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30.7.2010 | Von:
Silke Beck

Vertrauen geschmolzen? Zur Glaubwürdigkeit der Klimaforschung

Abkühlung: "Kernaussagen nicht beeinträchtigt"

Statt an den Symptomen herumzukurieren, wäre es sinnvoller, die Diskussion auf die Ursachen und Folgen der Angriffe auf den Weltklimarat zu lenken. Wofür stehen die IPCC-Pannen tatsächlich? Wie repräsentativ sind die einzelnen Fälle? Handelt es sich um Eintagsfliegen, um persönliches Versagen, oder haben sie systemische Ursachen? Treten die Probleme zufällig auf, oder sind sie "hausgemacht"? Führen diese Fehler wirklich zu wissenschaftlichen Fehleinschätzungen? Wurden Daten vorsätzlich missbraucht oder der Öffentlichkeit vorenthalten, um die öffentliche Meinung zu manipulieren? Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die Klimapolitik, die auf dieses Pferd, den Weltklimarat, gesetzt hat?

Sowohl in den USA als auch in Großbritannien wurden hochkarätige Kommissionen eingesetzt, um die verschiedenen "Skandale" zu untersuchen.[21] Phil Jones, der im Mittelpunkt der Hacker-Affäre steht, ist inzwischen von Vorwürfen der Datenmanipulation oder dem Ausschluss abweichender wissenschaftlicher Meinungen entlastet worden. Gleichzeitig wurden die wissenschaftlichen Resultate bestätigt. Darüber hinaus haben mehrere Wissenschaftler und Forschungsorganisationen (wie das Nationale Komitee für Global Change Forschung und das Deutsche Klima-Konsortium) in Briefen Stellung genommen: Die Forscher aus den Niederlanden, USA und Deutschland kommen zum Schluss, dass die Tatsache, dass die IPCC-Qualitätssicherung nicht zu hundert Prozent funktioniert habe, nicht bedeute, dass die Grundaussagen nicht mehr gültig seien bzw. die Klimaforschung im Ganzen versagt habe. Trotz einzelner Kritikpunkte blieben, so die Schlussfolgerung, die Grundaussagen des vierten Sachstandberichts bestehen, sie stellten weiterhin eine robuste Grundlage für die internationale Klimapolitik dar.[22]

Nüchtern betrachtet lassen sich die Fehler kaum auf politisch motivierten "Betrug", sondern auf die Nicht-Einhaltung oder schlampige Umsetzung von bereits bestehenden IPCC-Verfahren zurückführen. Die Gretchenfrage ist folglich, inwieweit die Verfahren der Qualitätskontrolle und -sicherung greifen. Hier besteht in der Tat, insbesondere was die Qualitätskontrolle von politisch relevantem Wissen anbetrifft, Handlungs- und Reformbedarf. Die IPCC-Verfahren werden nun einer unabhängigen Begutachtung unterzogen. Dazu wurde ein Zusammenschluss nationaler Wissenschaftsakademien, das InterAcademy Council on International Issues (IAC), eingesetzt, dessen Ergebnisse voraussichtlich Ende August 2010 vorliegen werden.[23]

Ob die IAC-Vorschläge jedoch umgesetzt werden, entscheidet der Klimarat selbst. Seine Zukunft hängt also maßgeblich davon ab, ob und in welcher Weise es ihm gelingt, auf diese Herausforderungen zu reagieren, offensiv mit den für die Klimaforschung "unbequemen Wahrheiten" umzugehen und entsprechende organisatorische Lösungen zu entwickeln.

Fußnoten

21.
Vgl. Summarizing the Investigations on Climate Science, 12.7.2010, online: www.wri.org/stories/2010/07/summarizing-investigations-climate-science (16.7.2010).
22.
Vgl. Offener Brief des Nationalen Komitees für Global Change Forschung und des Deutschen Klima-Konsortiums hinsichtlich der Kritik an den IPCC-Sachstandsberichten, 31.5.2010, online: http://openletter.nkgcf.org (28.6.2010); Open letter by Netherlands scientists on IPCC and errors in Climate Change 2007 report, 10.2.2010, online: www.sense.nl/openbrief (28.6.2010); Open Letter from U.S. Scientists on the IPCC, 10.3.2010, online: www.openletterfromscientists.com (28.6.2010).
23.
Vgl. IAC-Homepage: http://reviewipcc.interacademycouncil.net (28.6.2010); Matthias Wyssuwa, Wohin mit den Zweifeln?, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 9.3.2010.