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30.7.2010 | Von:
Julia Jaeger
Carlo C. Jaeger

Warum zwei Grad?

Fünf Elemente einer Strategie für 2°C

Ein Hauptgrund für das Debakel von Kopenhagen liegt darin, dass alle maßgebenden Akteure die globale Klimapolitik für die unmittelbare Zukunft als Nullsummenspiel betrachten. Konkret heißt das, dass jede Nation und Nationengruppe davon ausgeht, dass Emissionsreduktionen kurzfristig zu Wohlstandsverlusten führen. So werden die Klimaverhandlungen zu einem Schwarzer-Peter-Spiel, bei dem derjenige den Schwarzen Peter zieht, der die größten Emissionsreduktionen akzeptieren muss. So ergibt sich eine weitgehende Blockierung der internationalen Klimapolitik.

Zweifellos gibt es Länder, für die eine kurzfristige Emissionsreduktion schnell zu Wohlstandsverlusten führt, man denke etwa an das kohlereiche Polen. Und es gibt wohl kein Land, das von heute auf morgen seine Emissionen auf Null reduzieren könnte, ohne drastische Wohlstandsverluste hinnehmen zu müssen. Aber das heißt keineswegs, dass es keine Länder gibt, die einen Reduktionspfad im Sinne des Zwei-Grad-Ziels gehen und dabei ihren Wohlstand steigern können. Mit anderen Worten: Es gibt Länder, denen klimapolitische Win-win-Strategien offenstehen. Deutschland ist ein solches Land.[24]

Ein geeigneter Ansatz für die Erreichung des Zwei-Grad-Ziels ist deshalb das Prinzip der gemeinsamen, aber differenzierten Verantwortung, das in Paragraph 3 der Klimarahmenkonvention wie folgt formuliert wird: "Die Parteien sollen das Klimasystem für das Wohl der gegenwärtigen und zukünftigen Generationen der Menschheit schützen, auf der Basis von Fairness und in Übereinstimmung mit ihren gemeinsamen, aber differenzierten Verantwortungen und jeweiligen Fähigkeiten. Dementsprechend sollen die entwickelten Länder die Führung im Kampf gegen den Klimawandel und dessen Folgeschäden übernehmen."[25] Es ist aber entscheidend, dieses Prinzip nicht nur abstrakt zu formulieren, sondern es auf konkrete Strategien zu beziehen, da es sonst zum erwähnten Schwarzer-Peter-Spiel kommt. Deshalb heißt das erste Element einer wirksamen Strategie im Sinne des Zwei-Grad-Ziels:

1. Die Führungsrolle wird von den Nationen und sonstigen Akteuren übernommen, denen es gelingt, Win-win-Strategien der Emissionsreduktion zu entwickeln.

In diesem Sinne ist es zum Beispiel sinnvoll, wenn die EU ihre Emissionen bis 2020 tatsächlich um 30 Prozent reduziert, und zwar einerseits unabhängig davon, was andere tun, und andererseits so, dass in Europa zusätzliche Beschäftigung und Wohlstand geschaffen werden. Das Zwei-Grad-Ziel bedeutet aber nicht einfach irgendwelche Emissionsreduktionen, sondern langfristig Reduktionen auf beinahe Null. Denn die globale Mitteltemperatur kann nur dann stabilisiert werden, wenn wir jährlich nicht mehr Treibhausgase emittieren, als die Ozeane pro Jahr aufnehmen können. Schon heute sind jedoch die globalen Emissionen etwa viermal so groß. Deshalb ist das zweite Element der gesuchten Strategie:

2. Die Aufgabe der führenden Akteure ist es, Win-win-Strategien für eine Reduktion der Treibhausgasemissionen um 80 Prozent und mehr zu entwickeln.

