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30.7.2010 | Von:
Julia Jaeger
Carlo C. Jaeger

Warum zwei Grad?

Ein ernstes Koordinationsspiel

Die Vielzahl unterschiedlicher Präferenzen, die bei einer Kosten-Nutzen-Analyse des Zwei-Grad-Ziels zu berücksichtigen wären, bietet auch einen Schlüssel zur Beantwortung der Frage, wieso dieses Ziel schrittweise immer breiter akzeptiert worden ist. Dazu ist es wichtig, sich ein Koordinationsspiel zu vergegenwärtigen: Stellen wir uns vor, zwei Dutzend Leute aus der ganzen Welt, die sich nicht kennen, erhalten folgende Information: Nächsten Samstag werden Sie einzeln nach Paris geflogen und an unterschiedlichen Orten dieser Stadt abgesetzt. Wenn Sie es schaffen, sich Sonntagmittag zu treffen, erhält jeder ein Rückflugticket und eine Million Euro. Wenn nicht, erhalten Sie nichts und müssen ihren Heimweg auf eigene Faust antreten. Was ist in dieser Situation zu tun?

Die Chance, dass sich die Gruppe Sonntagmittag unter dem Eiffelturm treffen wird, ist bemerkenswert groß. Spieltheoretiker nennen den Eiffelturm in diesem Zusammenhang einen "fokalen Punkt". Die zu Beginn erwähnte Geschwindigkeitsbeschränkung auf 50 Kilometer pro Stunde in vielen Städten ist ebenfalls ein fokaler Punkt. Eine einheitliche Geschwindigkeitsbeschränkung ist sinnvoll, um Unfälle zu vermeiden, und die Erfahrung zeigt, dass eine solche Beschränkung sinnvoller Weise nicht gut unter 30 oder über 70 Stundenkilometern liegen sollte. 50 ist dann einfach eine runde Zahl, die den Zweck erfüllt - und dadurch Menschenleben rettet.

Es ist lehrreich, sich die Rolle von Wissenschaftlern bei der Festlegung von Geschwindigkeitsbegrenzungen zu vergegenwärtigen. Wissenschaftler können vielfältige Erkenntnisse und Vermutungen zu den Auswirkungen unterschiedlicher Geschwindigkeiten beisteuern, und das ist zweifellos nützlich und oft unentbehrlich. Hingegen ist es ganz unnötig, eine wissenschaftliche Begründung für den exakten Wert der Geschwindigkeitsbegrenzung zu finden, die über das Verständnis fokaler Punkte in Koordinationsspielen hinausgeht. So haben während mehrerer Jahrzehnte Intuitionen, Einwände und Einsichten dazu geführt, dass 2°C ein fokaler Punkt in der Klimadebatte geworden ist. 4° Fahrenheit wären genauso gut, aber 1,5°C oder eine Verbindung mit weiteren Indikatoren wie Temperaturanstieg pro Dekade wären weniger geeignet. 1°C scheint unsinnig, weil völlig unklar ist, was wir dann tun sollten, da wir schon 0,7°C hinter uns haben und die verbleibenden 0,3°C kaum mehr zu beeinflussen sind. 5°C scheint doppelt unsinnig: Dies würde für mehrere Jahrtausende einen immer weiter ansteigenden Meeresspiegel um letztlich 50 und mehr Meter bedeuten, und es gibt dann gar keinen Handlungsbedarf, also auch kein Koordinationsproblem. 2°C hingegen ist eine deutliche Aufforderung zum Kurswechsel, und wird auch so verstanden.

Zum Eiffelturm zu fahren, wenn man schon einmal in Paris ist, ist keine große Kunst, und dabei noch eine Million Euro zu verdienen, wäre ein hübsches Spiel. Doch das Klimaproblem gehört in diesem Jahrhundert zum Ernst des Lebens, und das Zwei-Grad-Ziel wird nur auf einem Weg mit vielen Hindernissen und Überraschungen zu erreichen sein. Dazu braucht es keinen festgefügten Masterplan, sondern eine Strategie, welche die eigene Lernfähigkeit bewusst einsetzt.