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13.9.2010 | Von:
Uwe Britten

Kindheit in der "Dritten Welt"

Kinder sind oft am stärksten von den Lebensbedingungen in den Dritteweltländern betroffen. Es bedarf größter internationaler Anstrengungen, um das Überleben von Millionen von Kindern zu sichern.

Einleitung

Dass das weltweite Wirtschaftssystem in eine Schieflage geraten war, die über das gewohnte Maß hinausging, war in den Ländern der "Dritten Welt" schon Anfang 2008 zu merken. Grundlebensmittel (Brot, Reis, Mais) verteuerten sich rapide, in einigen Ländern um mehr als das Doppelte während weniger Monate. Auch die Preise für Wasser und Strom stiegen. Im Spätsommer eskalierte dann die Situation mit der sogenannten Bankenkrise. Wirtschaftsfachleute prognostizierten sofort: In den westlichen Ländern wird das eine höhere Arbeitslosigkeit nach sich ziehen, in den Entwicklungsländern Tote.

Solche Folgen betreffen in einem bedeutenden Umfang und allen voran Kinder. Die Weltbank vermutete 2009, dass rund 50.000 Kinder in Afrika aufgrund der Wirtschaftskrise zusätzlich sterben würden, wegen ihrer strukturellen Vernachlässigung fast ausschließlich Mädchen.[1] Kinder sind es, die in ihrem körperlichen Wachstums- und Reifungsprozess die Auswirkungen besonders zu spüren bekommen: unzureichende Ernährung, fehlende Hygiene, mangelnde medizinische Versorgung. Wenn sich nun abzeichnet, dass aufgrund der unausgewogenen Staatshaushalte die reichen Industrienationen sowohl bei den Verhandlungen von Handelsabkommen wieder restriktiver reagieren als auch die sogenannte Entwicklungshilfe einfrieren, dann wird auch das Konsequenzen für die junge Generation in Dritteweltländern haben.

Klimawandelfolgen

Am Ende der neunten Konferenz der Vereinten Nationen gegen Wüstenbildung im Oktober 2009 waren die Mitgliedsländer bereit, 16,3 Millionen US-Dollar jährlich zur Vermeidung der Wüstenausbreitung zur Verfügung zu stellen - also gerade mal etwas mehr als das Gehalt eines deutschen Top-Managers. Weltweit gelten schon jetzt vierzig Prozent der Landoberfläche als Trockenzonen, ein Anstieg um bis zu elf Prozent wird in den kommenden Jahrzehnten erwartet.

Nicht nur in Afrika, aber dort ganz besonders sind die Auswirkungen des Klimawandels für Millionen von Menschen längst existenziell geworden. Der Niger fließt heute noch mit einem Drittel seiner ursprünglichen Breite durch Mali. Jugendliche, die sich in einer familiären Fischertradition von vielen Generationen sehen, werden mit der Fischerei keine Familie mehr ernähren können. Sie werden ihre Identität umbauen müssen. Sie werden diejenigen sein, welche die Tradition beenden und mittels des internationalen Förderprogramms zu Bauern mit einer Orangenplantage für den Export werden - wenn alles klappt.

Gravierender sieht es in jenen Gegenden aus, die jetzt schon vor der völligen Verwüstung stehen. Die Wege von Mensch und Tier zu Wasserstellen werden immer länger. Haleb nennen die algerischen Nomaden den plötzlichen Hitzetod ihrer Ziegen, die irgendwann einfach tot umfallen. Kenianische Nomaden, die in ihren angestammten Regionen gar kein Wasser und keine Vegetation mehr finden, dringen mit ihren Herden in Nationalparks ein - von wo sie wiederum mit Waffen vertrieben werden. In diesen Regionen leben Kinder, denen früher oder später klar wird, dass ihre Lebensweise vor dem Ende steht. Dabei ist es nicht damit getan, Wüstenschulen einzurichten. Sie werden sich öffnen müssen für völlig neue Lebensformen. Sesshaftigkeit und Umsiedlungen in fremde Regionen werden die Folge sein.

