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16.8.2010 | Von:
Eva Senghaas-Knobloch

Internationale Arbeitsregulierung für ein menschenwürdiges Leben weltweit

Veränderungen der Arbeitswelt durch Globalisierung

Nach dem zweiten Öl-Schock Ende der 1970er Jahre, durch den in den Industriestaaten Stagflation (Nullwachstum bei steigender Inflation) und ein dramatischer Anstieg von Arbeitslosigkeit ausgelöst wurde, zerbrach der Jahrzehnte währende politische Konsens innerhalb der Industriegesellschaften über Grundprinzipen von Sozialstaatlichkeit. Dominant wurde die Ökonomie einer fälschlicherweise[11] "neoliberal" genannten Schule, die auf rein wirtschaftliche Anreize als Grundlage von Wachstum und Beschäftigung setzt und in jeglicher Regulierung des Arbeitsmarkts tendenziell schädliche Marktverzerrungen sieht. Entsprechend wurden Strategien der Privatisierung, Rücknahme des öffentlichen Beschäftigungssektors, Rückbau von Arbeitsschutz und sozialer Sicherung, Liberalisierung von Handel und Finanzen und eine restriktive Geld- und Steuerpolitik als angemessene Politik propagiert und durchgesetzt. In den verschuldeten Ländern Lateinamerikas, Afrikas und einiger asiatischer Länder wurde in den 1980er Jahren eine solche Politik auch konsequent im Rahmen des Washingtoner Konsenses in Gestalt von (Staatsaktivitäten abbauenden) "Strukturanpassungsplänen" als Bedingung für die Gewährung von Krediten von Weltwährungsfonds und Weltbank verfolgt. Auch in den EU-Ländern und in der EU-Kommission fanden, wenngleich vielerorts durch tradierte Politikkulturen gedämpft, neoliberale Rezepte einer weitgehenden Deregulierung Anklang. Am weitesten wurden die Finanzmärkte dereguliert, mit den inzwischen bekannten Ergebnissen einer Weltfinanz- und Weltwirtschaftskrise. Im Zuge dieser Entwicklung haben fast alle Staaten einen Teil ihrer bis dahin vorhandenen politischen Steuerungsfähigkeit verloren. Sozialstaatliche Vorkehrungen werden seitdem weniger unter dem Gesichtspunkt einer öffentlichen Investition für eine gewünschte Sozialintegration als hinsichtlich eines vermeintlichen Nachteils im globalen Wettbewerb um Privatinvestitionen betrachtet.

Seit den 1970er Jahren investieren multi- und transnational agierende Unternehmen mit Hauptsitz in den Industrieländern (und neuerdings auch in den asiatischen Schwellenländern) nicht nur - wie schon zuvor - weltweit in den Abbau von Rohstoffen und in die Erzeugung landwirtschaftlicher Produkte für den Export;[12] sie errichten auch weltweit Produktionsstätten für industrielle Güter - dies sowohl zur Markterschließung vor Ort (wie in Brasilien oder China) als auch mit dem Ziel der Kostensenkung für die Belieferung des eigenen heimischen Marktes in den Industriegesellschaften (outsourcing, insourcing). Dadurch wird der Welthandel zu einem erheblichen Anteil zu einem Austausch von Waren zwischen verschiedenen Standorten von Multis. 1999 machte beispielsweise solcher "Intrafirmenhandel" ein Drittel des Handels zwischen Japan und den USA aus. Schon ab den 1970er Jahren wuchs der Welthandel prozentual stärker als die Weltproduktion von Gütern, und ab Mitte der 1980er Jahre stiegen auch die grenzüberschreitenden Kapitalbewegungen auf rasante Weise an - weltweit, aber auf bestimmte Kernregionen konzentriert; schließlich begannen reine Finanztransaktionen die Produktivkapitalbewegungen bei Weitem zu überschreiten.[13] Die Aktivitäten in Entwicklung, Planung, Produktion und Dienstleistungen großer westlicher Konzerne werden in globalen sogenannten Wertschöpfungsketten dezentralisiert, also - nach Maßgabe von unternehmensstrategischen, letztlich gewinnorientierten Investitionsimperativen - auf Standorte an verschiedenen Orten der Welt ausgelagert, weiterverlagert, zurückverlagert oder auch aufgegeben. Immer mehr Unternehmen investierten zudem offensichtlich einen erheblichen Teil ihrer Gewinne in spekulative Geschäfte. Volkswirtschaftliche Entwicklung im Rahmen einzelner betroffener politischer Gemeinweisen ist bei diesen Entscheidungen nicht im Blick.

