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30.8.2010 | Von:
Holm-Detlev Köhler

Spanien in Zeiten der globalen Wirtschaftskrise

Spanische Strukturschwächen

Das spanische Wachstumsjahrzehnt rund um die Jahrtausendwende hat mehrere Komponenten, einige davon durchaus soliden Charakters. Das Baskenland und Navarra haben eine moderne Metallverarbeitungs-, Maschinen- und Fahrzeugbauindustrie, das benachbarte Rioja und mehrere Mittelmeerregionen haben sich erfolgreich auf den Export von Nahrungsmitteln und Getränken spezialisiert. In Valencia hat sich ein starker Pharmaindustriecluster entwickelt, Zara und Mango sind nur die bekanntesten Marken einer blühenden Mode- und Bekleidungsindustrie, und die Banken und Versicherungen sind zu potenten global players geworden. Auch einige ehemals staatliche Energie- und Telekommunikationsunternehmen haben sich erfolgreich internationalisiert und kontrollieren große Teile der lateinamerikanischen Märkte.[2]

Den Kern des Beschäftigungswachstums bildeten jedoch der Tourismus- und der Bausektor mit den darum gruppierten Dienstleistungsaktivitäten (Hotels und Gaststätten, Reisebüros, Immobilienmakler, Personentransport). Sie sind, neben den häuslichen und persönlichen Diensten, auch die hauptsächlichen Betätigungsfelder der zuwandernden Arbeitsmigranten. Der Bausektor repräsentierte im Jahr 2007 nach einem Jahrzehnt kontinuierlichen Wachstums stolze 11 Prozent des BIP, mehr als in jedem anderen europäischen Land. Niedrige Zinsen und Steuervorteile für den Erwerb von Wohnungen heizten den Bauboom zusätzlich an. 700.000 neue Wohnungen wurden im Boomjahrzehnt jährlich gebaut, mehr als in Frankreich und Deutschland zusammen. Doch 2009 ist die Anzahl der Neubauwohnungen um 80 Prozent auf 150.000 gefallen. Auch die Touristenzahlen, die seit vielen Jahren kontinuierlich auf 59 Millionen Besucher im Jahr 2007 angestiegen waren, sind in den Krisenjahren 2008/2009 auf 52 Millionen gefallen, was einem Einnahmeverlust von knapp drei Milliarden Euro pro Jahr entspricht.

Mit diesen beiden Sektoren sind auch die strukturellen Schwachpunkte des auslaufenden Wachstumsmodells identifiziert. Die Arbeitsplätze, die sie bieten, sind oft prekär, gesundheitsschädlich und gering qualifiziert. Die Wachstumseffekte sind kurzfristig und die ökologischen Nebenwirkungen zunehmend kritisch. Eine weitere Zubetonierung der Mittelmeerküste trifft inzwischen auf deutliche soziale und politische Widerstände. Die oft mit EU-Fonds und Privatisierungseinnahmen aus dem Verkauf von Staatsunternehmen finanzierten öffentlichen Infrastrukturinvestitionen sind mit dem Versiegen dieser Geldquellen ebenfalls rückläufig.

Neben den negativen Folgen für die natürliche sind auch ebensolche für die politische Umwelt aufgetreten. Die Baulizenzen sind zu hoch lukrativen Einnahmen vieler Kommunen geworden, und es hat sich ein spekulatives und korruptes Geschäft um die Genehmigung neuer Bauten an attraktiven Standorten entwickelt. Bestechungsgelder, Unterschlagungen, Geldwäsche-Operationen und ähnliches haben in den vergangenen Jahren zahlreiche Bauunternehmer, Finanzmakler, Stadträte und Bürgermeister ins Gefängnis gebracht, doch sie repräsentieren nur die ersten Zweige eines undurchsichtigen, korrupten Gestrüpps aus Unternehmern und Politikern aller Parteien, das zu entwirren lange dauern wird. Nicht nur in kleinen Küstenstädten, auch in der Hauptstadt Madrid kassierte die Baubehörde für die beschleunigte Genehmigung von Baulizenzen Bestechungsgelder.

Niedrige Produktivität, schwache Innovationskraft und mangelnde Investitionen in Forschung und Entwicklung bewirken eine Wettbewerbsschwäche der spanischen Produkte auf internationalen Märkten. Ein Viertel der spanischen Exporte beruht auf dem Fahrzeugsektor, dem Wirtschaftszweig, der am meisten von kostensparenden Produktionsverlagerungen nach Zentraleuropa und Nordafrika bedroht ist. Die wachsende Konkurrenz der neuen Industrieländer Asiens und Osteuropas droht Spanien aus den internationalen Handelsströmen auszugrenzen. Seine Exportschwäche hat Spanien zu einem der "Weltführer" in Sachen Außenhandelsdefizit gemacht: Im Jahr 2008 wies Spanien ein Handelsbilanzdefizit von 104,6 Milliarden Euro auf (9,6 Prozent des BIP). Im Krisenjahr 2009 ging das Defizit aufgrund der drastisch gesunkenen Importe (eine Folge des weit überdurchschnittlichen Einbruchs der Binnennachfrage) zwar zurück, aber dennoch offenbart es die lang anhaltende Konkurrenzschwäche der spanischen Wirtschaft. Knapp zehn Prozent des BIP wurden in den Jahren vor der Krise über ausländische Kapitalzuflüsse finanziert. In absoluten Zahlen weisen nur die USA ein höheres Zahlungsbilanzdefizit auf.