Ein ganz anderes und in der Folge doch dasselbe Problem hat der kleine Inselstaat Tuvalu (11.000 Einwohner) im Pazifischen Ozean. Er versinkt allmählich im Wasser und wird in absehbarer Zukunft als erster Staat von der Weltkarte verschwunden sein. Die Kinder dort wissen, dass sie den späteren Teil ihres Lebens vermutlich nicht in ihrem Land verbringen werden. Auch sie stehen vor der Aufgabe, völlig neue Identitäten in fremden Umgebungen aufbauen zu müssen.[2]

Fluchtbewegungen

Wer in den (auch ökologisch) armen Regionen unserer Welt lebt, für den ist Flucht immer eine Option - sie muss es sein. Flüchtlingsströme sind seit Jahrzehnten faktisch ein struktureller Bestandteil der Bevölkerungsentwicklung. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) spricht für das Jahr 2009 von weltweit knapp 43 Millionen Menschen, die auf der Flucht seien. Das Kinderhilfswerk UNICEF erklärt parallel, dass nach wie vor mindestens die Hälfte der Flüchtlinge Kinder und Jugendliche seien. Regional ist der Anteil der Kinder vielfach sogar noch höher, dort nämlich, wo ganze Ethnien mit deutlich mehr als zwei Kindern pro Familie auf der Flucht sind (etwa im Kongo, in Pakistan, Sri Lanka und dem Sudan, aber auch in Kolumbien). Diese Flüchtlingszahlen sind die höchsten seit Mitte der 1990er Jahre, als erstmals auch die sogenannten Binnenflüchtlinge[3] von den Vereinten Nationen als Flüchtlinge anerkannt und zahlenmäßig geschätzt wurden.

Für viele dieser Kinder und Jugendlichen bedeutet die Flucht ein Leben in Lagern oder in Behelfsbehausungen in fremden Gegenden. Manche verbringen ihre ganze Kindheit in einer solchen Situation. Verbunden ist dieses Leben mit einer weitgehenden Entrechtung. Die Kinder und ihre Eltern werden meistens auch nach längerem Aufenthalt nicht vom Gastland als Staatsbürger anerkannt. Neugeborene werden dadurch zu Staatenlosen. Die Kinder können keine Schulen außerhalb der Lagerschulen (so es sie gibt) besuchen oder offiziell Ausbildungen aufnehmen. Teilweise verfestigen sich solche Lagerstrukturen zu ganz "normalen" Orten, und die Menschen leben wie Parias am Rande der jeweiligen Gesellschaften. Eine lobenswerte Ausnahme machte zuletzt Tansania, das mehr als 160.000 Burunder (meistens Hutus) einbürgerte. Völlig schutzlos wandern etwa im Süden des Sudan ganze Dörfer durchs Land. Sie sind fortwährend bedroht von milizenartigen Gruppen oder Kriminellen, die oft in einer Nacht diese Gruppen auslöschen, das bisschen Hab und Gut an sich nehmen und am Morgen wieder verschwunden sind.

Verwicklung von Kindern in Kriegen

Als 1989 nach einem zehn Jahre währenden Prozess die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen auf der Vollversammlung angenommen wurde, bestand eine der größten Hoffnungen darin, zukünftig die Verwicklung von Kindern und Jugendlichen in Kriegshandlungen eindämmen zu können. Doch auch im abgelaufenen Jahrzehnt sind Kinder als Opfer von Kriegshandlungen und als aktive Kämpfer immer wieder zum Thema worden. Eine große Konferenz mit fast sechzig Staaten verabschiedete im Februar 2007 ein Schlussdokument, in dem der Einsatz von Kindersoldaten entschieden abgelehnt wurde. Auch Staaten wie der Sudan, der Tschad, Somalia, die DR Kongo, Nepal und Sri Lanka nahmen damals teil. Trotz aller Deklarationen wird geschätzt, dass es weltweit bis zu 300.000 Kindersoldaten gibt - 1989 wurde noch eine Anzahl von 200.000 angenommen.