Die Folgen dieser strukturell-asymmetrischen Art von Globalisierung stellen sich in den verschiedenen Regionen und sozioökonomischen Kontexten der Weltwirtschaft verschieden dar. Für nahezu alle gilt aber, dass die Einkommensunterschiede dramatisch anstiegen. Das Auseinanderdriften zeigt sich sowohl zwischen den Staaten als auch innerhalb der Staaten: Die Daten der Weltbank zeigen, dass sich zwischen Anfang der 1960er Jahre und Anfang des neuen Jahrhunderts in 94 Ländern, für die entsprechende Daten vorlagen, die Kluft zwischen dem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen der 20 ärmsten Länder im Verhältnis zu dem der 20 reichsten Länder von 1 zu 54 auf 1 zu 121 vergrößerte.[14] Diese drastische Entwicklung von Ungleichheit wird verdeckt, wenn die Verbesserungen in den bevölkerungsreichen neuen Exportländern China und Indien, die wenigstens das Ausmaß der extremen Armut trotz gleichzeitig wachsender innerer Ungleichheit reduzieren konnten, in die globalen Zahlen eingerechnet werden. Diese und einige kleinere Länder wie Südkorea konnten aus der Exportförderung volkswirtschaftlichen Gewinn ziehen, hatten sich aber keineswegs dem Marktöffnungsdiktat gebeugt, sondern ihre Wirtschaftspolitik selbst gezielt staatsinterventionistisch gesteuert - allerdings auf Basis einer Wirtschafts- und Arbeitspolitik, die sich über Rechte bei der Arbeit hinwegsetzt und insbesondere Frauen diskriminiert. In der Folge eines Wettlaufs bei Steuersenkungen, besonders auf Kapitaleinkommen, sanken mit den eingenommenen Steuern auch die staatlichen Ausgaben für Bildung, Gesundheit und andere öffentliche Aufgaben; Infrastrukturen wurden vielfach privatisiert. In Afrika, Osteuropa, Zentralasien, Lateinamerika und Mittelasien stieg der Anteil der Menschen in absoluter Armut. In vielen fortgeschrittenen Industrieländern zeigt sich der Trend für die Einkommens- und Vermögensverteilung während der vergangenen hundert Jahre als Bild einer "offenen Sichel": Lohnspreizung sowie Reichtums- und Armutsdifferenzierung zu Beginn und zum Ende des 20. Jahrhunderts.

Von besonderer Bedeutung ist die weltweite Zunahme (und nicht wie modelltheoretisch prognostiziert die Abnahme) von informalisierter Arbeit - jener Form von Beschäftigung, die sich außerhalb von formaler Registrierung und damit verbundenen staatlichen Schutzrechten bewegt - als Folge dieser deregulierten Globalisierungspolitik. In Lateinamerika wird von einer "Delaborisierung"[15] gesprochen: Der Anteil arbeits- und sozialrechtlich geschützter Beschäftigungsverhältnisse sank zugunsten von Kontraktarbeit und Alleinselbständigenarbeit sowie von befristeter Beschäftigung, Teilzeitarbeit und einem starken Anstieg verschiedener Arbeitsformen in der informellen Ökonomie mit ihren verletzlichen Beschäftigungsformen. In Afrika ist als Folge der Globalisierung vor allem der Druck auf kleinbäuerliche Existenzen, besonders von Frauen, hervorzuheben: Im Gegensatz zum erklärten Freihandelsziel verdrängen subventionierte landwirtschaftliche Produkte aus Industrieländern wie den USA und den EU-Staaten im südlichen Afrika die - nicht selten zuvor mit Entwicklungshilfe aufgebauten - örtlichen Existenzen wie bei der Geflügelhaltung und im Fischfang. Das Weltwirtschaftswachstum in den Jahren vor der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise hat auch vielen der etwa 1,5 Milliarden formal registrierten lohnabhängigen Beschäftigten keinen erhöhten Wohlstand gebracht. In den Ländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) stieg die Niedriglohnquote (zwei Drittel des Median) zwischen 1996 und 2006 von 17 auf 18 Prozent. Die Lohnquote (Anteil der Löhne am Bruttoinlandsprodukt) ist in den vergangenen Jahren in drei Vierteln aller Länder geschrumpft. Die Reallohnzuwächse der Industrieländer betrugen zwischen 2001 und 2007 höchstens ein Prozent; in Deutschland waren es 0,5 Prozent.[16] Auch das Arbeitsleben in der EU hat sich in den vergangenen Jahrzehnten erheblich verändert: sowohl was die Qualität der Beschäftigungsverhältnisse anbelangt, als auch die der Arbeit selbst.[17] Bei den Beschäftigungsverhältnissen ist die Zunahme von unterbezahlten und gering geschützten Dienstleistungen sowie Teilzeitarbeit besonders von Frauen auffällig.

Fußnoten

11.
Zu den frühen Neoliberalen bzw. Ordoliberalen, die staatliche Regulierung, nicht aber "Marktaktivitäten" des Staates für erforderlich hielten vgl. Karen Horn, Die Soziale Marktwirtschaft, Frankfurt/M. 2010.
12.
Vgl. Olivier De Schutter, International Trade in Agriculture and the Right to Food, Friedrich Ebert Stiftung, Dialogue on Globalization, Occasional Paper 46, Genf 2009.
13.
Vgl. hierzu und zum Folgenden Werner Sengenberger, "Der kurze Traum immerwährender Prosperität" und die lange Ernüchterung, in: Norbert Altmann/Fritz Böhle (Hrsg.), Nach dem "kurzen Traum". Neue Orientierungen in der Arbeitsforschung, Berlin 2010 (i.E.).
14.
Vgl. Weltkommission über die soziale Dimension der Globalisierung, Eine faire Globalisierung, Genf 2004, S. 38ff.
15.
Daniel Martinez, The World of Work in the Context of Economic Integration and Trade Liberalization. From the Vantage Point of the Americas, ILO-Policy Integration Department, Paper 145, Genf 2004.
16.
Vgl. ILO, Global Wage Report 2008/09, Genf 2008, S. 19ff.
17.
Vgl. Eva Senghaas-Knobloch, Wohin driftet die Arbeitswelt?, Wiesbaden 2008.