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13.9.2010 | Von:
Uwe Britten

Kindheit in der "Dritten Welt"

Straßenkinder

Eng mit dem Thema der arbeitenden Kinder ist das der "auf der Straße" lebenden verbunden. Die Anzahl der unter 18-jährigen Obdachlosen wird weltweit auf rund drei Millionen geschätzt. Bezieht man all jene ein, deren Alltagsleben weitgehend auf der Straße stattfindet, dann wird von etwa hundert Millionen gesprochen. In vielen lateinamerikanischen Ländern werden je einige Tausend obdachlose Minderjährige vorrangig in den großen Städten angenommen. In Afrika ist es ähnlich, dort können die Zahlen aber auch viel höher sein und in die Zehntausende gehen. Noch dramatischer sieht es in vielen Ländern Asiens aus. So werden (nach der engen Definition) allein in Indien 100.000 Straßenkinder vermutet.[8]

Straßenkinder sind ein Anzeichen für verfallene Sozialstrukturen, insbesondere für ein Wegbrechen des familiären Halts. Auch hier gilt Armut als häufigster Grund. Eltern sind nicht mehr in der Lage, das Familiengefüge aufrechtzuerhalten. Das Geld reicht nicht für die Ernährung aller, der Wohnraum wird unsicher, die Landflucht endet oft auf zehn Quadratmetern in einem Slum, die Eltern selbst "brechen ein" und versinken in der Depression. Familiärer Halt geht auch verloren, wenn die Familie zerrissen wird (zum Beispiel weil der Vater weit entfernt arbeitet) oder ihr soziales Umfeld (etwa die Unterstützung der Verwandten) verliert. Das Leben auf der Straße zieht vor allem Schutzlosigkeit nach sich: Arbeit für Hungerlöhne, Gewalt und Vergewaltigung, Schlafen in Hinterhöfen und Hauseingängen.

Dramatisch ist oft die Lage von Aids-Waisen. In vielen afrikanischen Ländern gelten sie nicht nur als Unheilsbringer, sondern die Wahrscheinlichkeit, dass auch sie infiziert sind, ist hoch - das Risiko der Infizierung ist in den Ländern der "Dritten Welt" schon bei Säuglingen um ein Vielfaches höher als in Westeuropa. Da diese Kinder und Jugendlichen selten die Schule besuchen, führt ihr Leben auch mittel- und langfristig in eine Sackgasse. Ohne Bildung bleiben sie im Sumpf der Billigarbeitsplätze oder in illegalen "Geschäften" stecken und sind damit auch kaum noch in der Lage, sich eine bessere Zukunft zu erschließen. Sie verfügen somit kaum über Verwirklichungschancen, wie sie der Human-Development-Ansatz einfordert, den die Vereinten Nationen für die Entwicklungszusammenarbeit formuliert haben.

Fußnoten

8.
Vgl. terre des hommes, Dossier "Straßenkinder", 2008, online: www.tdh.de (2.9.2010).

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