Kinder werden zudem passive Opfer von Kriegshandlungen, wenn sie auf Minen treten und - beim Überleben - fortan mit Beinprothesen das ohnehin mühsame Leben bewältigen müssen. Mehr als zynisch ist es, dass gelegentlich immer noch sogenannte Spielzeugbomben auftauchen. Sie sehen harmlos aus, und ihr Zünder wird erst durch das Aufschlagen am Boden aktiviert. Ahnungslose Kinder sehen dieses vermeintliche Spielzeug und nehmen es in die Hände, wobei sie durch die eintretende Detonation schwer verletzt werden.

Wie sehr Kinder in nationalen wie internationalen Kriegen instrumentalisiert werden, wurde Mitte Juni 2009 sehr deutlich, als zwei Meldungen weltweit parallel durch die Medien gingen: Im Irak wurden ein sunnitischer Politiker und sein Leibwächter von einem 15-Jährigen erschossen; gleichzeitig wurde ein Gefangener aus Guantánamo in den Tschad abgeschoben, der als 14-Jähriger in Pakistan von US-Militärs gefangengenommen und acht Jahre (!) inhaftiert worden war.[4]

Die traurigste Region der Welt ist in dieser Hinsicht aber Zentralafrika, wo sich zwischen den Ländern Uganda, Sudan, der DR Kongo und der Zentralafrikanischen Republik wahre Horrorszenarien abspielen. Die Grenzregionen dieser Länder werden von der ugandischen Lord's Resistance Army (LRA) tyrannisiert, die Kinder ganzer Dörfer systematisch zwangsrekrutiert. Die Orte, die sie unter Kontrolle haben, sind vor gar nichts sicher. So zeigt zum Beispiel die Filmdokumentation "Lost Children"[5] einen Jugendlichen, dem in einem Willkürakt auf offener Straße Ohren, Nase, Lippen und Fingerkuppen nach und nach abgeschnitten worden waren.[6]

In vielen (ehemaligen) Kriegsländern versuchen die Vereinten Nationen mit Demobilisierungsprogrammen, Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen wieder ein normales Leben zu ermöglichen. Zuletzt wurden in Nepal 500 Minderjährige - ein Drittel waren Mädchen - in ein solches Programm überführt. Sie sollen, unter anderem durch die Erschließung von Arbeitsmöglichkeiten, wieder behutsam in eine zivile soziale Umgebung eingebunden werden.

Kinderarbeit

Nach wie vor ein riesiges Problem in den Dritteweltländern ist die Kinderarbeit. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) schätzt die Anzahl der weltweit arbeitenden Kinder auf 215 Millionen, darin sind 115 Millionen enthalten, die unter ausbeuterischen oder sogar gefährlichen Bedingungen arbeiten. Anders ausgedrückt: Jedes siebte Kind auf der Welt arbeitet. Es lassen sich allerdings auch internationale Erfolge verzeichnen. Nach ILO-Angaben konnte die Zahl jener unter 14-Jährigen deutlich gesenkt werden, die unter gefährlichen Bedingungen arbeiten. Sie sind durch neue nationale Gesetze weltweit möglicherweise um ein Drittel reduziert worden.

Kinder werden oft dort als Arbeiter genutzt, wo sie besondere "Fähigkeiten" mitbringen. In Teppichknüpfereien oder Feuerwerksfabriken gelten sie wegen ihrer kleinen Finger als motorisch im Vorteil. Wegen ihrer geringeren Körpergröße werden sie in Untertagestollen von Minen eingesetzt oder auch bei der Ernte in Plantagen, wo sich Erwachsene vielleicht stundenlang bücken müssten. Solche Scheinrationalisierungen werden inzwischen aber zunehmend entlarvt, denn vorrangig geht es darum, die von Erwachsenen abhängigen, ihrem Arbeitgeber oft völlig ausgelieferten Kinder wirtschaftlich auszubeuten. Zudem blockiert die schlecht bezahlte Kinderarbeit häufig die Ausweitung von (über Tarifverträge oder Mindestlohngrenzen geregelten) Erwachsenenarbeitsplätzen. Groß ist auch der Dunkelbereich. Vor allem Mädchen als Haushaltshilfen sind meist vollkommen schutzlos. Und gerade in ländlichen Gebieten ist die Ausbeutung von Kindern kaum zu kontrollieren. Der Umstand, dass Prostitution gesellschaftlich ohnehin meist im Verborgenen gehalten wird, begünstigt die zuweilen sklavenartige Zwangsprostitution von Kindern beider Geschlechter insbesondere in Touristenregionen.

