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30.7.2010 | Von:
Dirk Messner

Wie die Menschheit die Klimakrise meistern kann - ein optimistisches Essay

Zum Schluss: Der Mensch kann kooperativ sein

Über all den bisher skizzierten Fragen steht die nach der generellen Kooperationsfähigkeit des Menschen. Also: Sind Menschen prinzipiell eher individuelle Nutzenmaximierer und free rider? Oder können Individuen in Gemeinschaften, entgegen ihren kurzfristigen Eigeninteressen, zu Übereinkünften und Kooperationsmustern kommen, die zu besseren Ergebnissen sowohl für die Gruppe wie auch für die jeweiligen Individuen führen als opportunistisches, kurzsichtiges und eigensinniges Verhalten? "In other words, how do groups of individuals gain trust?"[14] Seit Thomas Hobbes beschäftigt diese zentrale Frage, die oft als soziales Dilemma beschrieben worden ist, die Wissenschaften.

Hobbes' Antwort auf diese Kernfrage menschlicher Gesellschaften wurde auch von einem gewichtigen Zweig der Theorie der Internationalen Beziehungen (der (neo)realistischen Schule) übernommen. Gemeinschaften müssen demnach durch eine externe Autorität an opportunistischem Verhalten gehindert und zu kooperationsorientiertem Verhalten gezwungen werden. Wo eine solche externe Hierarchie (wie im "anarchischen" internationalen Staatensystem) nicht existiert, haben Kooperation und Vertrauen keine Chance, opportunistisches Verhalten dagegen hat leichtes Spiel. Unterschiedlichste Theorieschulen kollektiven Handelns haben sich mit diesen sozialen Dilemmata beschäftigt, die aus dem Widerspruch zwischen dem Handeln Einzelner und der Schwierigkeit kollektiven Handelns zur Erreichung eines optimalen Ergebnisses für Gruppen resultieren. Es geht in diesen Theoriediskursen darum, unter welchen Bedingungen in Gemeinschaften öffentliche Güter bereitgestellt und common-pool resources (also zum Beispiel das Klima) vor Übernutzung geschützt werden können (tragedy of the commons).

Rational-choice-Theoretiker (und auch die Vertreter der realistischen Schule der Internationalen Beziehungen) erwarten unter den skizzierten Bedingungen, dass sich das "Nash-Gleichgewicht" durchsetzt, also opportunistisches, an kurzfristigen Eigeninteressen orientiertes Verhalten. Moral hazard siegt über Vertrauensbildung und Kooperation. Folgt man dieser Argumentation, ist jenseits eines durchsetzungsstarken benevolent hegemon oder eines wohlmeinenden Weltstaates jede Hoffnung auf eine tragfähige Basis für internationale Kooperation im 21. Jahrhundert und damit auch auf eine Vermeidung der Klimakrise naiv.

Die Nobelpreisträgerin für Wirtschaftswissenschaften Elinor Ostrom und James Walker dagegen kommen zu dem Ergebnis, dass das "Nash-Gleichgewicht" nur eine unter vielen Handlungskonstellationen darstellt.[15] In Laborexperimenten verhalten sich in sozialen Dilemma-Situationen, die mehrfach durchgespielt werden, um die 50 Prozent der Beteiligten in den ersten Spielrunden kooperativ; wenn Face-to-face-Kommunikation zwischen den Mitspielern herrscht, setzt sich kooperatives Verhalten gar zu 80 bis 90 Prozent durch. Diese Ergebnisse bestätigen auch Amartya Sen in seiner Beobachtung: "There are many different conceptions of rational behavior of the individual."[16] Vieles spricht dafür, dass dies auch für Akteure in internationalen Netzwerken und Verhandlungssystemen gilt, es also keine durch "objektive nationale Interessen" eindeutig determinierten Verhaltensmuster gibt.

