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30.7.2010 | Von:
Dirk Messner

Wie die Menschheit die Klimakrise meistern kann - ein optimistisches Essay

Globale Kooperationsrevolution

Das noch zur Verfügung stehende globale Treibhausgasbudget, welches mit einer Begrenzung der globalen Erwärmung auf zwei Grad Celsius kompatibel wäre, reicht nur noch für etwa zwanzig Jahre, wenn die Emissionen auf dem Niveau von 2008 stabilisiert würden. Ohne globale "Kooperationsrevolution" kann dieses klimapolitische Verteilungsproblem nicht gelöst werden.[7] Vier Maßnahmen wären zentral:

Erstens müssen Treibhausgase weltweit einen Preis bekommen, damit Treibhausgaseffizienz belohnt und gleichsam in das weltwirtschaftliche System eingeschrieben wird. Denkbar sind dafür Steuern und/oder ein internationales Emissionshandelssystem. Je internationaler die Lösungen ausfallen, desto geringer sind die Risiken, dass sich Klimaprotektionismus durchsetzt, der entsteht, wenn Regierungen mit anspruchsvoller Klimapolitik Waren aus Ökonomien, in denen Emissionen keinen Preis haben, mit Auflagen belegen. Dass die globale Erwärmung ohne diese Preissignale gestoppt werden könnte, ist unwahrscheinlich.[8]

Zweitens wird ein solcher Übergang nur dann möglich, wenn die Industrieländer, als die Hauptverursacher des Klimawandels, die Entwicklungsländer dabei unterstützen, sich an den Klimawandel anzupassen und klimaverträgliche Energie- und Infrastrukturen aufzubauen. Der WBGU hat einen Vorschlag für ein internationales Klimaregime entwickelt, das Treibhausgaseffizienz belohnt und zugleich eine globale Entwicklungspartnerschaft vorsieht.[9] Entscheidungsträger sollten einsehen, dass es ohne internationale Gerechtigkeit keinen Ausweg aus der Blockade der Klimapolitik geben kann.

Drittens muss die Trägheit internationaler Verhandlungsprozesse überwunden werden. Jede Welthandelsrunde und jede Reformdebatte im multilateralen System schleppt sich über ein ganzes Jahrzehnt. Dass es auch anders geht, zeigen die Reaktionen auf die internationale Finanzkrise. Innerhalb weniger Tage und Wochen wurden Hunderte von Milliarden Euro in den Finanzsektor gepumpt, um dessen Kollaps abzuwenden. Auch auf die Ereignisse am 11. September 2001 reagierte "der Westen" massiv, in kurzer Zeit und mit enormem Mitteleinsatz. Politik kann also "radikal" handeln, wenn unmittelbare Krisen zu bewältigen sind. In der Klimapolitik sollte von der "Apollo"-Mission gelernt werden: 1960 erklärte die US-Regierung das Ziel, innerhalb einer Dekade einen Menschen auf den Mond zu bringen; ein damals ähnlich utopisch anmutendes Unterfangen, wie das nun anstehende Ziel der weitgehenden Dekarbonisierung der Weltwirtschaft bis 2050. Zwar ist die heutige Mission anspruchsvoller, denn es geht um ein weltumspannendes Vorhaben und Innovationen in vielen Sektoren der Wirtschaft, aber das Grundmuster wäre ähnlich: klare Zielvorgabe, enger Zeitrahmen, Innovationsoffensive, absolute Priorität des Vorhabens.

Viertens muss die internationale Blockadesituation aufgebrochen werden, die Ergebnis eines internationalen Machtvakuums ist. Die breite Streuung von Macht und Problemlösungsressourcen in der multipolaren (oder auch "non-polaren") Weltordnung[10] und das Fehlen einer progressiven Klimaschutzallianz von handlungsmächtigen Staaten verhindert Fortschritte in der Klimapolitik. Kopenhagen hat gezeigt: Niemand bewegt sich, weil sich auch die anderen zurückhalten. Und eine Führungsgruppe, die andere Akteure überzeugen oder drängen könnte, eine progressive Klimapolitik zu betreiben, gibt es derzeit nicht - ein klassisches Collective-action-Problem. Zur Unterstützung des Verhandlungsprozesses um die Klimarahmenkonvention sollte Europa daher Allianzen von Klimapionieren anstoßen.[11] Ambitionierte Regierungen sollten gemeinsam die Weichen in Richtung klimaverträglicher Wirtschaft stellen, um den UN-Verhandlungsprozess der 192 Staaten zu beschleunigen. Zum Aufbau solcher Pioniernetzwerke ist eine geopolitische Klimapolitik notwendig, an der sich nicht nur Umwelt-, sondern vor allem auch Außenpolitiker beteiligen müssen. Auch weltweite Low-carbon-Städtenetzwerke könnten helfen, reale Dekarbonisierungsprozesse zu beschleunigen.

Fußnoten

7.
Vgl. WBGU (Anm. 3), S. 47.
8.
Vgl. Ottmar Edenhofer u.a., The Economics of Decarbonization, Potsdam 2009.
9.
Vgl. WBGU (Anm. 3).
10.
Vgl. Richard Haass, The Age of Non-Polarity, in: Foreign Affairs, 87 (2008) 3; Ashwani Kumar/Dirk Messner (eds.), Power Shifts and Global Governance, London 2010.
11.
Vgl. WBGU (Anm. 5).