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30.7.2010 | Von:
Julia Jaeger
Carlo C. Jaeger

Warum zwei Grad?

Wettbewerb von Kosten-Nutzen-Analysen

Nordhaus selbst entwickelte seine Überlegungen zum Klimaproblem in eine andere Richtung. Er versuchte, die Vor- und Nachteile unterschiedlicher klimapolitischer Optionen abzuschätzen, um so jene Optionen zu identifizieren, bei denen die Vorteile die Nachteile am stärksten überwiegen würden. Den Hauptvorteil jeglicher Klimapolitik sah er darin, dass ein größeres Sozialprodukt erwirtschaftet werden könne, wenn Klimaschäden entfallen. Dabei transformierte er nichtmonetäre Schäden (etwa den Verlust einer beliebten Landschaft) in monetäre Größen (zum Beispiel, indem er sich fragte, wie viel die Menschen zu bezahlen bereit wären, um den jeweiligen Schaden zu vermeiden). Den Hauptnachteil wiederum sah er darin, dass klimapolitische Maßnahmen Ressourcen binden würden, die dann nicht mehr für andere Zwecke zur Verfügung stünden (das gilt auch für fossile Energieträger, die nicht mehr genutzt werden können), wodurch das mögliche Sozialprodukt verkleinert würde. Das führte ihn dazu, eine Klimapolitik als optimal zu empfehlen, die im Jahr 2100 schon deutlich mehr als 2°C und im folgenden Jahrhundert noch höhere Werte zulässt.[17]

In vielen Bereichen der Umweltpolitik ist die Kosten-Nutzen-Analyse als Standardverfahren vorgeschrieben, und ihre Anwendung auf die Klimapolitik durch Nordhaus hat die Klimadebatte massiv verändert. Insbesondere in den USA ist es praktisch unmöglich, eine Klimapolitik erfolgreich zu vertreten, wenn nicht Kosten und Nutzen nach dem angegebenen Muster abgeschätzt werden. Manche Verfechter des Zwei-Grad-Ziels reagierten darauf, indem sie zu zeigen versuchten, dass diese Marke das Kriterium der Kosten-Nutzen-Analyse erfüllt. Der umfassendste Versuch zu einer Kosten-Nutzen-Analyse, die eine deutlich niedrigere Zieltemperatur ergibt als jene von Nordhaus, ist der Stern-Report (benannt nach seinem Verfasser, dem britischen Ökonomen Sir Nicholas Stern).[18] Als sinnvolles Ziel wird darin eine Treibhausgaskonzentration von 550ppm[19] CO2-Äquivalenten ins Auge gefasst.[20] Inzwischen hat aber eine Reihe von Studien gezeigt, dass 550ppm zu deutlich mehr als 2°C führen dürften.[21]

Der Stern-Report von 2007 besagt, dass es etwa ein Prozent des globalen Sozialprodukts kosten würde, das 550-ppm-Ziel zu erreichen. Gleichzeitig würde dadurch aber ein Nutzen von 5 bis 20 Prozent des globalen Sozialprodukts entstehen. Wenn das zutrifft, dann ist die von Stern vorgeschlagene Klimapolitik natürlich besser als gar keine Klimapolitik. Die Frage ist allerdings, ob das die einzigen beiden Möglichkeiten sind. Hier ist nicht der Ort für eine umfassende Diskussion des Stern-Reports.[22] Aber sein großes Verdienst liegt darin, beträchtliche Teile der Wirtschaft davon überzeugt zu haben, dass Klimapolitik sinnvoll ist, da die Kosten-Nutzen-Bilanz anscheinend besser ausfällt als bei Nichtstun. Im hier diskutierten Zusammenhang ist es jedoch entscheidend, dass der Report keine Kosten-Nutzen-Analyse vorlegt, die eine Beurteilung des Zwei-Grad-Ziels ermöglichen würde.

Es ist auch keineswegs gesagt, dass die Kosten-Nutzen-Analyse eine sinnvolle Methode zur Beurteilung globaler Klimapolitik ist. Vielmehr gibt es gewichtige Gründe, das zu bezweifeln.[23] Einer ist die Tatsache, dass Milliarden von Menschen die Bedeutung materiellen Wohlstands, bestimmter Landschaftsbilder oder anderer Menschenleben ganz unterschiedlich beurteilen. Es ist ein wichtiges Ergebnis der modernen Ökonomie, dass es keine Möglichkeit gibt, derart unterschiedliche Präferenzen zu einem einzigen Nutzenmaß zusammenzufassen. Das von statistischen Ämtern erfasste Sozialprodukt als Annäherung an ein nicht existierendes Maß zu verwenden, ist auf jeden Fall kein sinnvolles Verfahren.

Ein zweiter Grund ist die Tatsache, dass Menschen keineswegs wohldefinierte Präferenzen für alle erdenklichen Ereignisse haben. Vielmehr entwickeln und verändern wir unsere Wünsche, Bedürfnisse und ethischen Überzeugungen im Laufe unseres Lebens durch die Auseinandersetzung mit neuen Problemen. In diesem Sinne ist es angesichts des Klimaproblems mindestens so wichtig, die Bildung neuer Präferenzen in gemeinsamen Lernprozessen zu fördern, wie zu versuchen, aus bestehenden Präferenzen eine optimale Klimapolitik abzuleiten.

Fußnoten

17.
Vgl. William D. Nordhaus/Joseph Boyer, Warming the World: Economic Models of Global Warming, Cambridge, MA 2000, S. 140.
18.
Nicholas Stern, The Economics of Climate Change: The Stern Review, Cambridge 2007.
19.
Der englische Ausdruck "parts per million" (ppm, zu deutsch "Teile von einer Million") steht für die Zahl 10-6 und wird in manchen Wissenschaften für den millionsten Teil verwendet, so wie Prozent für den hundertsten Teil steht.
20.
CO2-Äquivalente fassen CO2 und andere Treibhausgase zusammen, wobei entsprechende Umrechnungsfaktoren benutzt werden.
21.
Vgl. Malte Meinshausen u.a., Greenhouse-gas emission targets for limiting global warming to 2°C, in: Nature, (2009) 458, S. 1158-1162.
22.
Für einige wichtige Aspekte vgl. Carlo C. Jaeger/Hans Joachim Schellnhuber/Victor Brovkin, Stern's Review and Adam's Fallacy, in: Climatic Change, (2008) 89, S. 207-218.
23.
Vgl. Paul Baer/Clive L. Spash, Cost-Benefit Analysis of Climate Change: Stern Revisited, Socio-Economics and the Environment in Discussion (SEED), CSIRO Working Paper Series 2008-07, Canberra May 2008.