Solche Strategien sind volkswirtschaftlich möglich, wenn eine Wirtschaft erhebliche ungenutzte Ressourcen hat, die durch eine kluge Klimapolitik mobilisiert werden können. Für die Welt als Ganzes ist das offensichtlich der Fall, da von rund vier Milliarden Menschen, die in der Lage wären, in der heutigen Weltwirtschaft aktiv mitzuwirken, kaum die Hälfte real zum Zuge kommt. Über zwei Milliarden Menschen leben in einem Zustand der Unterbeschäftigung oder der ungeschützten Arbeitslosigkeit in wirtschaftlich stagnierenden ländlichen Gebieten oder in den Elendsvierteln ungezählter Städte.

Doch auch in einem Land wie Deutschland ist die Arbeitslosigkeit viel größer, als sie sein müsste, die Investitionen geringer, als sie sein sollten. Da der technische Fortschritt im Wesentlichen an learning by doing durch Investitionen gebunden ist, bestehen in Deutschland auch beträchtliche ungenutzte Kapazitäten zur Know-how-Entwicklung.

3. Nach der Finanzkrise 2008/2009 kann in manchen Ländern die Perspektive einer nachhaltigen Entwicklung genutzt werden, um durch geeignete Anreize einen Investitionsschub auszulösen.

Nach der Weltwirtschaftskrise von 1929 hat die Perspektive des Wettrüstens und dann des Krieges die notwendige Ankurbelung der Investitionen auf verhängnisvolle Weise realisiert. Zum Glück gibt es heute dazu eine sehr viel sinnvollere Alternative: die Perspektive einer nachhaltigen Entwicklung.

4. Es muss für den Fall vorgesorgt werden, dass im Laufe dieses Jahrhunderts CO2 aus der Atmosphäre entnommen werden muss.

Es ist möglich, die globalen Treibhausgasemissionen innerhalb weniger Jahrzehnte praktisch auf Null zu reduzieren, so wie es möglich ist, im selben Zeitraum eine weitgehende nukleare und konventionelle Abrüstung zu realisieren. Beides ist aber ähnlich unwahrscheinlich. Deshalb muss eine Strategie für das Zwei-Grad-Ziel auch für den Fall vorsorgen, dass wir im Laufe dieses Jahrhunderts CO2 aus der Atmosphäre entnehmen müssen - etwa durch Aufforstung, durch Verbrennen von Biomasse mit Abscheidung und unterirdischer Speicherung des dabei entstehenden CO2 und durch andere, zum Teil noch unbekannte Verfahren.

5. Treibhausgasemissionen müssen einen Preis haben. Die damit verbundenen Erlöse müssen genutzt werden, um emissionssenkende Innovationen zu entwickeln und die Herausforderungen realer Klimaveränderungen zu meistern.

Wie sich der Klimawandel in den nächsten Jahrzehnten im Einzelnen auswirken wird, ist kaum vorherzusagen. Doch man weiß, dass über die kommenden Jahrhunderte eine Erwärmung um wenige Grad den Meeresspiegel um mehrere Meter ansteigen lassen kann. Auch ist bekannt, dass es zwar einzelne Gegenden gibt, die von den Klimaveränderungen vermutlich profitieren werden, viele Gebiete aber vor große Herausforderungen gestellt werden. Diese lassen sich meistern, doch dazu braucht es Ressourcen, die von sozialer Solidarität über technisches Know-how bis zu Finanzmitteln reichen.

Die entscheidende Aufgabe besteht darin, zu zeigen, dass Nationen, Städte, Branchen, Unternehmen ihre Treibhausgasemissionen so reduzieren können, dass sie eben dadurch wirtschaftlich besser dastehen. Ein globales Klimaregime wird sich als ein komplexes System entwickeln, das globale Abkommen mit regionalen und sektoralen Initiativen verbindet. Nach einigen Jahrzehnten mag dann der fokale Punkt aufgrund neuer Erfahrungen neu definiert werden. Doch um die nötigen Erfahrungen zu sammeln ist das Zwei-Grad-Ziel nicht nur gut genug, sondern auch der beste Fokus, der gegenwärtig verfügbar ist.

Fußnoten

24.
Vgl. Carlo C. Jaeger/Gustav Horn/Thomas Lux, Wege aus der Wachstumskrise, Berlin 2009.
25.
UNFCCC (Anm. 6), S. 5.