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30.7.2010 | Von:
Sunita Narain

Klimawandel: Keine gemeinsame Teilhabe an der Welt

Essay

Gemeinsames Kohlenstoffbudget

Man geht heute weithin davon aus, dass es notwendig ist, den globalen Temperaturanstieg auf zwei Grad Celsius über dem Niveau der vorindustriellen Zeit (1850) zu begrenzen, um zu verhindern, dass der Klimawandel von "gefährlich" in "katastrophal" umschlägt. Soll die Erderwärmung in Grenzen gehalten werden, muss sich die Weltgemeinschaft eingestehen, dass die Emissionen, durch die der Temperaturanstieg verursacht wird, begrenzt werden müssen. Das Zwei-Grad-Ziel ist nur zu halten, wenn die Konzentration aller Treibhausgase in der Atmosphäre 450 Teilchen pro eine Million (ppm) nicht nicht übersteigt. Das noch verbliebene Kontingent muss so budgetiert werden, dass die bisherigen Nutznießer den neuen Anspruchsberechtigten Platz machen, und zwar nach fair bemessenen Quoten. Anders gesagt, das Emissionsbudget muss gerecht unter den Nationen aufgeteilt werden. Ohne eine solche Übereinkunft über einen Budgetausgleich wird die Temperaturdeckelung faktisch zu einer Emissionsdeckelung für die Entwicklungsländer - schließlich wird uns, den aufstrebenden Ökonomien, gesagt, dass auch wir mittelfristig den Emissionshöhepunkt erreichen und dann spürbar von unserem kohlenstoffreichen Kurs abkommen müssen.

Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Die Handlungsspanne ist sehr beschränkt. Wir wissen, dass die Konzentration der Treibhausgase schon fast 430ppm erreicht hat. Berücksichtigt man einige Abkühleffekte durch Aerosole in der Atmosphäre, beläuft sich der Wert auf etwa 390 bis 400ppm. Alles in allem bleibt also nicht viel Freiraum übrig, der in unserer extrem ungleichen Welt aufgeteilt werden könnte.

Aber nicht nur das beunruhigt die Wissenschaftler. Treibhausgase haben eine lange Lebensdauer in der Atmosphäre. Noch heute befinden sich dort Gase, die etwa seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert emittiert wurden. Genau dies sind die an die Natur rückzuzahlenden Schulden. Aus diesem Grund setzte das Kyoto-Protokoll den Industrieländern Ausstoßgrenzen - sie sollten ihre Emissionen reduzieren, damit die Entwicklungsländer ihre heraufsetzen könnten. Doch die Emissionen der Industrieländer sind seitdem nachweislich weiter angestiegen. Demzufolge bleibt für die Entwicklungsländer noch weniger atmosphärischer "Freiraum". Es ist offensichtlich, dass die Industrieländer nichts gegen diese Entwicklung unternommen haben, sondern sich beeilt haben, den Raum selbst einzunehmen. Es sind nur noch Brosamen, um die wir uns streiten.

Kein Wunder also, dass westliche Wissenschaftler wie Lord Nicholas Stern Appelle an die Entwicklungsländer richten, eigene Zielvorgaben für die Emissionsminderung festzulegen, da - und hier ist die Logik bei allem Manövrieren simpel - der Raum für Wachstum ausgeschöpft sei. "Ihr habt nicht das Recht, die Umwelt zu verschmutzen" - das ist ihre Botschaft an die Entwicklungsländer. Doch damit können wir uns nicht zufriedengeben. Wir wissen, dass Wirtschaftswachstum mit CO2-Ausstoß verbunden ist. Eine Festlegung von Ausstoß-Obergrenzen ohne vorherige gerechte Zuteilungen hieße, die bestehende Ungerechtigkeit festzuschreiben.

Natürlich ist die Festlegung von Emissionsbudgets politisch höchst brisant, da davon abhängt, wie die Weltgemeinschaft das gemeinsame Kontingent und das Wirtschaftswachstum unter sich aufteilt. Nur wenn wir uns auf eine Formel einigen, wie wir den verbliebenen atmosphärischen Raum teilen, können wir uns darüber verständigen, bis wann und in welchem Umfang die bereits industrialisierten Länder ihre Emissionen verringern müssen und bis wann und in welchem Umfang dies die restlichen Länder (einschließlich Indien) tun müssen.

Stattdessen stecken wir fest. Die industriell entwickelten Länder wollen sich keine Zwischenziele zur drastischen Emissionsminderung setzen, sondern lieber das Bezugsjahr von 1990 auf 2005 bzw. 2007 verschieben. Das bedeutet zum einen, sie wollen in den kommenden Jahren weiter ökonomisch wachsen (also das Emissionskontingent weiter ausreizen), zum anderen soll der bereits von ihnen besetzte Freiraum - ihre Emissionen sind nämlich zwischen 1990 und 2007 erheblich angestiegen - nicht angerechnet werden. Wenn das Konzentrationslimit von 450ppm nicht überschritten werden soll, müssen die Industrieländer innerhalb weniger Jahre ihren Emissionshöhepunkt erreichen und ihren CO2-Ausstoß dann bis 2020 drastisch senken - gemessen am Stand von 1990 um mindestens 40 Prozent. Aber warum sollte man das tun, wenn man sich einfach in den Restfreiraum hinein drängeln kann?