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30.7.2010 | Von:
Sunita Narain

Klimawandel: Keine gemeinsame Teilhabe an der Welt

Essay

"Gerechte" Rahmenbedingungen

Wie also geht es weiter? Erstens müssen wir uns darauf verständigen, dass die reiche Welt ihre Emissionen drastisch verringern muss. Hierbei sollte es weder Missverständnisse noch Ausflüchte geben. In der Atmosphäre lagert schon ein Bestand an Treibhausgasen, der sich im Prozess der Schaffung von Wohlstand über Jahrhunderte hinweg aufgebaut hat. Dadurch hat sich das Klima bereits destabilisiert. Ärmere Völker vergrößern diesen Bestand durch ihren dringenden Bedarf an Wirtschaftswachstum. Aber das ist keine Entschuldigung für die reichen Länder, sich strengen und verbindlichen Zielvorgaben für die Reduzierung von Emissionen zu entziehen. Das Prinzip muss lauten: Sie müssen sich einschränken, damit wir wachsen können.

Weiterhin ist Einigkeit darüber geboten, dass die armen und die aufstrebenden Länder Wachstum brauchen. Ihre Verpflichtungen werden zwar nicht rechtsverbindlich sein, aber auf nationalen Zielen und Programmen basieren. Vor allem müssen kohlenstoffarme Strategien für Schwellenländer gefunden werden, ohne dass ihr Recht auf Entwicklung beeinträchtigt wird.

Das ist machbar. Natürlich haben Länder wie China und Indien die Gelegenheit, zusätzliche Emissionen zu "vermeiden", denn sie sind erst noch dabei, ihre Energie-, Verkehrs- und Industrieinfrastruktur aufzubauen und können in zukunftsweisende Technologien investieren, um Umweltverschmutzungen zu verhindern. Das heißt, wir sollten unsere Städte mit öffentlichen Verkehrsmitteln versorgen, die Energieversorgung durch lokale und dezentrale Systeme sicherstellen - sowohl durch Biotreibstoffe als auch durch erneuerbare Energien - und in der Industrie, welche die meiste Energie verbraucht, möglichst die schadstoffärmsten Technologien verwenden.

In diesen Ländern weiß man auch, dass es nicht in ihrem Interesse liegt, erst die Umwelt zu verschmutzen und sie dann zu sanieren bzw. erst ineffizient zu wirtschaften und anschließend Energie zu sparen. Aber Technologie ist teuer. Es ist nicht so, dass China und Indien versessen darauf sind, in umweltverschmutzende und energieineffiziente Technologien zu investieren. Aber sie gehen so vor, wie man es in dem Teil der Welt gemacht hat, der inzwischen reich ist: Zuerst werden die Emissionen gesteigert, dann wird Geld verdient und schließlich in die Effizienz investiert. Dieser Tatsache muss in einem Abkommen Rechnung getragen werden. Zudem müssen Geld und Technologie zur Verfügung gestellt werden, um den Wandel in der Welt zu ermöglichen.

Wir können einen neuen Weg einschlagen. Aber die Welt muss echte Veränderungen wollen, a change we can believe in. Die Weltgemeinschaft sollte sich ernsthaft mit dem Konzept der Pro-Kopf-Emissionsrechte auseinandersetzen, so dass die Reichen Abstriche machen und die Armen nicht über ihre Emissionskontingente hinausschießen. Wir brauchen klimabewusste, effektive Maßnahmen.

Die Aufteilung der globalen CO2-Absorbtionsfähigkeit für jede Nation je nach Bevölkerungszahl wird ein System der Pro-Kopf-Emissionszertifikate schaffen, die in der Summe das zulässige Niveau der Emissionen in einem Land ergeben. Das ergäbe den Rahmen des Emissionshandels zwischen den Völkern; denn ein Land, das seine jährliche CO2-Quote überschritten hat, könnte mit jenen Ländern Handel treiben, die die zulässigen Emissionswerte nicht überschritten haben. Dieser finanzielle Anreiz könnte dazu beitragen, dass die Länder ihre Emissionen so weit wie möglich beschränken und einen kohlenstoffarmen Wirtschaftskurs einschlagen.

Ebenso dringlich, wie die Weltgemeinschaft ein System der Fairness unter den Nationen braucht, braucht sie auch ein System der Fairness innerhalb der Nationen. So sind es nicht die Reichen in Indien, die weniger als ihren global bemessenen Anteil an Emissionen verursachen. Es sind die Armen Inderinnen und Inder, die keinen Zugang zu Energie haben und uns damit Raum zum Atmen lassen. Indien verursachte im Jahr 2005 Emissionen von 1,5 Tonnen pro Jahr und Kopf. Doch verbirgt diese Zahl ein enormes Ungleichgewicht zwischen dem energieintensiven und verschwenderischen städtischen Industriesektor und dem Sektor der energiearmen, genügsamen ländlichen Subsistenzwirtschaft. Schätzungen zufolge nutzen nur 31 Prozent der ländlichen Haushalte Elektrizität. Alle Dörfer Indiens mit Strom zu versorgen, wird eine teure und schwierige Angelegenheit sein. Hier gleich mit einem kühnen Schritt zu netzunabhängigen Lösungen auf der Grundlage von regenerativen Energietechnologien voranzuschreiten, wre wirtschaftlich am sinnvollsten.

Wenn in Indien Emissionszertifikate pro Kopf zugewiesen würden, so dass die reicheren Bürger ihren größeren Energieverbrauch bei den Armen bezahlen müssten, dann würde das Ressourcen freimachen und Anreize dafür schaffen, dass diejenigen, die bisher wenig Energie verbrauchen, emissionsfreie Technologien anwenden. Auf diese Weise würde auch ein Rahmen geschaffen, in dem sich die Nachfrage nach Investitionen in erneuerbare Energien stark beleben würde.

Diese rechtebasierte Agenda ist bei der Meisterung der Aufgaben, vor die uns der Klimawandel stellt, entscheidend. Tatsächlich lehrt uns gerade der Klimawandel, dass wir in einer gemeinsamen Welt leben. Hat der reiche Teil der Welt gestern übermäßige Mengen an CO2 ausgestoßen, so tun es heute die aufstrebenden Schwellenländer. Wir lernen auch, dass ein Abkommen von Fairness und Gleichheit bestimmt sein muss, damit dieses große gemeinschaftliche Vorhaben gelingen kann.

Übersetzung aus dem Englischen: Dr. Juliane Lochner, Leipzig.