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30.7.2010 | Von:
Silke Beck

Vertrauen geschmolzen? Zur Glaubwürdigkeit der Klimaforschung

Überhitzung: Wissenschaft als "Kampfsport"

Diese Strategien führen zu einer Überhitzung der Diskussion, die sich darin niederschlägt, dass es weder sachlich um Lösungen der Klimapolitik noch um Aussagen der Klimaforschung geht, sondern dass diese Diskussionen als eine Art Kampfsport zwischen Klimaforschern ausgetragen werden, bei der die Medien und die Öffentlichkeit die Kampfrichter darstellen.[14] Aus Mangel an wissenschaftlichen Alternativen zielen die heutigen "Händler des Zweifels" nicht auf einzelne inhaltliche Aussagen der IPCC-Berichte, sondern greifen in erster Linie Standards der wissenschaftlichen Beweisführung an oder führen regelrechte Kampagnen gegen einzelne IPCC-Autoren wie Phil Jones, Ben Santer oder Michael Mann, die von Beobachtern mit Formen der politischen Verfolgung in der McCarthy-Ära verglichen werden.[15]

Aber auch Vertreter des IPCC lassen sich auf diese Strategie ein und versuchen den Nachweis anzutreten, dass einzelne, wissenschaftlich zweitrangige Forscher im Verbund mit den Medien Fehler des IPCC skandalisieren und die Öffentlichkeit damit ungerechtfertigt alarmieren.[16] Im Eifer des Gefechts versuchen alle beteiligten "Parteien", ihre Gegner wissenschaftlich zu diskreditieren oder ihnen entweder wissenschaftlich nicht gesicherte Übertreibungen oder politische Motive nachzuweisen. So hat zum Beispiel der IPCC-Vorsitzende Pachauri den begründeten Zweifel an dem "Himalaya-Zahlendreher" zunächst als "Voodoo-Wissenschaft" abgetan.[17] Auch in anderen Fällen hat Pachauri Kritik einfach beiseite gewischt, um keine Zweifel aufkommen zu lassen und den Anschein der Unantastbarkeit zu wahren. Als erste Rücktrittsforderungen laut wurden, erklärte er sich zur "unsinkbaren Molly Brown" - eine Anspielung auf die amerikanische Frauenrechtsaktivistin Margaret ("Molly") Tobin Brown, die als Überlebende des Untergangs der "Titanic" berühmt wurde. Auch er werde nicht sinken, sagte Pachauri, sondern im Gegenteil noch "viel höher" steigen.[18]

Alle Versuche, ausschließlich Sündenböcke zu suchen, werden die öffentliche Vertrauenskrise nicht lösen. Sie sind Symptome der Überhitzung, tangieren aber nicht die Ursachen des Problems. Der Weltklimarat läuft mit dieser Strategie Gefahr, wissenschaftlich berechtigte Einwände zu ignorieren, und riskiert, das große Vertrauen zu verspielen, das er den unsachlich argumentierenden "Klimaskeptikern" noch immer voraus hat. Das bedeutet auch, dass der IPCC seinen Führungsstil und seine Strategie der öffentlichen Kommunikation überdenken sollte, da diese maßgeblich zur Verschärfung der Situation beigetragen haben.

Eine neue Dimension der Diskussion besteht darin, dass sie nicht mehr nur in innerwissenschaftlichen Kreisen und in der Blogosphäre, sondern auch in der deutschen Öffentlichkeit ausgetragen wird und nun in einen Kampf um die öffentliche Wahrnehmung mündet. In den angelsächsischen Ländern verläuft die Debatte um die Affären wesentlich hitziger und kontroverser als hierzulande. Immer wieder werden von den Medien Meinungsumfragen zu Rate gezogen, um die Folgen der vermeintlichen "Skandale" zu beleuchten und den Grad des Vertrauens in den IPCC anzuzeigen. Zahlreiche Medienberichte legen nahe, dass sich ein "dramatischer Meinungsumschwung" in kurzer Zeit gegenüber der These des anthropogenen Klimawandels abzeichne, dass sich dieser noch verstärken werde und dass das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Klimaforschung erheblich erschüttert worden sei.[19] Neuere Untersuchungen hingegen belegen das Gegenteil: Die sogenannten Skandale haben die öffentliche Meinung kaum beeinflusst, und die Umfragewerte zum anthropogenen Klimawandel bleiben seit Jahren relativ konstant.[20]

Allerdings bleibt unklar, was der Mehrwert all dieser Umfragen ist bzw. was sie wirklich aussagen: Gehen sie tatsächlich über reinen Populismus hinaus, oder eröffnen sie nicht nur einen neuen Schauplatz für eine Stellvertreterdiskussion? Anstatt den Informationsbedarf und die Anliegen der Öffentlichkeit ernst zu nehmen, wird die "öffentliche Meinung" hier oftmals als passive Ressource der nachträglichen Akzeptanzbeschaffung von Wissenschaft verwendet.

Fußnoten

14.
Vgl. Stephen H. Schneider, Science as a Contact Sport: Inside the Battle to Save Earth's Climate, Washington, DC 2009.
15.
Vgl. Peter H. Gleick u.a., Climate Change and the Integrity of Science [offener Brief von 255 Mitgliedern der US-amerikanischen Akademie der Wissenschaften], in: Science, 328 (2010) 5979, online: www.pacinst.org/climate/climate_statement.pdf (28.6.2010).
16.
Vgl. Stefan Rahmstorf, Klimaforscher-Bashing beim Spiegel, 1.4.2010, online: www.wissenslogs.de/wblogs/blog/klimalounge
/medien-check/2010-04-01/klimaforscher-bashing-beim-spiegel (28.6.2010).
17.
Vgl. Ulf von Rauchhaupt, Voodoo statt Wissenschaft, 21.1.2010, online: www.faz.net/s/RubC5406E1142284FB
6BB79CE581A20766E/Doc~E09B1CAA
42E104CF0871A0070CB979A7B~ATpl~
Ecommon~Scontent.html (28.6.2010).
18.
Vgl. Irene Meichsner, Die Klima-Ikone wankt, in: Cicero, (2010) 3, S. 18f., online: www.cicero.de/97.php?ress_id=1&item=4771 (28.6.2010); Ian Wylie, UN climate chief jabs back at allegations of financial impropriety - but fails to land a blow, 20.1.2010, online: www.guardian.co.uk/environment/blog/2010/
jan/20/pachauri-personal-attacks (28.6.2010).
19.
Vgl. zum Beispiel Ulli Kulke, Die verlorene Unschuld der Klimaforschung, 20.2.2010, online: www.welt.de/die-welt/politik/article6476140/Die-verlorene-Unschuld-der-Klimaforschung.html (28.6.2010).
20.
Vgl. Jon A. Krosnick, The Climate Majority, 8.6.2010, online: www.nytimes.com/2010/06/09/opinion/
09krosnick.html (28.6.2010).