Das elterliche Verhalten mit seiner scheinbaren Ignoranz stößt dabei im westlichen Kulturkreis häufig auf Unverständnis. Es muss aber betont werden, dass das Weggeben von Kindern gegen eine Bezahlung ("verkaufte Kinder") fast ausschließlich ein Phänomen der Armut ist. Wer die eigenen Kinder nicht mehr ernähren kann, kommt irgendwann auf die Idee, die Familie zu verkleinern. Dass Angebote von entsprechenden Arbeitsvermittlern oft mit unwahren (Erfolgs-)Geschichten die Eltern überzeugen, tatsächlich aber nichts anderes als Menschenhandel dahinter steht, ist ebenso wahr.

Der Handel mit Kindern hat viele Gesichter. Vorrangig allerdings steht dahinter die Arbeitsausbeutung. Das kann schon Kinder im Grundschulalter betreffen. Schon früh werden sie an besser gestellte Familien abgegeben, wo es ihre Aufgabe ist, sich im Haushalt "nützlich" zu machen. Besonders trifft es dabei Kinder und Jugendliche gesellschaftlicher und diskriminierter Minderheiten. Ein reger Menschenhandel findet am Horn von Afrika statt, wo die reicheren arabischen Staaten an die armen Länder des "schwarzen" Afrikas grenzen. Die Vereinten Nationen gingen 2007 davon aus, dass es weltweit 27 Millionen Sklaven gibt, mit einem sehr hohen Anteil junger Menschen. In Afrika wird die Anzahl der über Landesgrenzen verschleppten und versklavten Kinder auf über 200.000 geschätzt.[7] Bildungs- und völlig mittellos ist es für Sklaven oft kaum möglich, in ein anderes, selbstbestimmtes Leben zu finden.

Straßenkinder

Eng mit dem Thema der arbeitenden Kinder ist das der "auf der Straße" lebenden verbunden. Die Anzahl der unter 18-jährigen Obdachlosen wird weltweit auf rund drei Millionen geschätzt. Bezieht man all jene ein, deren Alltagsleben weitgehend auf der Straße stattfindet, dann wird von etwa hundert Millionen gesprochen. In vielen lateinamerikanischen Ländern werden je einige Tausend obdachlose Minderjährige vorrangig in den großen Städten angenommen. In Afrika ist es ähnlich, dort können die Zahlen aber auch viel höher sein und in die Zehntausende gehen. Noch dramatischer sieht es in vielen Ländern Asiens aus. So werden (nach der engen Definition) allein in Indien 100.000 Straßenkinder vermutet.[8]

Straßenkinder sind ein Anzeichen für verfallene Sozialstrukturen, insbesondere für ein Wegbrechen des familiären Halts. Auch hier gilt Armut als häufigster Grund. Eltern sind nicht mehr in der Lage, das Familiengefüge aufrechtzuerhalten. Das Geld reicht nicht für die Ernährung aller, der Wohnraum wird unsicher, die Landflucht endet oft auf zehn Quadratmetern in einem Slum, die Eltern selbst "brechen ein" und versinken in der Depression. Familiärer Halt geht auch verloren, wenn die Familie zerrissen wird (zum Beispiel weil der Vater weit entfernt arbeitet) oder ihr soziales Umfeld (etwa die Unterstützung der Verwandten) verliert. Das Leben auf der Straße zieht vor allem Schutzlosigkeit nach sich: Arbeit für Hungerlöhne, Gewalt und Vergewaltigung, Schlafen in Hinterhöfen und Hauseingängen.

