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30.7.2010 | Von:
Silke Beck

Vertrauen geschmolzen? Zur Glaubwürdigkeit der Klimaforschung

"Climategate" und die Folgen

Auslöser für die laufende Debatte um den IPCC war die Veröffentlichung von E-Mails, die illegal vom Server der University of East Anglia entwendet wurden ("Climategate"). Kurz vor der Klimakonferenz von Kopenhagen im Dezember 2009 wurde der Vorwurf laut, dass der britische Klimatologe Phil Jones und weitere prominente Autoren des Weltklimarates Daten aus öffentlich finanzierter Forschung zurückgehalten hätten. Zudem wurde publik, dass der vierte IPCC-Sachstandsbericht von 2007 eine falsche Jahresangabe bei der Prognose des Abschmelzens der Gletscher im Himalaya enthält.[3] Anstatt korrekterweise 2350 findet sich dort die Zahl 2035. Neben diesem "Zahlendreher" griffen die Medien in den folgenden Monaten weitere Unstimmigkeiten auf, die fehlerhafte Aussagen zu den Regenwäldern im Amazonasgebiet[4] oder den Überschwemmungsgebieten in den Niederlanden[5] betrafen.

Darüber hinaus wurde dem IPCC vorgeworfen, den Stand der Forschung in unausgewogener Art und Weise dargestellt[6] und systematisch abweichende wissenschaftliche Befunde ignoriert oder gezielt ausgeschlossen zu haben. Der IPCC sei nicht nur politisch voreingenommen, sondern würde auch für partikulare politische Ziele Partei ergreifen. Beispielsweise sitze der IPCC-Vorsitzende, Rajendra Pachauri, in den Beiräten zahlreicher Wirtschaftsunternehmen bzw. rühre dort die Werbetrommel für eigene Projekte.[7]

IPCC-Vertretern wurde daraufhin vorgehalten, mit Hilfe von Katastrophenszenarien ein "Klima der Angst" schaffen zu wollen, um normativ motivierte Umweltpolitik umzusetzen oder eigene Pfründe zu sichern. So sei es "sicher kein Zufall, dass alle bekanntgewordenen Fehler immer in Richtung Übertreibung und Alarmismus gingen".[8] Dies ließe der Politik nur die Möglichkeit des "blinden Aktionismus" auf der einen oder der Resignation auf der anderen Seite und führe schnell zu Ermüdungserscheinungen auf Seiten der Bevölkerung.[9]

Viele der Vorwürfe sind nicht neu, sondern haben - wie im folgenden Abschnitt gezeigt wird - die Entstehung und Entwicklung des IPCC von Anfang an begleitet und lassen sich ohne die politische Großwetterlage kaum erklären.[10] Auch wenn es auf den ersten Blick paradox erscheinen mag: Die Angriffe auf den IPCC stellen die Kehrseite seines eigenen Erfolges dar. In dem Maße, in dem der IPCC politisch an Gewicht und Einfluss gewann, wurde er auch zur Zielscheibe der Kritik.

Fußnoten

3.
Vgl. Gerald Traufetter, Weltklimarat schlampte bei Gletscherprognose, 19.1.2010, online: www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,
672709,00.html (19.1.2010). Zu den Vorwürfen und entsprechenden Klarstellungen von Seiten der IPCC-Vertreter vgl. Umweltbundesamt, Kompass-Newsletter Nr. 11, Juni 2010, online: www.anpassung.net/SharedDocs/Downloads/Newsletter
/Newsletter__11,templateId=raw,property=
publicationFile.pdf/Newsletter_11.pdf (28.6.2010).
4.
Vgl. And now for Amazongate, 25.1.2010, online: http://eureferendum.blogspot.com/2010/01/and-now-for-amazongate.html (25.1.2010).
5.
Vgl. Helmut Hetzel, IPCC macht erneut Fehler, 8.2.2010, online: www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/aktuell/
2283381_Klimaforschung-IPCC-macht-erneut-Fehler.html (8.2.2010).
6.
Vgl. Richard Tol on Working Group 3 of IPCC, 28.2.2010, online: http://klimazwiebel.blogspot.com/2010/02/richard-tol-on-wg3-of-ipcc.html (3.5.2010).
7.
Vgl. online: www.readers-edition.de/2010/06/16/rajendra-kumar-pachauri-vorsitzender-der-weltklimarates-ipcc (28.6.2010).
8.
Hans von Storch, zit. nach: M. Evers u.a. (Anm. 2).
9.
Vgl. Richard A. Kerr, Amid Worrisome Signs of Warming, "Climate Fatigue" Sets In, in: Science, 326 (2009) 5955, S. 926-928.
10.
Vgl. Silke Beck, Das Klimaexperiment und der IPCC. Schnittstellen zwischen Wissenschaft und Politik in den internationalen Beziehungen, Marburg 2009.