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30.7.2010 | Von:
Dirk Messner

Wie die Menschheit die Klimakrise meistern kann - ein optimistisches Essay

Was das Ende des fossilen Zeitalters bedeutet

Der Klimawandel ist vor allem das Ergebnis der Verbrennung fossiler Energieträger. Das Zeitalter der fossilen Brennstoffe begann um etwa 1820. Es ermöglichte die Substitution tierischer und menschlicher Muskelkraft durch fossil gespeicherte Energie - Kohle. Diese setzte Dampfmaschinen in Gang, die Textilmaschinen, Schiffe und Eisenbahnen bewegten. Damit konnte die Güterproduktion um ein Vielfaches erhöht, die Mobilität der Menschen enorm gesteigert und der Handel ausgedehnt werden. Wirtschaftshistoriker beobachten ab den 1820er Jahren den Übergang von weltweiter Stagnation von Einkommen und Wohlstand zu dynamischer ökonomischer Entwicklung.[2] Um 1890 herum überstieg die geschätzte weltweite Energienutzung mineralischer Kraftstoffe - Öl und Kohle - die Biomasse, selbst wenn weiterhin viele Menschen keinen direkten Zugang zu diesen neuen Energieformen hatten und dies bis heute für etwa zwei Milliarden Menschen gilt. In den 1880er/1890er Jahren fanden auch die wesentlichen Innovationen statt, die das industrielle Zeitalter prägten: die Glühlampe (1876), das Automobil (1885/86), Entdeckungen auf dem Gebiet der Elektrizität (Elektromotor, Kraftwerktechnologien) und der Chemie (neue Werkstoffe). Industrialisierung, Wohlstandssteigerung und Massenkonsum, Wohlfahrtsstaaten, weltweiter Tourismus, Globalisierung, vielleicht sogar die Demokratie, die auf sozialer Legitimation und Wohlfahrtsversprechen basiert, sind allesamt Kinder des fossilen Zeitalters, das bald seinen 200. Geburtstag feiert. Doch um den Kollateralschaden eines gefährlichen Klimawandels zu vermeiden, muss diese Ära alsbald beendet werden. Laut Wissenschaftlichem Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) kann das mittlerweile akzeptierte Zwei-Grad-Ziel nur eingehalten werden, wenn die globalen Treibhausgasemissionen vor 2020 ihren Höhepunkt erreichen und danach kontinuierlich bis 2050 um etwa 70 Prozent reduziert werden.[3]

Der Abschied vom fossilen Zeitalter bedeutet vor allem viererlei: Erstens muss die Menschheit endlich globale Verantwortung für das Erdsystem übernehmen und dieses als globales öffentliches Gut schützen lernen (ethische und realpolitische Herausforderungen, Collective-action-Probleme); zweitens muss globale politische Handlungs- und Kooperationsfähigkeit mobilisiert werden, um das Erdsystem zu erhalten (Herausforderungen der Global Governance und machtpolitischer Art, Komplexitätsprobleme); drittens müssen wirtschaftliche Entwicklung und Wohlstandssteigerung für bald neun Milliarden Menschen in den "Grenzen des Erdsystems"[4] organisiert werden (Innovation, neue Wohlstands- und Konsumkonzepte, neue Leitbilder für wirtschaftliche Entwicklung und Leistungsfähigkeit); und viertens müssen einerseits "die Menschheit" und das internationale politische System Innovationen hervorbringen, um die langsamen Prozesse internationaler Politik zu beschleunigen, weil ansonsten der notwendige Umbau der Weltwirtschaft in Richtung einer low carbon economy nicht zu schaffen ist,[5] andererseits müssen Langfristorientierungen in die politischen und wirtschaftlichen Institutionen eingeschrieben werden (neues "Zeitregime" für das postfossile Zeitalter, Intergenerationengerechtigkeit).

Diese vier Punkte zum Übergang vom Zeitalter des fossilen Industrialismus zur global low carbon economy [6] haben es in sich. Es geht um ethische Neuorientierungen, Durchbrüche in Richtung einer kooperativen Global Governance, technologische Schübe und beschleunigte Innovationsprozesse zur Dekarbonisierung der Weltwirtschaft, neue Wohlstandskonzepte sowie institutionelle und soziale Innovationen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Es gibt viele Gründe, einen solchen umfassenden Transformationsprozess für unwahrscheinlich zu halten. Sie sollen im Folgenden ausgeblendet werden. Stattdessen wird skizziert, wie eine solche Veränderungsdynamik in Gang kommen könnte. Der Grund für diese Vorgehensweise ist, dass große Umbrüche nur möglich sind, wenn Menschen sich die neuen Zukünfte und Wege dorthin vorstellen können. Menschen benötigen "Geschichten", Narrative, um sich in einer komplexen Welt zurechtfinden zu können. Das weltweit und systemübergreifend vorherrschende Narrativ der vergangenen zweihundert Jahre war ein Wohlstandsmodell, das auf der scheinbar unbegrenzten Verfügbarkeit fossiler Energieträger (und anderer Ressourcen) basierte. Nun bedarf es einer neuen "Geschichte" zur Weiterentwicklung der menschlichen Zivilisation sowie dessen, was wir unter "Modernisierung" und "Entwicklung" verstehen. Das ist leichter gesagt, als getan - John Maynard Keynes hat wohl richtig gelegen, als er vermutete: "Die Schwierigkeit ist nicht, neue Ideen zu finden, sondern den alten zu entkommen."

Fußnoten

2.
Vgl. Jürgen Osterhammel, Die Verwandlung der Welt, München 2009, S. 108ff.
3.
Vgl. WBGU, Kassensturz für den Weltklimavertrag - der Budgetansatz, Berlin 2009.
4.
Johan Rockström u.a., Planetary Boundaries. A Safe Operating Space for Humanity, in: Nature, (2009) 461, S. 472-475.
5.
Vgl. WBGU, Klimapolitik nach Kopenhagen, Politikpapier Nr. 6, Berlin 2010.
6.
Vgl. Dirk Messner/John Schellnhuber/Stefan Rahmstorf/Daniel Klingenfeld, The Budget Approach: A Framework for a Global Transformation Toward a Low-Carbon Economy, in: Journal of Renewable and Sustainable Energy, (2010) 3.