Ostrom und Walker isolieren vier zentrale Mechanismen, die das Verhalten in Gruppen prägen, die soziale Dilemmata-Situationen bearbeiten müssen. Diese Mechanismen verweisen auf grundlegende Muster menschlichen Verhaltens: (a) möglichst direkte Kommunikation erhöht kooperatives Verhalten; (b) die Möglichkeit, opportunistisches Verhalten zu sanktionieren, verstärkt die Bereitschaft zu kooperativem Verhalten; (c) Menschen handeln nicht auf der Grundlage objektiver rational choices, sondern vor dem Hintergrund erlernter, verinnerlichter und erprobter Verfahren, Normen und Regeln, die kooperatives Verhalten begünstigen, aber auch erschweren oder gar blockieren können; (d) Menschen tendieren dazu, auf positives Verhalten anderer positiv und auf negatives Verhalten negativ zu reagieren, so dass sich diese Reziprozitätsorientierung in Anreize übersetzt, Ansehen und Vertrauen dadurch zu gewinnen, dass man Versprechen einhält und Kooperation pflegt, selbst wenn dadurch kurzfristige Nachteile entstehen, die jedoch durch erwartete langfristige Zugewinne kompensiert werden können. Diese Interpretation deckt sich mit Erkenntnissen der Kognitionswissenschaften, der evolutionären Anthropologie sowie der Verhaltensökonomik, wonach Vertrauen und Kooperation sowie Misstrauen und opportunistisches Verhalten durch soziale Interaktionsprozesse "erlernt" werden.[17]

In einer Welt "engstirniger Egoisten" und ausschließlich an ihren kurzfristigen Machtinteressen orientierten Staaten herrschte das Diktat des "Nash-Gleichgewichts". In der realen Welt multipler Rationalitäten, in der kooperative, opportunistische und feindselige Handlungsmuster möglich sind, kommt Individuen, politischen Akteuren, Staaten und Unternehmen die Aufgabe zu, Rahmenbedingungen und Anreize zu schaffen, die Kooperation, Vertrauen und Empathie stärken. Denn darauf sind unsere Gesellschaften im Übergang zum postfossilen Zeitalter mindestens genauso stark angewiesen wie auf "den Wettbewerb" als Innovationsmotor. Weil Kooperation er- und verlernt werden kann, geht es um individuelle Verantwortung, Erziehung zur Kooperation sowie gesellschaftliche Diskurse um Werte, denen sich unsere Gesellschaften verpflichtet fühlen. Diese Elemente sind keine Garantie für gelingende Kooperation, aber sie sind Voraussetzungen dafür, dass sich die Chancen zur Kooperation verbessern.

Ostrom hat den Wissensstand zu dieser Frage prägnant zusammengefasst: "What the research on social dilemmas demonstrates is a world of possibility rather than one of necessity. We are neither trapped in inexorable tragedies nor free of moral responsibility for creating and sustaining incentives that facilitate our own achievement of mutual productive outcomes."[18] Wir müssen also globale Kooperationsfähigkeit lernen, wenn die Klimakrise bewältigt werden soll. Dies ist zumindest ebenso wichtig, wie die technologischen Innovationen auf dem Weg in die Low-carbon-Gesellschaft.

Fußnoten

14.
Elinor Ostrom/James Walker (eds.), Trust and Reciprocity, New York 2003, S. 19.
15.
Vgl. ebd.
16.
Amartya Sen, Rationality and Social Choice, in: American Economic Review, 85 (1995) 1, S. 1-24, hier: S. 2.
17.
Vgl. Michael Tomasello, Die kulturelle Entwicklung menschlichen Denkens. Zur Evolution der Kognition, Frankfurt/M. 2002; Robin Dunbar, Warum die Menschen völlig anders wurden, in: Ernst P. Fischer/Klaus Wiegandt (Hrsg.), Evolution und Kultur des Menschen, Frankfurt/M. 2010, S. 244-269; George Akerlof/Robert Shiller, Animal Spirits, Frankfurt/M. 2009.
18.
Elinor Ostrom, Toward a Behavioural Theory Linking: Trust, Reciprocity and Reputation, in: dies./James Walker (Anm. 14), S. 19-79, S. 62.