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13.9.2010 | Von:
Uwe Britten

Kindheit in der "Dritten Welt"

Millenniumsziele und Wege in die Zukunft

Wer mit einem kinderbezogenen Blick auf die Entwicklungspolitik der vergangenen drei Jahrzehnte sieht,[10] muss zum einen eine "durchwachsene" Bilanz ziehen, zum anderen aber auch eine klare Warnung für die Zukunft aussprechen. Es hat in dreißig Jahren zweifelsohne Fortschritte beim weltweiten Kinderschutz gegeben. Die Sensibilität in vielen Ländern hat zugenommen, und es schmeichelt jeder Regierung, sich auf internationalen Konferenzen mit nationalen Erfolgen auf diesem Gebiet präsentieren zu können.

Erwähnt seien auch Erfolge, die aufgrund von Kampagnen international vernetzter Nichtregierungsorganisationen eingetreten sind: die Verringerung der Kinderarbeit in Teppichknüpfereien und die Etablierung des Rugmark-Siegels für entsprechende Produkte; die Ächtung der Kinderprostitution und entsprechende Abkommen mit internationalen Reiseveranstaltern; die inzwischen breite Diskussion (auch in der muslimischen Welt) über die Genitalverstümmelung bei Mädchen; die Zurückdrängung der Landminenproduktion (und jetzt auch der Streubomben) nach dem Friedensnobelpreis für die Anti-Landminen-Kampagne 1997.

Pädagogisch war der Zeitraum geprägt von einer akzeptierenden Grundhaltung und einer Ressourcen- statt einer Defizitorientierung. Das heißt: Kinder- und familienorientierte entwicklungspolitische Organisationen richteten ihre Hilfe so aus, dass die Lebensbedingungen anderer Kulturen in ihrer Andersartigkeit stärker akzeptiert wurden und nicht allein das westliche Modell als Heilsbringer galt. Das bedeutet auch, genauer hinzusehen, über welche Ressourcen Familien und Kinder verfügen, die gezielt genutzt und gefördert werden können, anstatt immer nur zu betonen, was schlecht sei und verändert gehöre. Diese "pragmatische Wende" hat sicherlich viele Vorteile gebracht und spätkoloniale Tendenzen weiter abgeschwächt. So führte beispielsweise die internationale Diskussion über Kinderarbeit dazu, diese als (familiäre oder individuelle) Überlebensstrategie erst einmal anzuerkennen, statt sie juristisch verbieten zu wollen.

Solchen Errungenschaften stehen aber sowohl ganz offenbare Misserfolge als auch instabile Erfolge gegenüber. Wer die Situation von Säuglingen, Kindern und Jugendlichen nachhaltig bessern will, erreicht dies nur, wenn stabile Strukturen aufgebaut und ihr Funktionieren verstetigt werden kann. Impfprogramme etwa dürfen eben keine befristeten "Kampagnen" sein, sondern müssen Jahr für Jahr wiederholt werden. Wenn Strukturen des Gesundheitssystems zusammenbrechen, hat das dauerhafte Folgen.

Ein offen zutage tretender Misserfolg zeigt sich etwa darin, dass ein großer Teil der Erdbevölkerung immer noch von unter 1,25 US-Dollar täglich leben muss und die Ernährung von Kindern entsprechend meist nicht ausreicht. In den meisten afrikanischen Ländern leben 55 Prozent der Bevölkerung unter dieser absoluten Armutsgrenze.[11] Ähnlich hoch ist die Quote in Südasien. Auch die ungebrochene Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen in Kriege (inklusive der systematischen Vergewaltigung von Mädchen) stellt einen deutlichen Misserfolg dar.

Neben solchen globalen Betrachtungen muss betont werden, dass die Lebensbedingungen innerhalb der einzelnen Länder oft gravierend differieren. Während vielleicht eine städtische Mittelschicht breiter wird und diese Familien an Wohlstand gewinnen, sterben im selben Land in bestimmten ländlichen Regionen oder auch im städtischen Slumgürtel Kinder an Masern oder Austrocknung.

Die Vereinten Nationen waren im September 2000 mit einem mutigen Programm ("Millenniumserklärung") ins neue Jahrtausend gestartet. Die darin formulierten gemeinsamen Ziele inklusive der angestrebten Eckwerte sollten bis 2015 erreicht werden. Mehrere der Ziele betreffen direkt das Leben von Kindern. Auch hier fällt die Zwischenbilanz durchwachsen aus. Zwar wird gegenwärtig die Quote der Menschen in absoluter Armut auf "nur" noch 25 Prozent der Weltbevölkerung geschätzt (entgegen 40 Prozent vor zehn Jahren), und mithin sank auch die Kindersterblichkeit prozentual, andere Ziele wie der Grundschulbesuch oder der Zugang zu sauberem Wasser (inzwischen als Menschenrecht anerkannt) gelten aber schon jetzt als nicht mehr erreichbar.[12]

Um den Jahreswechsel 2010/2011 herum wird die Weltbevölkerung auf 6,9 Milliarden Menschen angewachsen sein. Jedes Jahr kommen rund achtzig Millionen hinzu. Alle Hinzukommenden sind erst einmal: Kinder. Will die Weltgemeinschaft Kindern ein geschütztes Aufwachsen mit den Chancen einer individuellen Entwicklung bieten, werden Anstrengungen notwendig sein, die selbst eine Wirtschaftskrise überstehen müssten. Gewaltige nationale wie internationale Umverteilungsprozesse werden dazu nötig sein.

Fußnoten

10.
Dieser Aufsatz ist in Zehnjahresschritten der dritte dieser Art: Vgl. Uwe Britten, Kindheit in der Dritten Welt, in: APuZ, (1990) 40-41, S. 21-29; ders., Kindheit in der Dritten Welt, in: APuZ, (2000) 17-18, S. 5-12.
11.
Vgl. UNICEF (Anm. 1).
12.
Vgl. Uwe Holtz, Die Milleniumsentwicklungsziele - eine gemischte Bilanz, in: APuZ, (2010) 10, S. 3-8.

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