APUZ Dossier Bild

30.7.2010 | Von:
Julia Jaeger
Carlo C. Jaeger

Warum zwei Grad?

Eine frühe Intuition

Der erste Vorschlag, 2°C als kritische Grenze für die Klimapolitik zu verwenden, kam 1975 von William D. Nordhaus. Der inzwischen international einflussreichste Klima-Ökonom schrieb damals: "Als erste Annäherung scheint es vernünftig, zu verlangen, dass die Klimawirkungen von Kohlendioxid innerhalb des normalen Bereichs langfristiger Klimaveränderungen bleiben sollten. Gemäß den meisten Quellen liegt der Variationsbereich zwischen verschiedenen Klimaregimes in der Größenordnung von ±5°C, und gegenwärtig befindet sich das globale Klima am oberen Ende dieses Bereiches. Würden die globalen Temperaturen um mehr als 2 oder 3°C über die heutige Mitteltemperatur steigen, so würde dies das Klima außerhalb des Bereichs der Beobachtungen, die für die letzten mehreren hunderttausend Jahre gemacht wurden, führen."[7]

Nordhaus ist Amerikaner, doch er entwickelte diese Überlegungen während eines Gastaufenthalts am Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA) in Österreich. Damit erklärt sich, warum er in Celsius und nicht in Fahrenheit rechnete. Sonst würden wir heute vielleicht vom Vier-Grad-Ziel reden und Fahrenheit meinen. Das entspräche 2,2°C und wäre - wie wir noch sehen werden - von der Sache her genauso gut wie das Celsius-Ziel. Nordhaus aber blieb auch später beim Celsius-Maß und illustrierte 1977 mit einem Diagramm, wie ohne wirksame Klimapolitik das Zwei-Grad-Ziel schon vor 2040 überschritten würde (siehe Abbildung 1 der PDF-Version). Dieses Diagramm beweist eindeutig, dass es das Zwei-Grad-Ziel schon seit 25 Jahren gibt und nicht erst seit 1995, wie teilweise prominent behauptet worden ist.[8]

Nordhaus glaubte damals, eine Erwärmung um 2°C sei etwa gleichbedeutend damit, die vorindustrielle CO2-Konzentration zu verdoppeln, und nahm diese Verdoppelung als vorläufige Bezugsgröße. Das tat auch die große Mehrheit der Modellierer, die in den Folgejahren für den Weltklimarat IPCC immer neue Schätzungen der Auswirkungen einer solchen Verdoppelung produzierten. Die Formulierung des Zwei-Grad-Ziels war aber keineswegs Nordhaus' zentrales Anliegen, er war auch gar nicht sicher, ob seine "erste Annäherung" Bestand haben würde. Vielmehr erklärte er ausdrücklich, "dass der Weg, auf dem in diesem Abschnitt Standards gesetzt werden, sehr unbefriedigend ist".[9] Wie wir noch sehen werden, hat er später einen anderen Weg zur Definition klimapolitischer Ziele vorgeschlagen.

Ein Jahrzehnt, nachdem Nordhaus seine erste Vermutung veröffentlicht hatte, wurden genauere Schätzungen vergangener Temperaturen möglich. Dazu wurde in der Antarktis und anderswo Eis aus verschiedenen Schichten gebohrt, da dieses kleine Lufteinschlüsse aus weit zurückliegenden Epochen enthält. Die daraus gewonnenen Daten unterstützen die These, dass die globale Durchschnittstemperatur in den vergangenen 100000 Jahren nie viel mehr als 2°C über denen um 1800 lag.

Fußnoten

7.
William D. Nordhaus, Can We Control Carbon Dioxide?, IIASA Working Paper 75-63, Laxenburg 1975, S. 22f.
8.
Vgl. Richard S.J. Tol, Europe's long-term climate target: A critical evaluation, in: Energy Policy, (2007) 35, S. 424-432; Vgl. Michael Oppenheimer/Annie Petsonk, Article 2 of the UNFCCC: Historical Origins, Recent Interpretations, in: Climatic Change, (2005) 73, S. 175-226. Nordhaus selbst erklärte 2010 dem Erstautor des vorliegenden Aufsatzes, er habe zwischenzeitlich seine frühen Überlegungen zum Zwei-Grad-Ziel buchstäblich vergessen. Vgl. auch die Ausführungen zur AGGG weiter unten.
9.
William D. Nordhaus, Strategies for the Control of Carbon Dioxide, Connecticut 1977, S. 41.