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13.9.2010 | Von:
Uwe Britten

Kindheit in der "Dritten Welt"

Gesundheit

Die Rahmenbedingungen des Aufwachsens in Dritteweltländern lassen sich natürlich auch in "harten" medizinischen Fakten ausdrücken. Über die vergangenen Jahrzehnte hinweg zeigt sich, dass die Säuglings- und Kindersterblichkeit insgesamt deutlich abgenommen hat. Kindersterblichkeit mit bis zu vierzig Prozent scheint der Geschichte anzugehören - situative Ereignisse oder regionale Besonderheiten außer Acht gelassen. Doch wie so viele andere Lebensbedingungen auch, so ist die gesundheitliche Versorgung ein sehr fragiles gesellschaftliches Strukturelement. Kriege beispielsweise lassen auch die Säuglings- und Kindersterblichkeit sofort wieder hochschnellen.

Die Tabelle (Vgl. Tabelle 2 in der PDF-Version) zeigt anhand der Zahlen für Liberia, Kongo und dem Tschad solche Entwicklungen. Sie zeigt jene 15 Länder, die 1998 die höchsten Kindersterblichkeitsraten hatten. Hinter den Zahlen der Spalte 2008 ist ihre jetzige Platzierung angegeben. Nur vier der damaligen Länder gehören heute nicht mehr zu dieser "Spitzengruppe". Zum Vergleich: Die Quote in Deutschland beträgt vier von Tausend.

Laut Welthungerhilfe hungern weltweit rund eine Milliarde Menschen. Lang andauernde Fehl- oder Mangelernährung in der Kindheit führt zu bleibenden Körperschäden, wovon weltweit rund 200 Millionen Kinder betroffen sind. Auch heute noch ist die Versorgung vieler Menschen mit hinreichend Vitamin A nicht möglich. Blindheit kann ebenso die Folge sein wie Leber- und Immunsystemschäden, die weitere Krankheiten nach sich ziehen. Viele davon, etwa Masern, innere Austrocknung oder Parasitenbefall, wären im Grunde leicht zu verhindern.

Um Kinder vor den tödlichen Folgen von Krankheiten zu schützen, sind die Impfprogramme stetig intensiviert worden. So wurde schon Ende der 1990er Jahre das zwischenzeitlich deklarierte Ziel einer achtzigprozentigen Impfquote gegen Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten (DPT3) sowie gegen Kinderlähmung und Masern in den Entwicklungsländern erreicht. Allerdings ist in den abgelaufenen zehn Jahren diese Quote auch nicht mehr gesteigert worden. Sogar gesunken ist die Rate der Oralen Dehydrationstherapie (ORT). Diese wird angewendet, um den Wasser- und Salzverlust, etwa durch Diarrhoe, und damit das Austrocknen des Körpers zu verhindern. Mitte der 1990er Jahre war auch hier eine fast achtzigprozentige Quote bei den betroffenen Kindern erreicht, aktuell gibt UNICEF die Rate mit nur noch um die vierzig Prozent an.

Durch Krisen und Kriege können die Impfraten innerhalb kürzester Zeit wieder weit zurückgeworfen werden. So brauchte Ruanda fast zwanzig Jahre, um das kriegsbedingte Abrutschen der Impfquoten in den 1990er Jahren von achtzig auf fünfzig Prozent wieder abzufangen. Inzwischen haben die meisten Impfungen wieder einen Stand von über neunzig Prozent erreicht. Ähnliches gilt für das ehemaligen Vorzeigeland Simbabwe, wo seit 2008 wieder die Cholera grassiert.[9]

Große Anstrengungen sind auch nötig, um die Malaria weiter einzugrenzen. Kinder werden meist schon sehr früh durch die Anophelesmücke infiziert, sodass auch hier nur eine Impfung hinreichend Schutz bieten würde. Rund 900.000 Menschen sterben jährlich an der Krankheit, vor allem Kinder. In mehreren afrikanischen Ländern laufen zurzeit Impfversuche mit dem Impfstoff RTSS, der zu einem ersten Durchbruch bei der Malaria-Bekämpfung verhelfen könnte. Falls das wirklich eintritt, wird sich aber die Frage stellen, wer die Millionen von Impfdosen bezahlen wird.

Die Entwicklung und der Verkauf von Impfstoffen findet natürlich auf einem internationalen Markt statt. Hier überwiegen Kapitalinteressen, wie es der Umgang mit den Aids-Medikamenten des Novartis-Konzerns zuletzt gezeigt hat - der Konzern hatte in Indien gegen billigere Nachbildungen (Generika) geklagt, seine Klage wurde jedoch 2007 abgewiesen. Inzwischen werden in mehreren Ländern entsprechende Generika verkauft, sodass die Preise für die Entwicklungsländer gefallen sind - wenngleich in der nötigen Menge oft weiterhin nicht bezahlbar.

Die Zahlen der HIV-Neuinfizierungen sind zuletzt gesunken (1,9 Millionen 2008). Weltweit gelten rund 34 Millionen Menschen als infiziert. Davon sind zwei Millionen Kinder unter 14 Jahre. Die Organisation UNAIDS hatte jüngst dafür geworben, mehr Aktivitäten zu finanzieren, mit denen die Infizierung der Ungeborenen verringert werden könnte. Dreizehn bis zwanzig Milliarden US-Dollar seien dafür nötig - ein Betrag, dessen Beschaffung momentan als aussichtslos hingestellt wird.

Fußnoten

9.
Vgl. UNICEF (Anm. 1).

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