Dramatisch ist oft die Lage von Aids-Waisen. In vielen afrikanischen Ländern gelten sie nicht nur als Unheilsbringer, sondern die Wahrscheinlichkeit, dass auch sie infiziert sind, ist hoch - das Risiko der Infizierung ist in den Ländern der "Dritten Welt" schon bei Säuglingen um ein Vielfaches höher als in Westeuropa. Da diese Kinder und Jugendlichen selten die Schule besuchen, führt ihr Leben auch mittel- und langfristig in eine Sackgasse. Ohne Bildung bleiben sie im Sumpf der Billigarbeitsplätze oder in illegalen "Geschäften" stecken und sind damit auch kaum noch in der Lage, sich eine bessere Zukunft zu erschließen. Sie verfügen somit kaum über Verwirklichungschancen, wie sie der Human-Development-Ansatz einfordert, den die Vereinten Nationen für die Entwicklungszusammenarbeit formuliert haben.

Bildung

Kindern in den Dritteweltländern überhaupt zu einer Grundschulbildung zu verhelfen, ist nach wie vor eine gewaltige, ungelöste Aufgabe. Auch dort, wo Schulgebühren weitgehend abgeschafft sind, übersteigen allein die Anschaffung der Lehr- und Lernmaterialien und erst recht der in den meisten Ländern obligatorischen Schuluniform die Möglichkeiten armer Familien. Schulabbrüche aus Geldmangel sind an der Tagesordnung. Entsprechend gehört es zu den Daueranstrengungen der Vereinten Nationen, die Bildungschancen zu erhöhen und für Mädchen die Zugangshindernisse zu senken. Zweifelsohne gibt es hier Fortschritte, obwohl die UNESCO Anfang 2010 in ihrem Weltbildungsbericht herausstrich, dass immer noch rund 140 Millionen Kinder keine Schule besuchen.

Die Tabelle (Vgl. Tabelle 1 in der PDF-Version) zeigt, dass es für einen Großteil junger Menschen beim Besuch der Grundschule bleibt - und auch diese wird oft nicht abgeschlossen. So manches Kind kann auch nach vier oder sechs Schuljahren nicht gut lesen und schreiben. Nur etwa die Hälfte der Kinder in den Entwicklungsländern besucht noch eine weiterführende Schule, in der Gruppe der am wenigsten entwickelten Länder lediglich ein Viertel. Hier sinkt häufig auch der Anteil der Mädchen wieder, wenn er in der Grundschule noch gleich oder manchmal sogar höher lag als der Jungenanteil und obwohl ihre Leistungen oft sogar besser sind als die der Jungen.

Die Etablierung eines kontinuierlichen Schulbesuchs gestaltet sich insbesondere in ländlichen Regionen schwierig. Schule wird oft dort attraktiver, wo sie etwa mit einem Mittagessen oder einem halben Liter Milch pro Schüler täglich verbunden ist. In einer Reihe von muslimischen Staaten gibt es zudem große Vorbehalte gegen den Schulbesuch von Mädchen.

Bildung ist auch in den Entwicklungsländern ein entscheidender Faktor für die Lebenschancen, wobei vielerorts sowohl die Ausbildung und Bezahlung von Lehrern als auch die Schulkonzepte mangelhaft bis ungenügend sind. Die UNESCO warnte zuletzt davor, dass die Raten des Schulbesuchs in vielen Ländern aufgrund der aktuellen Wirtschaftskrise wieder sinken könnten und spricht in diesem Fall von einer "verlorenen Generation", die ihre Defizite auch später im Leben nicht mehr würde aufholen können.

Gesundheit

Die Rahmenbedingungen des Aufwachsens in Dritteweltländern lassen sich natürlich auch in "harten" medizinischen Fakten ausdrücken. Über die vergangenen Jahrzehnte hinweg zeigt sich, dass die Säuglings- und Kindersterblichkeit insgesamt deutlich abgenommen hat. Kindersterblichkeit mit bis zu vierzig Prozent scheint der Geschichte anzugehören - situative Ereignisse oder regionale Besonderheiten außer Acht gelassen. Doch wie so viele andere Lebensbedingungen auch, so ist die gesundheitliche Versorgung ein sehr fragiles gesellschaftliches Strukturelement. Kriege beispielsweise lassen auch die Säuglings- und Kindersterblichkeit sofort wieder hochschnellen.

