30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

30.8.2010 | Von:
Walter Haubrich

"Besser als gestern, schlechter als morgen" - Essay

Ungezügelter Bauboom

In den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts wurden in Spanien so viele Wohnungen gebaut, wie in den anderen vier großen Ländern der Europäischen Union - Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Italien - zusammen. Die Bauwirtschaft wurde in diesen Jahren neben dem Tourismus zum wichtigsten Pfeiler des imponierenden spanischen Wirtschaftswachstums von durchschnittlich über drei Prozent pro Jahr. Über 80 Prozent der inzwischen mehr als 46 Millionen Spanier leben in Eigentumswohnungen. Da nur die wenigsten Spanier zur Miete wohnen möchten, ist es ein wichtiges Ziel sparsamer Eltern aus dem Mittelstand, ihren Kindern zur Hochzeit eine zumindest schon angezahlte Wohnung zu schenken. Die Hypotheken sind gewöhnlich sehr langfristig und die meisten Familien brauchen das ganze Leben, um sie abzuzahlen.

Die Banken und besonders die Sparkassen vergaben ziemlich leichtfertig Hypotheken und bleiben jetzt auf vielen dieser langfristigen Kredite sitzen. Die Gastarbeiter, vor allem die aus Lateinamerika, haben die Vorliebe der Spanier für Eigentumswohnungen übernommen und sich dabei ebenfalls hoch verschuldet, was in Zeiten großer Arbeitslosigkeit auch soziale Probleme schaffen kann. Die Preise im Immobiliengeschäft waren bis 2008 stärker gestiegen als in jedem anderen Land Europas.

Unzählige Hotels und Apartmentanlagen wurden in den vergangenen Jahren an den Küsten gebaut, in den Hauptgebieten des ausländischen Tourismus. Der hektische Bauboom vor allem an der Mittelmeerküste hat viel Kritik im Land und jenseits der Grenzen hervorgerufen. Viele Bürgermeister kleiner Städte mussten sich wegen Korruption verantworten, weil sie für Umwidmungen in Bauland hohe Geldsummen von Immobilienfirmen und Bauunternehmen angenommen hatten. Auch in der Nähe der Landeshauptstadt Madrid sind in manchen Dörfern in großen Blöcken Zehntausende von Wohnungen gebaut worden. Sie sind für Pendler gedacht, die in Madrid arbeiten, wo das Bauland und die Wohnungen beträchtlich teurer sind. Viele Wohnungen, zum Beispiel 30.000 in dem teuren Ferienort Marbella, wurden illegal auf städtischen Grünflächen errichtet und sind für die einheimische Bevölkerung größtenteils unerschwingliche Spekulationsobjekte. Besonders die Region Valencia hat sich auf das Umwidmen von landwirtschaftlichen Zonen in Baugrund spezialisiert. In dem bis dahin 10.000 Einwohner zählenden Ferienort Benicásim wurden auf diese Weise zwei Quadratkilometer für einen Golfplatz und 3.000 Wohnungen gewonnen.

Jeder noch so kleine Ort an der Mittelmeerküste möchte heute einen Golfplatz haben. Lokalpolitiker und Bauunternehmer verteidigen diese Projekte mit dem Argument, Golfspieler seien meistens wohlhabend, garantierten somit "Qualitätstourismus" und ließen viel Geld in ihren Ferienorten. Golfplätze brauchen allerdings viel Wasser, und das ist in der Region Valencia bekanntlich knapp. Bei den großen Demonstrationen gegen die geplante Ableitung von Wasser aus dem Ebro nach Valencia hörte man im Landesinnern häufig den leicht demagogischen Satz: "Unser Ebro-Wasser gehört nicht den reichen Golfspielern an der Küste."