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30.7.2010 | Von:
Silke Beck

Vertrauen geschmolzen? Zur Glaubwürdigkeit der Klimaforschung

"Händler des Zweifels" und Stellvertreterkontroversen

1990 veröffentlichte der Weltklimarat seinen ersten Sachstandsbericht. Darin hob er hervor, dass es ihm gelungen sei, die Expertise der besten Wissenschaftler aus aller Welt zu mobilisieren. Der Rat rückte damit in den Mittelpunkt der politischen Aufmerksamkeit. Bereits Ende der 1980er Jahre hatte sich eine Koalition aus Gegnern des aktiven Klimaschutzes gebildet, vornehmlich aus Vertretern der Erdöl exportierenden Staaten und Lobbyisten von US-amerikanischen Energie- und Automobil-Konzernen. Diese Koalition versuchte schon früh, mit eigenen Expertisen nachzuweisen, dass das Problem des vom Menschen gemachten Klimawandels eigentlich gar nicht existiert, sondern eine Erfindung von ökologisch oder sozialistisch motivierten Wissenschaftlern ist (Klimaschwindelthese).

Je näher die politischen Verhandlungen an den Rio-Gipfel 1992 rückten, desto stärker polarisierte sich das politische Umfeld. Mit dem Eintritt dieser "Händler des Zweifels"[11] wurden die Weichen für den Verlauf der weiteren US-amerikanischen und internationalen Kontroverse gestellt. Denn sie entwickelten folgende Strategie: "Wenn Sie die Nachricht nicht mögen, dann machen Sie den Boten unglaubwürdig."[12] Mit dem Kalkül, den IPCC als Überbringer der unbequemen Botschaft anzugreifen, um den menschlichen Einfluss auf den Klimawandel zu leugnen, wandten sich seine Kritiker nicht mehr unmittelbar gegen politische Maßnahmen selbst, sondern versuchten, deren wissenschaftliches Fundament zu untergraben und damit die wissenschaftliche Rückendeckung der Klimaschutzpolitik auszuhöhlen.

Die Gegner des IPCC verfolgten damit das Ziel, die Diskussion von der Politik in die Wissenschaft zurückzuverlagern, um politische Entscheidungen mit gravierenden Folgen in den betroffenen Sektoren wie Verkehr und Energie zu verhindern. Indem der IPCC nun versuchte, den eindeutigen wissenschaftlichen Nachweis zu erbringen, dass der Klimawandel menschliche Ursachen hat und bereits stattfindet, ließ er sich auf die Logik seiner Gegner ein. Zumindest in den angelsächsischen Ländern und in der internationalen Politik führte dies zu einer Stellvertreterkontroverse, da die Diskussion um Klimapolitik nicht mehr in der Politik selbst, sondern an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politik ausgetragen wurde.

Allerdings führten die Angriffe der "Händler des Zweifels" nicht zu einem Autoritätsverlust von Wissenschaft. Stattdessen trugen sie dazu bei, die Aufmerksamkeit auf den IPCC zu lenken und diesem mehr Gewicht zu verleihen, als dieser ohne ihre Angriffe faktisch gewonnen hätte. Damit kristallisierte sich das Muster der ursprünglich politischen Kontroverse um den Klimawandel heraus: Die politische Diskussion, wie unter Bedingungen wissenschaftlicher Unsicherheit gehandelt werden soll, wurde als eine wissenschaftliche Kontroverse um die Evidenz des anthropogenen Klimawandels ausgetragen. Alle Parteien handelten so, als ob die Politik in der Wissenschaft entschieden werde.[13]

Fußnoten

11.
Vgl. Naomi Oreskes/Eric M. Conway, Merchants of Doubt: How a Handful of Scientists Obscured the Truth on Issues from Tobacco Smoke to Global Warming, London 2010.
12.
Shardul Agrawala, Structural and Process History of the Intergovernmental Panel on Climate Change, in: Climatic Change, 39 (1998) 4, S. 621-642.
13.
Vgl. Roger A. Pielke Jr., The Honest Broker. Making Sense of Science in Policy and Politics, Cambridge-New York 2007. In Deutschland (und anderen Ländern) unterschied sich die Diskussion von diesem Muster der Kontroverse signifikant. In der Bundesrepublik hat sich beispielsweise bereits ab Mitte der 1980er Jahre durch die Arbeit der Enquete-Kommission "Vorsorge zum Schutz der Erdatmosphäre" des Deutschen Bundestages ein breiter Konsens darüber herausgebildet, dass der Klimawandel bereits stattfindet, katastrophale Folgen haben wird und dass sofort und umfassend gehandelt werden muss.