30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

30.8.2010 | Von:
Walter Haubrich

"Besser als gestern, schlechter als morgen" - Essay

Offene Baustellen

Zurück nach Madrid: Mitten im Herzen des eleganten Stadtviertels ragen seit Monaten vier Kräne unbewegt über die Dächer. Dort, am Paseo de la Castellana, sollte bis Ende 2010 ein Großprojekt fertig sein: ein Fünf-Sterne-Hotel, daneben Einzelapartments und Luxusläden. Die fünfstöckigen Parkplätze in den Kellern sind fertig, ebenso wie sechs Stockwerke nach oben. Doch dann ging dem Bauherrn das Geld aus, und die Banken vergaben keine Kredite mehr. Seit acht Monaten stehen die Kräne still, nur von Zeit zu Zeit erscheinen einige Arbeiter und kehren den Staub weg. Dabei ist der Bauherr kein Unbekannter, seiner Firma gehören Immobilien in 40 Städten der Iberischen Halbinsel und in Miami. Das halbfertige Hochhaus in Chamartín ragt als Symbol für das Ende des Baubooms über die Castellana-Allee. Spanier kommentieren, wenn sie an der Bauruine vorbeigehen mit leichter Ironie, manchmal auch mit Schadenfreude, den Wandel in der Bauwirtschaft. Einige hundert Meter weiter nach Norden ragen vier hohe Türme auf dem ehemaligen Trainingsgelände von Real Madrid in die Wolken. Mit dem Verkauf dieses Areals auf dem wertvollsten Bauboden Madrids hatte Florentino Pérez, Vereinspräsident von Real Madrid und Inhaber des größten Bauunternehmens in Europa, ein besonders gutes Geschäft gemacht.

Gegenüber der sechsstöckigen Bauruine, auf der anderen Seite der Castellana, wird Madrid in der Nacht besonders lebhaft. Da breiten sich Diskotheken, Nachtclubs sowie Cabarets nach Berliner Vorbild aus und es werden "erotische Tänze" und "nackte, böse Mädchen" auf den Häuserwänden annonciert. Besitzer und Angestellte solcher Lokale klagen, im Gegensatz zu Restaurants und Tavernen, über geringeren Zulauf, seitdem die Finanz- und Wirtschaftskrise auch von der Regierung zugegeben wird. Das Publikum dieser Lokale scheint sich an den alten Madrider Grundsatz zu halten, wonach man "jeden Tag essen und trinken muss; alle Vergnügungen danach seien Luxus für Leute mit viel Geld, darauf könnte man notfalls verzichten." Die leichten Mädchen, die in diesen Nachtlokalen arbeiten, kommen fast proportional zu den Gastarbeitern in Spanien aus aller Welt an; an der Spitze die Rumäninnen, dann Südamerikanerinnen und Marokkanerinnen.

Die Spanier hatten bis zum Jahr 2009 kaum Geld gespart und das, was übrig war, zu neuen Einkäufen oder zur Zurückzahlung von Krediten benutzt. Der damals steigende Konsum half mit, das Wirtschaftswachstum hoch zu halten. Mit der Finanzkrise begannen auch die Spanier zu sparen. So wächst der innere Konsum derzeit nur um 0,3 Prozent im Halbjahr, weniger als in anderen großen Ländern der Europäischen Union. Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat in Spanien später begonnen als im übrigen Europa, und sie wird wohl auch erst später überwunden werden. Spaniens Industrie erzeugt außer Automobilen keine Produkte, die leicht exportiert werden können und von den neuen bevölkerungsreichen Großmächten, den ehemaligen Schwellenländern China, Indien und Brasilien, unbedingt gebraucht werden. Das macht es für Spanien schwieriger die Krise zu überwinden als etwa für Deutschland.

Die Säule der spanischen Wirtschaft, die nicht einstürzen wird, ist der Fremdenverkehr - ohne die spanischen Unterkünfte würde der Tourismus in Europa zusammenbrechen. Ein Beispiel verdeutlicht diese Situation: Die spanische Insel Mallorca hat mehr Unterkünfte zur Verfügung als ganz Griechenland. In der Krise hat sich die Zahl der ausländischen Besucher - im Sommer vor allem auf dem Festland, im Winter auf den Kanarischen Inseln - nur geringfügig verringert. Die Touristen geben allerdings im Urlaub weniger aus, auch sie sind sparsamer geworden.

Spanien wird - vor allem durch den Tourismus - immer mehr zu einem Land der Dienstleistung. Dies zuzugeben, wird für viele Spanier, die noch von einem großen Industriestaat träumen, nicht leicht sein. Doch sowohl die Einheimischen als auch zunehmend die Ausländer lernen immer mehr die spanische Lebensformen zu schätzen: den herzlichen Umgang der Menschen miteinander, selbst im Gespräch mit Unbekannten bei einem Gläschen Wein, die abwechslungsreiche, auf regionale Unterschiede gestützte Küche und das fast ständige Sonnenwetter tragen zu einer beachtlichen Lebensqualität bei.

Sportliche Erfolge stärken das an sich nicht stark ausgebildete Nationalbewusstsein und helfen, die Arbeitsleistung und die geringe Produktivität ein wenig zu steigern. In diesem Sommer der Krise konnten die Spanier die Erfolge des Tennisspielers Rafael Nadal feiern. Er war nach einer langen Verletzung mit den Grand-Slam-Titeln von Wimbledon und Paris schnell wieder zur Nummer Eins der Weltrangliste geworden. Ebenso freute man sich über den Madrider Alberto Contador, der zum dritten Mal die Tour de France gewann - Radsport ist nach Fußball der populärste Sport in Spanien. Jedoch am meisten und am lautesteten freute sich ganz Spanien - einschließlich der sonst auf ihre Eigenständigkeit bedachten Basken und Katalanen - über den Gewinn der Fußballweltmeisterschaft durch ihre Nationalmannschaft, die seit dem Ende der Diktatur "La Roja" (die Rote) genannt wird - wenn auch nicht aus politischen Gründen, sondern wegen der Farbe des Trikots.

Der Sommer 2010 drohte anfangs schlimm zu werden für Spanien, als sich gleich nach dem Bankrott Griechenlands die sogenannten internationalen Finanzmärkte und die angelsächsische Wirtschaftspresse Spanien als nächstes Ziel ihrer Angriffe aussuchten. Zwei deutsche Zeitungen verbreiteten sogar die sofort von Madrid und Brüssel dementierte Falschmeldung, dass Spanien beim Hilfsfonds der Europäischen Union eine hohe Geldsumme beantragt habe. Inzwischen hat sich die Situation Spaniens auf den Finanzmärkten wieder gebessert.

Beim internationalen Stresstest europäischer Banken im Juli 2010 erzielten die spanischen Großbanken besonders gute Ergebnisse. Man vergisst gern in Deutschland, dass die spanischen Geldinstitute Banco de Santander und Banco de Bilbao die beiden größten Banken der Eurozone sind. Allerdings sind viele spanische Sparkassen reformbedürftig und müssen fusionieren. Die Tatsache, dass so gut wie jede der 50 spanischen Provinzen zumindest eine eigene Sparkasse hat, ist auf die Dauer unhaltbar. Gerade die schwächsten dieser Sparkassen hatten in der Hochkonjunktur besonders viele Hypotheken und Kredite in ihren Heimatprovinzen verteilt, auf deren Rückzahlung sie jetzt noch warten.