Die Tabelle (Vgl. Tabelle 2 in der PDF-Version) zeigt anhand der Zahlen für Liberia, Kongo und dem Tschad solche Entwicklungen. Sie zeigt jene 15 Länder, die 1998 die höchsten Kindersterblichkeitsraten hatten. Hinter den Zahlen der Spalte 2008 ist ihre jetzige Platzierung angegeben. Nur vier der damaligen Länder gehören heute nicht mehr zu dieser "Spitzengruppe". Zum Vergleich: Die Quote in Deutschland beträgt vier von Tausend.

Laut Welthungerhilfe hungern weltweit rund eine Milliarde Menschen. Lang andauernde Fehl- oder Mangelernährung in der Kindheit führt zu bleibenden Körperschäden, wovon weltweit rund 200 Millionen Kinder betroffen sind. Auch heute noch ist die Versorgung vieler Menschen mit hinreichend Vitamin A nicht möglich. Blindheit kann ebenso die Folge sein wie Leber- und Immunsystemschäden, die weitere Krankheiten nach sich ziehen. Viele davon, etwa Masern, innere Austrocknung oder Parasitenbefall, wären im Grunde leicht zu verhindern.

Um Kinder vor den tödlichen Folgen von Krankheiten zu schützen, sind die Impfprogramme stetig intensiviert worden. So wurde schon Ende der 1990er Jahre das zwischenzeitlich deklarierte Ziel einer achtzigprozentigen Impfquote gegen Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten (DPT3) sowie gegen Kinderlähmung und Masern in den Entwicklungsländern erreicht. Allerdings ist in den abgelaufenen zehn Jahren diese Quote auch nicht mehr gesteigert worden. Sogar gesunken ist die Rate der Oralen Dehydrationstherapie (ORT). Diese wird angewendet, um den Wasser- und Salzverlust, etwa durch Diarrhoe, und damit das Austrocknen des Körpers zu verhindern. Mitte der 1990er Jahre war auch hier eine fast achtzigprozentige Quote bei den betroffenen Kindern erreicht, aktuell gibt UNICEF die Rate mit nur noch um die vierzig Prozent an.

Durch Krisen und Kriege können die Impfraten innerhalb kürzester Zeit wieder weit zurückgeworfen werden. So brauchte Ruanda fast zwanzig Jahre, um das kriegsbedingte Abrutschen der Impfquoten in den 1990er Jahren von achtzig auf fünfzig Prozent wieder abzufangen. Inzwischen haben die meisten Impfungen wieder einen Stand von über neunzig Prozent erreicht. Ähnliches gilt für das ehemaligen Vorzeigeland Simbabwe, wo seit 2008 wieder die Cholera grassiert.[9]

Große Anstrengungen sind auch nötig, um die Malaria weiter einzugrenzen. Kinder werden meist schon sehr früh durch die Anophelesmücke infiziert, sodass auch hier nur eine Impfung hinreichend Schutz bieten würde. Rund 900.000 Menschen sterben jährlich an der Krankheit, vor allem Kinder. In mehreren afrikanischen Ländern laufen zurzeit Impfversuche mit dem Impfstoff RTSS, der zu einem ersten Durchbruch bei der Malaria-Bekämpfung verhelfen könnte. Falls das wirklich eintritt, wird sich aber die Frage stellen, wer die Millionen von Impfdosen bezahlen wird.

Die Entwicklung und der Verkauf von Impfstoffen findet natürlich auf einem internationalen Markt statt. Hier überwiegen Kapitalinteressen, wie es der Umgang mit den Aids-Medikamenten des Novartis-Konzerns zuletzt gezeigt hat - der Konzern hatte in Indien gegen billigere Nachbildungen (Generika) geklagt, seine Klage wurde jedoch 2007 abgewiesen. Inzwischen werden in mehreren Ländern entsprechende Generika verkauft, sodass die Preise für die Entwicklungsländer gefallen sind - wenngleich in der nötigen Menge oft weiterhin nicht bezahlbar.

