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30.7.2010 | Von:
Dirk Messner

Wie die Menschheit die Klimakrise meistern kann - ein optimistisches Essay

Wirtschaft als Motor der Dekarbonisierung

Klimapolitik muss in diesem Sinne neu erzählt werden: als Herausforderung an die Innovationsfähigkeit unserer Ökonomien (und Gesellschaften).[12] Die High-carbon-Wirtschaft ist das zu überwindende Problem, doch kreative Unternehmen sind zugleich ein zentraler Teil der Lösung. Auch unter Unternehmensführern wächst das Bewusstsein darüber, dass das alte High-carbon-Geschäftsmodell an seine Grenzen stößt. Diese Grenzen sind unterschiedlicher Natur: High-carbon-Wachstum verliert in der Gesellschaft an sozialer Legitimation, je deutlicher die Risiken des Klimawandels werden; auch Unternehmen sind auf funktionstüchtige Ökosysteme und kalkulierbare Kosten des Klimawandels angewiesen; die absehbaren Grenzen von Ölreserven oder auch die katastrophalen Folgen des Untergangs der Ölbohrplattform "Deepwater Horizon" im April 2010 im Golf von Mexiko signalisieren, dass Alternativen zu fossilen Energieträgern zukünftig an Bedeutung gewinnen werden.

Wichtiger als diese Grenzen sind jedoch die neuen Horizonte und Perspektiven. Vieles spricht dafür, dass die nächste Innovationswelle in der Weltwirtschaft auf ressourceneffizienten und klimaverträglichen Innovationen basieren wird. Green-business- und Low-carbon-Investitionen sind keine Nische mehr, sondern wahrscheinlich der größte Wachstumsmarkt der Weltwirtschaft. Ein Low-carbon-Gründerboom ist deshalb denkbar, insbesondere, wenn die Subventionen für fossile Energieträger abgebaut werden. Diese belaufen sich allein in den 20 größten Nicht-OECD-Ländern auf etwa 300 Milliarden US-Dollar jährlich; die jährlichen High-carbon-Subventionen werden weltweit auf 600 bis 900 Milliarden US-Dollar geschätzt. Doch es geht nicht nur um den Abbau von Wettbewerbsverzerrungen, sondern auch um die Erschließung von Einsparpotenzialen im Übergang zu einer klimaverträglichen Wirtschaft. Allein durch die Ausschöpfung von Energieeffizienzpotenzialen könnte bis 2030 weltweit eine Billion US-Dollar für ansonsten notwendige Investitionen in Energieinfrastrukturen eingespart werden.[13] Vor diesem Hintergrund kommen die meisten Untersuchungen zu dem Ergebnis, das der klimaverträgliche Umbau des Weltenergiesystems zwar höhere Anfangsinvestitionen nach sich ziehen würde als eine Business-as-usual-Strategie, die Kosten über den gesamten Investitionszyklus bis 2050 aber ähnlich ausfallen dürften. In diesen Kalkulationen sind allerdings die schwer zu kalkulierenden Kosten gefährlichen Klimawandels, die eine Fortsetzung fossil basierten Wachstums mit sich brächten, nicht berücksichtigt. Aus einer gesamtgesellschaftlichen und gesamtwirtschaftlichen Perspektive wäre der Aufbau einer Low-carbon-Ökonomie also ein gutes Geschäft.

Für Europa und auch Deutschland liegen viele Chancen in dieser Entwicklung: Es sind Ingenieurskunst und Systemwissen in Feldern gefragt, in denen die deutsche Wirtschaft (noch) über Wettbewerbsvorteile verfügt. Zugleich nimmt der Wettbewerb zu, denn zum Beispiel auch in China orientiert man sich zunehmend am Leitbild einer low carbon economy. Es könnte sein, dass die alte Gorbatschow-Weisheit, dass "die Geschichte den bestraft, der zu spät kommt", auch beim Übergang zur klimaverträglichen Wirtschaft gilt.

Fußnoten

12.
Vgl. Anthony Giddens, The Politics of Climate Change, London 2009.
13.
Vgl. UN Secretary General's Advisory Group on Energy and Climate Change, Energy for a Sustainable Future, New York 2010, S. 11ff. und S. 29ff.