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30.7.2010 | Von:
Dirk Messner

Wie die Menschheit die Klimakrise meistern kann - ein optimistisches Essay

Wissenschaft als Innovationsmotor

Umbruchzeiten sind nicht nur für "Schumpeter'sche Unternehmer" goldene Zeiten, sondern auch für kreative Wissenschaftler, die sich für die Zukunftsgestaltung von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik interessieren. Dies gilt vor allem für junge Wissenschaftler, denen es leichter fällt, "alte Narrative, Weltsichten und Leitbilder" zu vergessen (siehe Keynes) und neue Konzepte zu entwickeln. Der Umbruch zur klimaverträglichen Weltwirtschaft erfordert neues Wissen und eröffnet Wissenschaftlern die Chance, nicht nur kreativ zu sein, sondern auch wissensbasierte Veränderungsprozesse zu befördern. Ähnlich wie in der Wirtschaft könnte auch in der Wissenschaft ein positiver Wettbewerb um die Beantwortung der großen Zukunftsfragen in Gang gesetzt werden.

Die Wissenschaft ist aufgefordert, komplizierte und für die Menschheit essenzielle Fragen zu erforschen: Wie sieht ein klimaverträgliches Energiesystem für neun Milliarden Menschen aus? Wie kann die globale Ernährung im Spannungsfeld vielfältiger Landnutzungskonkurrenzen (Bioenergie, Biodiversität, Landwirtschaft, Urbanisierung) gesichert werden? Wie könnten Low-carbon-Gesellschaften in Europa, Amerika, Asien und Afrika aussehen? Wie sehen Null-Emissions-Mobilitätskonzepte der Zukunft aus? Wie können Wohlstandssicherung und Armutsbekämpfung in den planetary boundaries gelingen? Darüber hinaus geht es um vielleicht noch schwieriger zu beantwortende Fragen: Welche akzeptablen Gerechtigkeitskonzepte für eine global vernetzte Weltgesellschaft sind denkbar? Wie lassen sich Demokratietheorien und -strategien globalisieren? Wie lassen sich Global-Governance-Prozesse beschleunigen? Wie können globale we-identities als Grundlage globaler Kooperation entstehen? Wie können ökonomische und politische Institutionen Langfristigkeit lernen? Ist die Antwort auf Komplexitätsprobleme in Wirtschaft und Gesellschaft die Steigerung der Komplexität in Politik und Wissenschaft?

Damit diese Herausforderungen gemeistert werden können, muss sich die Wissenschaft neu organisieren: Insbesondere müssen Sozial-, Natur- und Ingenieurwissenschaften lernen zusammenzuarbeiten, um unter den Bedingungen hohen Zeitdrucks integrative Analysen und Lösungen schneller zu erarbeiten. Zudem muss die Forschung noch transnationaler arbeiten, um Problemlagen von Anfang an aus sehr unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Vor allem müssen Möglichkeiten der Entwicklungsländer, sich in internationalen Forschungsnetzwerken zu engagieren, gestärkt werden, und die westlichen Forschungsnetzwerke sollten sich gegenüber den Wissenschaftssystemen der "aufsteigenden Mächte" rasch öffnen. Die Einsicht des indischen Philosophen Homi Bhabha weist die Richtung: "We need to learn that all our perspectives are radically incomplete."