Die Zahlen der HIV-Neuinfizierungen sind zuletzt gesunken (1,9 Millionen 2008). Weltweit gelten rund 34 Millionen Menschen als infiziert. Davon sind zwei Millionen Kinder unter 14 Jahre. Die Organisation UNAIDS hatte jüngst dafür geworben, mehr Aktivitäten zu finanzieren, mit denen die Infizierung der Ungeborenen verringert werden könnte. Dreizehn bis zwanzig Milliarden US-Dollar seien dafür nötig - ein Betrag, dessen Beschaffung momentan als aussichtslos hingestellt wird.

Millenniumsziele und Wege in die Zukunft

Wer mit einem kinderbezogenen Blick auf die Entwicklungspolitik der vergangenen drei Jahrzehnte sieht,[10] muss zum einen eine "durchwachsene" Bilanz ziehen, zum anderen aber auch eine klare Warnung für die Zukunft aussprechen. Es hat in dreißig Jahren zweifelsohne Fortschritte beim weltweiten Kinderschutz gegeben. Die Sensibilität in vielen Ländern hat zugenommen, und es schmeichelt jeder Regierung, sich auf internationalen Konferenzen mit nationalen Erfolgen auf diesem Gebiet präsentieren zu können.

Erwähnt seien auch Erfolge, die aufgrund von Kampagnen international vernetzter Nichtregierungsorganisationen eingetreten sind: die Verringerung der Kinderarbeit in Teppichknüpfereien und die Etablierung des Rugmark-Siegels für entsprechende Produkte; die Ächtung der Kinderprostitution und entsprechende Abkommen mit internationalen Reiseveranstaltern; die inzwischen breite Diskussion (auch in der muslimischen Welt) über die Genitalverstümmelung bei Mädchen; die Zurückdrängung der Landminenproduktion (und jetzt auch der Streubomben) nach dem Friedensnobelpreis für die Anti-Landminen-Kampagne 1997.

Pädagogisch war der Zeitraum geprägt von einer akzeptierenden Grundhaltung und einer Ressourcen- statt einer Defizitorientierung. Das heißt: Kinder- und familienorientierte entwicklungspolitische Organisationen richteten ihre Hilfe so aus, dass die Lebensbedingungen anderer Kulturen in ihrer Andersartigkeit stärker akzeptiert wurden und nicht allein das westliche Modell als Heilsbringer galt. Das bedeutet auch, genauer hinzusehen, über welche Ressourcen Familien und Kinder verfügen, die gezielt genutzt und gefördert werden können, anstatt immer nur zu betonen, was schlecht sei und verändert gehöre. Diese "pragmatische Wende" hat sicherlich viele Vorteile gebracht und spätkoloniale Tendenzen weiter abgeschwächt. So führte beispielsweise die internationale Diskussion über Kinderarbeit dazu, diese als (familiäre oder individuelle) Überlebensstrategie erst einmal anzuerkennen, statt sie juristisch verbieten zu wollen.

Solchen Errungenschaften stehen aber sowohl ganz offenbare Misserfolge als auch instabile Erfolge gegenüber. Wer die Situation von Säuglingen, Kindern und Jugendlichen nachhaltig bessern will, erreicht dies nur, wenn stabile Strukturen aufgebaut und ihr Funktionieren verstetigt werden kann. Impfprogramme etwa dürfen eben keine befristeten "Kampagnen" sein, sondern müssen Jahr für Jahr wiederholt werden. Wenn Strukturen des Gesundheitssystems zusammenbrechen, hat das dauerhafte Folgen.

Ein offen zutage tretender Misserfolg zeigt sich etwa darin, dass ein großer Teil der Erdbevölkerung immer noch von unter 1,25 US-Dollar täglich leben muss und die Ernährung von Kindern entsprechend meist nicht ausreicht. In den meisten afrikanischen Ländern leben 55 Prozent der Bevölkerung unter dieser absoluten Armutsgrenze.[11] Ähnlich hoch ist die Quote in Südasien. Auch die ungebrochene Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen in Kriege (inklusive der systematischen Vergewaltigung von Mädchen) stellt einen deutlichen Misserfolg dar.

