden und Glaubenssprachen, Heilssymbole und fromme Gebärden dazu genutzt, um ihre prinzipielle Distanz zum Status quo und den Anspruch zu bekunden, es prinzipiell besser als (nahezu) alle anderen zu wissen.

Fußnoten

1.
Zahlreiche Belege bei: Jörg J. Bachmann, Zwischen Paris und Moskau. Deutsche bürgerliche Linksintellektuelle und die stalinistische Sowjetunion 1933-1939, Mannheim 1995.
2.
Vgl. Wolfgang Schieder, Das italienische Experiment. Der Faschismus als Vorbild in der Krise der Weimarer Republik, in: Historische Zeitschrift, 262 (1996), S. 73-125.
3.
Walter Dirks, Intellektuelle und Nationalsozialisten, in: Deutsche Republik, 5 (1930/31), S. 1168-1172, hier: S. 1169f. Wiederabdruck in: ders., Gegen die faschistische Koalition. Politische Publizistik 1930-1933 (Gesammelte Schriften Bd. 2), Zürich 1990, S. 279-284.

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