Die EU-Osterweiterung hat nicht nur zu Standortverlagerungen arbeitsintensiver Produktionen und Dienstleistungen geführt, sondern auch zur Umleitung der europäischen Struktur- und Regionalfonds, die im vergangenen Jahrzehnt einen erheblichen Teil der öffentlichen Investitionen (und damit den Bauboom) mitfinanziert haben. Rund 150 Milliarden Euro flossen seit Ende der 1980er Jahre aus Brüssel nach Spanien, was in den Jahren 1995 bis 2005 über ein Prozent des BIP entsprach. Der laufende EU-Haushalt (2007 bis 2013) hat die Mittel für Spanien bereits halbiert, ab 2014 droht diese Quelle - zugunsten der neuen, zentraleuropäischen EU-Mitglieder - ganz zu versiegen.

Die EU-Fonds sind jedoch nicht die einzige außerordentliche Finanzquelle, die nun austrocknet. Rund dreißig Milliarden Euro nahm der spanische Staat seit Mitte der 1990er Jahre durch den Verkauf öffentlicher Unternehmen ein: Energie- (Endesa, Repsol, Enagás, Gas natural), Transport- (Iberia, Transmediterránea, Enatcar), Telekommunikations- (Telefonica), Finanz- (Argentaria) und Stahlunternehmen (Aceralia), viele von ihnen Marktführer, wurden erfolgreich an die Börse gebracht.

Die Innovations- und Wettbewerbsschwäche der spanischen Wirtschaft hängt auch mit der atomisierten Unternehmensstruktur zusammen. 95 Prozent der 3,35 Millionen (2009) spanischen Unternehmen haben weniger als zwanzig Beschäftigte, die Hälfte hat gar keine Mitarbeiter außer dem Unternehmer selbst. Während die wenigen Großunternehmen hinsichtlich Produktivität, Forschung und Entwicklung sowie Export durchaus internationalem Vergleich standhalten, ist die Masse der Klein- und Kleinstunternehmen für die niedrigen Raten der Gesamtwirtschaft verantwortlich. Auch die im Vergleich zum Euro-Raum höhere Inflationsrate und die dadurch bedingte relative Verteuerung der spanischen Produkte und Dienstleistungen drückt auf die Export- und Wettbewerbsfähigkeit.

Immerhin sind nicht nur die Schwächen, sondern auch einige Stärken der spanischen Wirtschaft zum Vorschein gekommen. So leiden die spanischen Banken und Sparkassen zwar unter dem Zusammenbruch der Immobilienmärkte, jedoch weitaus weniger als andere unter der internationalen Finanzkrise. Die strenge Aufsicht der spanischen Nationalbank und das dominante Modell der Privatkundenbanken mit seinen institutionellen Hürden für intransparente Spekulationsgeschäfte sowie einer Mindestdeckung zur Einlagensicherung verhinderte das desaströse Derivatgeschäft. Gleichwohl haben die Liquidationsengpässe und vor allem die geplatzte Immobilienblase die Finanzinstitute in Probleme gebracht und werden sie noch über Jahre beschäftigen. Viele Hypotheken und Baukredite müssen abgeschrieben werden. Der zusammengebrochene Finanzmarkt zwang die spanischen Banken, sich massiv bei der Europäischen Zentralbank zu refinanzieren und gleichzeitig den Kredithahn für kleine und mittlere Unternehmen verschlossen zu halten.

Besonders betroffen waren die regionalen Sparkassen mit ihren Serviceleistungen für kleine und mittlere Betriebe und private Hypotheken. Die spanischen Sparkassen verfügen über eine Verwaltungsstruktur mit starker Beteiligung lokaler und regionaler politischer Organisationen, Stadt- und Landesregierungen sowie den Gewerkschaften. Zudem sind sie zu sozialen und kulturellen Aktivitäten verpflichtet, was den Privatbanken und konservativen Parteien seit Langem ein Dorn im Auge ist. Die aktuellen Krisenerscheinungen waren daher auch ein willkommener Anlass, dieses System umzubauen. Bei der Zentralbank wurde ein spezieller Restrukturierungsfonds (Fondo de Reestructuracion Ordenada Bancaria, FROB) zur Finanzierung und Steuerung dieses Umbaus eingerichtet. Im Juli 2010 wurde ein Gesetz zur Reform der Sparkassen erlassen, welches die Reduzierung öffentlicher Repräsentanten in den Regierungsorganen der Kassen und eine strikte Trennung der Geschäfts- und Sozialfunktionen vorsieht (letztere in Stiftungen ausgelagert).

Zusammenfassend gesehen, handelt es sich bei der Wirtschaftskrise in Spanien also um ein Zusammentreffen von internationaler Finanz- und Wirtschaftskrise mit lange angehäuften nationalen Strukturschwächen. Seit Langem haben sich Anzeichen für ein Auslaufen des Wachstumszyklus gezeigt, und es sind keine Sektoren in Sicht, denen ein neuer Boom zuzutrauen wäre, wie es ihn damals in der Bau- und Tourismusbranche gab. Bis in die 1990er Jahre regulierten die spanischen Regierungen die Wettbewerbsschwäche ihrer Wirtschaft regelmäßig mit Abwertungen der Peseta. Doch mit der Europäischen Währungsunion ist dieses Ventil verschlossen.

Fußnoten

2.
Die verspätete Internationalisierung der spanischen Unternehmen seit den 1990er Jahren hat inzwischen auch eine entsprechende akademisch-analytische Literatur hervorgebracht: Vgl. Juan José Durán Herrera, El auge de la empresa multinacional española, in: Boletín Economico de ICE, (2006) 2881, S. 13-33; Mauro F. Guillén, El auge de la empresa multinacional española, Madrid 2006; Cátedra Nebrija-Grupo Santander en Direccion Internacional de Empresas, La internacionalizacion de la empresa española: aprendizaje y experiencia, Madrid 2006.