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30.7.2010 | Von:
Silke Beck

Vertrauen geschmolzen? Zur Glaubwürdigkeit der Klimaforschung

Innovationspotenzial

Der Weltklimarat hat in seiner etwas über zwanzigjährigen Geschichte schon mehrere Kontroversen relativ gut überstanden, in der Regel ist er aus ihnen sogar noch robuster hervorgegangen. Einer der Gründe dafür, dass der IPCC seine wissenschaftliche und politische Glaubwürdigkeit aufrechterhalten kann, ist in seiner Lern- und Reformfähigkeit zu sehen.[24]

Dem IPCC ist es immer wieder gelungen, auf neue Herausforderungen konstruktiv zu reagieren und entsprechende Verfahren und Regelungen - wie beispielsweise eine Revision der Begutachtungsverfahren nach 1999 - zu entwickeln. Anstatt eine starre Behörde zu werden, hat der Klimarat über die Jahre hinweg grundlegende Veränderungen sowohl in der Struktur und Substanz seiner Berichte als auch in seinen Verfahren vorgenommen. Die vermeintlichen Skandale zeigen auch, dass das Vertrauen in die Klimaforschung nicht ausschließlich durch mehr und bessere Information und ihre effektivere Kommunikation geschaffen werden kann.

Die Aussagen des Weltklimarats müssen aber nicht der wissenschaftlichen Fachgemeinschaft, sondern auch gegenüber der öffentlichen Kritik standhalten. Das bedeutet, dass die Glaubwürdigkeit auch von dem Vertrauen in den IPCC als Institution abhängt. Dieser steht damit nicht nur vor der Herausforderung, Informationen sachlich zu vermitteln, sondern auch nachzuweisen, dass und warum diese glaubwürdig sind.[25]

Gleichzeitig wird in dieser Situation auch das Fehlen an politischen Regelungen deutlich, um den IPCC demokratisch zu "kontrollieren". Der Vorwurf, dass eine kleine Elite von politisch motivierten wissenschaftlichen Überzeugungstätern ("Propheten des Untergangs") permanent hinter verschlossenen Türen wissenschaftliche Verfahren korrumpiere, Daten manipuliere und auf diese Weise Politik und Öffentlichkeit "betrüge", kann nur dann ausgeräumt werden, wenn die Vorgehensweisen des IPCC transparent und öffentlich zugänglich gemacht werden.

Die Innovations- und Lernfähigkeit steht und fällt mit dem Maße, in dem der IPCC seine Adressaten an seiner Arbeit teilnehmen lässt. Die Affären der vergangenen Monate haben verdeutlicht, dass der IPCC nicht nur die Verhandlungen über die Inhalte und Formen seiner Berichte, sondern auch über seine Verfahren transparent und zugänglich gestalten muss. Die Geschichte zeigt, dass nicht die relative Unabhängigkeit von der Politik und die Strategie der "Glaubwürdigkeit durch Exzellenz", wie häufig in der gegenwärtigen Diskussion gefordert, dem IPCC das Überleben in einem schwierigen Kontext gerettet haben, sondern gerade die "Freiheit zur Politik" (Max Weber) und die Strategie der "Glaubwürdigkeit durch Teilnahme".

So gilt es für den IPCC, die vorhandenen Ansätze in Richtung mehr Beteiligung und mehr Transparenz weiter zu stärken: Nicht nur seine Fähigkeit, renommierte Experten weltweit zu mobilisieren und in den Prozess der Politikberatung einzubinden, sondern auch die kontinuierlichen Verhandlungen mit seinen Adressaten machen die Arbeit des IPCC resonanzfähiger und helfen, dass sich dieser auf den Informationsbedarf von Politik und Öffentlichkeit einstellen und den "nützlichen" Input für den politischen Verhandlungsprozess liefern kann. Beides trägt auch dazu bei, die Debatte um den Klimawandel einem breiten Spektrum an sozialen, wirtschaftlichen und politischen Akteuren zu öffnen.

Schon jetzt werden seine Expertisen in einem weitaus größeren Maße in Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft wahrgenommen, als dies normalerweise in der Praxis der Politikberatung der Fall ist. Dadurch, dass außerwissenschaftliche Akteure Zugang zu den Entscheidungs- und Begutachtungsverfahren erhalten, werden sie auch in die Lage versetzt, die Glaubwürdigkeit der IPCC-Befunde einzuschätzen.[26] Diese Formen der Transparenz und Zugänglichkeit fördern nicht nur die Resonanz- und Anschlussfähigkeit, sondern auch die Glaubwürdigkeit und Robustheit des IPCC. Gleichzeitig erfordern sie auch neue Verfahren der Qualitätskontrolle für politisch relevantes Wissen, die gewährleisten, dass Prozesse der Teilnahme und Öffnung nicht auf Kosten der wissenschaftlichen Glaubwürdigkeit gehen.

Nicht zuletzt erweist sich die in der Diskussion vorherrschende Vorstellung, dass die Klimapolitik in der Wissenschaft entschieden wird, als empirisch falsch und politisch riskant. Sie kann zum Stillstand der Klimapolitik führen. Damit hätten die "Händler des Zweifels" ihr Ziel erreicht. Um diese Situation aufzubrechen, wird auch ein neues Selbstverständnis der politischen Rolle des Weltklimarats notwendig: In seiner Funktion als "ehrenhafter Vermittler" kann er zwar das Spektrum an politischen Handlungsmöglichkeiten aufzeigen, aber er kann die Politik nicht von der Verantwortung für riskante Entscheidungen entlasten.[27]


Dieser Artikel ist im Rahmen des Projekts "Nested Networks: Neue Formen der Governance der globalen Umweltforschung" entstanden, das im Rahmen der Initiative "Neue Governance der Wissenschaft" des Bundesministeriums für Bildung und Forschung gefördert wird.

Fußnoten

24.
Vgl. S. Beck (Anm. 10).
25.
Vgl. Sheila Jasanoff, Testing Time for Climate Science, in: Science, 328 (2010) 5979, S. 695f.
26.
Vgl. ebd.; S. Beck (Anm. 10).
27.
Vgl. Daniel Sarewitz, Curing climate backlash, in: Nature, 464 (2010) 7285, S. 28.