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30.7.2010 | Von:
Sunita Narain

Klimawandel: Keine gemeinsame Teilhabe an der Welt

Essay

Emissionsminderung - weder billig noch einfach

Wie die Weltgemeinschaft den CO2-Ausstoß rasch und umfangreich senken könnte, ist die entscheidende Frage. Wir müssen erfinderisch sein, um Wirtschaftswachstum künftig umweltfreundlich und unabhängig von fossilen Brennstoffen zu gestalten. Doch dieses Erfordernis ist im Lärm kleinlichen und gehässigen Geschachers untergegangen. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Die reiche Welt, die bereits mit gesetzlichen Verpflichtungen zur Emissionsminderung zu tun hat, weiß nicht, wie sie die Emissionen tatsächlich reduzieren soll, ohne dass sie ihre Wirtschaft in die Knie zwingt. Es wird nach Ausreden gesucht.

Wenn wir die verschiedenen Optionen in Augenschein nehmen, durch die der CO2-Ausstoß reduziert werden könnte, lassen sich drei Kategorien unterscheiden, gegliedert nach Kosten und Verfügbarkeit der Technologie. Zur ersten gehört all das, was Länder auf jeden Fall tun können und tun sollten, weil es wenig kostet bzw. weil es sich auch bei größerem Kapitaleinsatz schnell bezahlt macht - die Option der Negativkosten. Dazu zählen alle wenig schmerzhaften Maßnahmen wie der Austausch von Glühlampen gegen Energiesparlampen, verschärfte Standards für Haushaltsgeräte, die Wärmedämmung von Häusern sowie sonstige Maßnahmen zur Optimierung der Energieeffizienz in Industrie und Verkehr. Zur zweiten Kategorie gehören die Maßnahmen, die weniger als 30 US-Dollar pro eingesparter Tonne Kohlenstoff kosten und weitgehend mit der Land- und Forstwirtschaft zu tun haben. Man kann zum Beispiel die Abholzung von Wäldern beschränken oder Bäume pflanzen, die das CO2 absorbieren. Das dritte Handlungsfeld betrifft die Maßnahmen, die das Energieversorgungssystem selbst modernisieren. Sie kosten deutlich mehr, nämlich 50 bis 150 US-Dollar pro eingesparter Tonne Kohlenstoff. Hierzu gehören die Einrichtung von Solarenergiesystemen, die Förderung von Wind- und Nuklearenergie sowie die Nachrüstung und der Bau von Kohlekraftwerken mit (derzeit noch sehr experimenteller) Technologie, durch die das CO2 aufgefangen und unterirdisch gespeichert wird.

Von der Konferenz in Rio 1992 über die Konferenz in Kopenhagen 2009 bis heute wurde im reichen Teil der Welt nach kleinformatigen Lösungen für das große Problem gesucht. Zunächst sah man das Allheilmittel darin, Kulturpflanzen anzubauen, die die Welt mit Biotreibstoff versorgen könnten. Doch rasch stellte sich heraus, dass dieses Geschäft Nachteile hatte, denn die Lebensmittelpreise schossen in die Höhe. Der nächste technische Kniff sollte die Verbesserung der Treibstoffbilanz von Fahrzeugen sein, bis man herausfand, dass mit zunehmender Effizienz der Autos die Leute am Ende mehr Autos kaufen und mehr damit fahren. Es lief also auf dasselbe hinaus, die Emissionen sind weiter angewachsen. Inzwischen setzt man auf Hybridfahrzeuge. Die westliche Welt weigert sich, zu begreifen, dass wir für eine Veränderung des geforderten Ausmaßes mehr brauchen als nur eine Effizienzrevolution. Unser Ziel muss sein, nicht mehr zu verbrauchen, als wir uns leisten können.

Wegen dieser Ignoranz stehen die Industrieländer nun bei uns, den Schwellenländern, vor der Tür. Das ist die Realpolitik des Klimawandels: auf der einen Seite die Bewältigung der Kosten für wirkliche Emissionsminderungen, auf der anderen Seite smarte Spielchen, um diesen aus dem Weg zu gehen. Sei es beim Weltklimarat IPCC oder bei privaten Beratungsfirmen wie McKinsey, es wird gebetsmühlenartig immer dieselbe Aussage wiederholt: Am billigsten lassen sich die Emissionen in den Entwicklungsländern senken. Darum will man uns unbedingt in den "globalen Deal" einbeziehen. Die Last des Übergangs zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft soll uns aufgebürdet werden. Schlimmer noch, die reichen Länder wollen nicht einmal die realen Kosten dafür übernehmen.

Dieser neue Deal zielt ab auf die Bildung einer coalition of the willing, wie sie bei der Konferenz in Kopenhagen im Dezember 2009 erzwungen wurde. Das Rezept lautet: Zuerst sollen wir die Emissionen bei uns zu Hause reduzieren, finanziert mit unseren eigenen Mitteln. Indien zum Beispiel soll die vollen Kosten tragen für die Senkung der Kohlenstoffintensität um 20 bis 25 Prozent bis 2020. Dann bekommen wir Geld und technische Mittel für die Maßnahmen, die wir zusätzlich ergreifen. Wir sollen auch die Waldbestände stabilisieren und den Kahlschlag der Wälder verhindern. Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber die Welt vergisst, dass wir die Wälder nicht einfach aus Spaß abholzen. Wälder werden gerodet, weil die Menschen nichts anderes zum Verfeuern und auch kein Land haben. Bäume sind Teil ihres Lebensraums, nicht nur Brennstoff.

Die USA und der Rest der Welt haben uns auch deutlich gemacht, dass wir nicht viel Geld zur Finanzierung des Übergangs erwarten sollten. Vielmehr heißt es jetzt, wir sollen unsere eigene Zeche bezahlen, weil wir nun mit am Honoratiorentisch der Umweltsünder sitzen und zugestimmt haben, uns selbst nationale Zielvorgaben zur Emissionsminderung aufzuerlegen: Nun gebe es keine Unterschiede mehr zwischen ihren und unseren Handlungen.

Für Geld können wir sogenannte offsets an die Industrieländer verkaufen, das heißt, sie werden dann nicht im eigenen Land die Emissionen reduzieren, sondern uns dafür bezahlen, dass wir dies bei uns tun. Und vergessen wir nicht, dass sie die billigsten Maßnahmen ihrem eigenen Konto gutschreiben lassen wollen. Die reichen Länder gehen davon aus, dass sie ihre einheimischen Zielvorgaben schaffen, indem sie ihre Aufgaben auf unseren Hinterhöfen erledigen.

Es muss deutlich gesagt werden: Natürlich sind wir daran interessiert, eine kohlenstoffarme Wirtschaft aufzubauen, unsere Städte mit öffentlichem Nahverkehr auszurüsten und Wälder anzupflanzen. Aber all das wird viel Geld kosten. Auch die entwickelte Welt muss ihre immensen Emissionen abbauen, und zwar rasch. Kein anderer globaler Deal sollte gelten.