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30.8.2010 | Von:
Holm-Detlev Köhler

Spanien in Zeiten der globalen Wirtschaftskrise

Arbeitsmarkt: Dynamik und Tragik

Am stärksten ist der spanische Arbeitsmarkt von der Wirtschaftskrise betroffen. Das Land, das im vorhergehenden Jahrzehnt die meisten Arbeitsplätze geschaffen hatte, verlor diese nun am schnellsten, und die Arbeitslosenrate verdoppelte sich in nur einem Jahr. Über 4,5 Millionen Menschen, das heißt mehr als 20 Prozent der Erwerbsbevölkerung, waren zu Beginn des Jahres 2010 ohne Beschäftigung. Die Jugendarbeitslosigkeit der 16- bis 24-Jährigen verdoppelte sich in nur zwei Krisenjahren und stieg auf den Rekordwert von 41,2 Prozent. Besonders alarmierend ist auch der hohe Anteil der Langzeitarbeitslosen (mehr als ein Jahr ohne Beschäftigung), der seit Beginn der Krise von 21 Prozent auf 40 Prozent aller Arbeitslosen angestiegen ist und so ein Heer von deprimierten und demotivierten Menschen am zunehmend breiter werdenden Rand der Gesellschaft erzeugt. Laut Eurostat gingen von 2007 bis 2009 in Spanien 1,64 Millionen Arbeitsplätze verloren, viermal mehr als in jedem anderen EU-Land. Allein im Bausektor wurden 920.000 Arbeitsverhältnisse aufgelöst. Die sektorale Verteilung der Krisenfolgen reduzierte dagegen das traditionelle Gefälle zwischen männlicher und weiblicher Arbeitslosigkeit. War die Frauenarbeitslosenrate 2007 noch fast doppelt so hoch wie die der Männer (11,0 zu 6,2 Prozent), so haben sich die Raten 2009 fast angeglichen (18,4 zu 18,6 Prozent) (vgl. Tabelle in der PDF-Version).

Zwei auf den ersten Blick positive Effekte der Massenentlassungen erweisen sich indes als Scheineffekte: So ist der Anteil befristeter Arbeitsverträge auf 25 Prozent gesunken - doch schlicht, weil deren Nichtverlängerung die häufigste und bequemste Entlassungsform ist. Zum anderen ist die Arbeitsproduktivität seit Ausbruch der Krise gestiegen, da die Unternehmen mehr Menschen entlassen, als es der Produktionsrückgang rechtfertigen würde und somit weniger Arbeiter relativ mehr produzieren. Beide Trends weisen somit keine qualitativen Verbesserungen auf, sondern spiegeln vielmehr Strukturdefizite des Arbeitsmarktes und seiner Regulierung wider. Es fehlen den Unternehmen Anreize und Kenntnisse zur Investition in den Erhalt und die (Weiter-)Qualifizierung ihrer Belegschaften (bzw. ihres "Humankapitals").

Die sektorale Verteilung des Beschäftigungswachstums bestätigt erneut die oben angeführten strukturellen Probleme. Viele Bau- und Dienstleistungsarbeitsplätze (Hotel- und Gaststätten, Handel, persönliche Dienste) zeichnen sich durch niedriges Qualifikations- und Produktivitätsniveau aus. Nach Regierungsangaben stieg das Prokopfeinkommen der Spanier in den Boomjahren 1995 bis 2007 um beachtliche 15 Prozent, während im gleichen Zeitraum die Stundenproduktivität um 2,1 Prozentpunkte zurückging.[3] Auch die rückläufige Lohnquote (Anteil der Lohneinkommen am Sozialprodukt) trotz steigender Zahl der Lohnabhängigen deutet auf den hohen Anteil von Niedriglohnarbeitsplätzen hin.

Im Boomjahrzehnt hatte sich die Arbeitsmarktsituation nicht nur für Frauen, sondern auch für Gastarbeiter, die massenhaft eingestellt wurden, sowie für Jugendliche stark verbessert. Doch auch hier blieben dauerhafte Strukturprobleme bestehen: Da ist zum Ersten der Trend zur späten Emanzipation der Jugendlichen zu nennen. 2007 lebten nur 44 Prozent der 18- bis 34-Jährigen unabhängig vom Elternhaus. Zum Zweiten leiden die Jugendlichen in besonderem Maße unter der hohen Prekarisierung mit den vielfältigen befristeten und Scheinarbeitsverträgen ohne Schutz und zu schlechten Konditionen. Zum Dritten ist in Spanien die Korrelation zwischen hoher Allgemeinbildung und Chancen auf dem Arbeitsmarkt ins Wanken geraten. Berufsschulabgänger finden häufig leichter und schneller Arbeit als Hochschulabsolventen.

Die Krise hat also einen langen Beschäftigungsboom gestoppt, der gerade auch vielen zuvor ausgeschlossenen Bevölkerungsgruppen zugute kam; zugleich hat sie schwere Struktur- und Regulierungsdefizite des Arbeitsmarktes schonungslos offengelegt.

Fußnoten

3.
Fundacion Alternativas, Hacia un New Deal global. Informe sobre la democracia en España/2009, Madrid 2010, S. 81.