Neben solchen globalen Betrachtungen muss betont werden, dass die Lebensbedingungen innerhalb der einzelnen Länder oft gravierend differieren. Während vielleicht eine städtische Mittelschicht breiter wird und diese Familien an Wohlstand gewinnen, sterben im selben Land in bestimmten ländlichen Regionen oder auch im städtischen Slumgürtel Kinder an Masern oder Austrocknung.

Die Vereinten Nationen waren im September 2000 mit einem mutigen Programm ("Millenniumserklärung") ins neue Jahrtausend gestartet. Die darin formulierten gemeinsamen Ziele inklusive der angestrebten Eckwerte sollten bis 2015 erreicht werden. Mehrere der Ziele betreffen direkt das Leben von Kindern. Auch hier fällt die Zwischenbilanz durchwachsen aus. Zwar wird gegenwärtig die Quote der Menschen in absoluter Armut auf "nur" noch 25 Prozent der Weltbevölkerung geschätzt (entgegen 40 Prozent vor zehn Jahren), und mithin sank auch die Kindersterblichkeit prozentual, andere Ziele wie der Grundschulbesuch oder der Zugang zu sauberem Wasser (inzwischen als Menschenrecht anerkannt) gelten aber schon jetzt als nicht mehr erreichbar.[12]

Um den Jahreswechsel 2010/2011 herum wird die Weltbevölkerung auf 6,9 Milliarden Menschen angewachsen sein. Jedes Jahr kommen rund achtzig Millionen hinzu. Alle Hinzukommenden sind erst einmal: Kinder. Will die Weltgemeinschaft Kindern ein geschütztes Aufwachsen mit den Chancen einer individuellen Entwicklung bieten, werden Anstrengungen notwendig sein, die selbst eine Wirtschaftskrise überstehen müssten. Gewaltige nationale wie internationale Umverteilungsprozesse werden dazu nötig sein.
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Fußnoten

1.
Vgl. Sina Klingler/Jürgen Volkert, Kinder in der Finanz- und Wirtschaftskrise - eine Herausforderung nur für arme Länder?, in: UNICEF (Hrsg.), Report 2010. Kinder - die Vergessenen der Finanzkrise, Frankfurt/M. 2010, S. 82.
2.
Eine Konferenz pazifischer Inselstaaten ging 2009 davon aus, dass bis 2050 rund acht Millionen Menschen ihre Inseln verlassen müssen.
3.
Vgl. Andreas Rister, Vertreibung von Kindern verhindern! Für ein Menschenrecht auf Schutz vor Vertreibung, Osnabrück 2006.
4.
UNICEF schätzt, dass weltweit eine Million Minderjährige in Gefängnissen sitzen; in Guantánamo waren es zwölf.
5.
Regie: Ali Samadi Ahadi und Oliver Stoltz, 2005.
6.
Vgl. auch China Keitetsi, Sie nahmen mir die Mutter und gaben mir ein Gewehr. Mein Leben als Kindersoldatin, Berlin 2002; Ishmael Beah, Rückkehr ins Leben. Ich war Kindersoldat, Frankfurt/M. 2007.
7.
Vgl. etwa Francis Bok/Edward Tivnan, Flucht aus der Sklaverei. Francis, sieben Jahre alt, Sklave, Bergisch Gladbach 2004.
8.
Vgl. terre des hommes, Dossier "Straßenkinder", 2008, online: www.tdh.de (2.9.2010).
9.
Vgl. UNICEF (Anm. 1).
10.
Dieser Aufsatz ist in Zehnjahresschritten der dritte dieser Art: Vgl. Uwe Britten, Kindheit in der Dritten Welt, in: APuZ, (1990) 40-41, S. 21-29; ders., Kindheit in der Dritten Welt, in: APuZ, (2000) 17-18, S. 5-12.
11.
Vgl. UNICEF (Anm. 1).
12.
Vgl. Uwe Holtz, Die Milleniumsentwicklungsziele - eine gemischte Bilanz, in: APuZ, (2010) 10, S. 3-8.

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