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30.7.2010 | Von:
Silke Beck

Vertrauen geschmolzen? Zur Glaubwürdigkeit der Klimaforschung

Verteidigungsstrategie des IPCC: Wissenschaftliche Expertise im demokratischen Konsens

Dass diese frühen Angriffe Anfang der 1990er Jahre nicht zu einem Glaubwürdigkeitsverlust der Klimaforschung geführt haben, ist maßgeblich auf die Anstrengungen des Weltklimarats zurückzuführen. Um einem möglichen Autoritätsverlust von Wissenschaft entgegenzuwirken, beschloss der IPCC, wissenschaftliche Expertisen im demokratischen Konsens vorzulegen. Das heißt, er versuchte, die Lehren aus früheren Kontroversen (wie etwa um die Kernenergie) zu ziehen, während der sich Experten permanent widersprochen hatten, und durch die Bildung eines Wissensmonopols die Zufuhr von Expertisen in den politischen Prozess zu verknappen. Auf diese Weise sollte die Definitionsmacht und Deutungshoheit von Forschung hergestellt und der IPCC in die Lage versetzt werden, weltweit mit einer Stimme im Namen der Wissenschaft zu sprechen. Diese vermeintlich paradoxe Strategie lässt sich als Versuch interpretieren, demokratische Prinzipien mit wissenschaftlichen Grundsätzen zu vereinbaren.

Diese Strategie spiegelt auch die besondere Situierung des IPCC als Grenzorganisation an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politik wider. Der Weltklimarat muss sich sowohl gegenüber der wissenschaftlichen Gemeinschaft als auch seinen politischen und gesellschaftlichen Adressaten legitimieren und damit gleichzeitig Forderungen nach wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit und politischer Relevanz Rechnung tragen. Um seine wissenschaftliche und politische Glaubwürdigkeit aufrecht zu erhalten, versucht der Rat, seine Konsensbildungsprozesse möglichst breit anzulegen und möglichst viele Akteure (aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit) einzubeziehen. Die Fragen der universalen Repräsentation und die Teilnahme von Entwicklungsländern sind und bleiben dabei eine der größten Herausforderungen.

Im zweiten IPCC-Sachstandsbericht, der 1995 erschien, wurde der Nachweis erbracht, dass der anthropogene Klimawandel mit Hilfe wissenschaftlicher Methoden belegbar ist. Der Bericht führte zu einer Wiederbelebung der nach dem Rio-Gipfel eingefahrenen politischen Verhandlungen, welche 1997 schließlich in die Verabschiedung des Kyoto-Protokolls mündeten. Der Veröffentlichung folgte ein massiver Gegenangriff amerikanischer Wissenschaftler und eine Medienkampagne im "Wall Street Journal" und in der "New York Times". Dem IPCC wurde von seinen Kritikern nun vorgeworfen, dass seine Autoren bewusst wissenschaftliche Begutachtungsverfahren unterlaufen und Berichte aus politischen Gründen "verfälscht" hätten.

Die informelle wissenschaftliche Kultur bzw. das Fehlen formaler Regelungen machten den IPCC für Angriffe dieser Art verletzlich. Die Vorgänge verdeutlichten auch, wie wichtig die wissenschaftliche Integrität für die politische Glaubwürdigkeit des Weltklimarates als zwischenstaatliche Organisation ist: Die IPCC-Berichte zählen in der Politik nur dann, wenn sie mit dem Qualitätssiegel der Wissenschaftlichkeit ausgezeichnet werden können. Um seine wissenschaftliche Glaubwürdigkeit aufrechtzuerhalten, begann der IPCC nun, seine Verfahren der wissenschaftlichen Qualitätskontrolle zu revidieren.

Nicht zuletzt trug der vierte IPCC-Bericht von 2007 maßgeblich dazu bei, den Umschwung der Kontroverse in den USA vorzubereiten. Wissenschaftler und Politiker (wie beispielsweise die Regierung unter US-Präsident George W. Bush) stellen die anthropogenen Einflüsse auf den Klimawandel und die Notwendigkeit politischer Maßnahmen inzwischen nicht mehr offen in Frage, was eine Voraussetzung für einen Durchbruch in der internationalen Klimapolitik ist. Doch nach dem enttäuschenden Klimagipfel in Kopenhagen 2009 mehren sich nun wieder die Versuche, die wissenschaftliche Kontroverse wieder aufzubrechen und die Diskussion zurück in den IPCC zu verlagern. Vielen Akteuren in Wirtschaft und Politik kommt diese Stellvertreterdebatte um das wissenschaftliche Fundament gelegen, um sich unbequemer Entscheidungen - wie beispielsweise diejenige um die Energiewende in Deutschland - zu entledigen, indem sie Zweifel an ihrer Dringlichkeit erzeugen.