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5.7.2010 | Von:
Jürgen Pohl

Wiederaufbau nach dem Erdbeben - Perspektiven für Haiti

Rahmenbedingungen für den Wiederaufbau und Strukturbedingungen in Haiti

Allein das Naturereignis "Erdbeben" kann noch nicht die Katastrophe erklären, welche sich in Haiti ereignet hat. Die besonders hohe gesellschaftliche Verwundbarkeit (Vulnerabilität) Haitis vervielfacht das Ausmaß der Katastrophe. Strukturell und langfristig beruht diese auf der schwierigen geschichtlichen Entwicklung des Landes in den vergangenen 200 Jahren. Als ein aktueller Hauptfaktor kann auch die fehlgeleitete oder nicht vorhandene Stadt- und Regionalentwicklungsplanung angesehen werden. Mehr als 40 Prozent der Bevölkerung, zwei Drittel des Bruttoinlandsprodukts und 85 Prozent der Steuereinnahmen konzentrieren sich auf die Metropolregion Port-au-Prince.[8] Haitis hohe städtische Bevölkerungsdichte, gekoppelt mit der Verbreitung von Gebäuden, welche die Konstruktionsanforderungen gegenüber Erdbeben nicht erfüllen, sowie die allgemeine Fragilität der Infrastruktur erhöhten ebenfalls die Vulnerabilität. Zudem wurde die Unerfahrenheit im Risikomanagement deutlich, denn die haitianische Regierung war unter anderem durch das Fehlen und den Verlust von Personal und Gerät mit den organisatorischen Abläufen überfordert und gerade in den ersten Wochen nach der Katastrophe nahezu handlungsunfähig.

Die Verwundbarkeit Haitis ist auch aus anderen Gründen groß. So ist Haitis ökologische Lage geradezu prekär. In Haiti ist der Prozess der Entwaldung so weit fortgeschritten, dass nur noch zwei Prozent der Landoberfläche von Wäldern bedeckt ist - damit wird das Risiko für die ohnehin für Überflutungen anfällige Metropolregion Port-au-Prince erhöht. Zusätzlich zu dieser environmental vulnerability sind auch gesellschaftliche Faktoren, politische Instabilität sowie rasch voranschreitende Urbanisierung zu nennen; hierdurch werden die Katastrophenauswirkungen, die soziale Vulnerabilität, weiter verschärft.

Schon vor dem Beben mussten zwei Drittel der haitianischen Bevölkerung von weniger als zwei US-Dollar am Tag leben, 80 Prozent gelten als unterernährt. Die Hälfte der Einwohner Haitis ist jünger als 18 Jahre.[9] Alle Indikatoren zum sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungsstand wiesen Haiti schon vor der Katastrophe als failed state aus, als gescheiterten Staat. Durch das Beben wurden bestehende Missstände noch verschärft, allein der Zugang zu Nahrungsmitteln und sauberem Trinkwasser kam zeitweise völlig zum Erliegen. Da mit Port-au-Prince das soziale, kulturelle, ökonomische und politisch-administrative Zentrum Haitis am stärksten von den Auswirkungen der Katastrophe betroffen ist, war der Effekt auf den öffentlichen und privaten Sektor, aber auch auf die institutionellen Kapazitäten, bedeutend größer.

Fußnoten

8.
Vgl. Ministry of Economy and Finance, The Challenge of Economic Reconstruction in Haiti. Integrated strategic framework for the short, medium and long term, Port-au-Prince 2010.
9.
Vgl. L'Enquête sur les Conditions de Vie en Haïti (ECVH), Chapitre 2: Population, ménages et familles, Port-au-Prince 2003.

Hintergrund aktuell (01.04.2010)

Knapp zehn Milliarden Dollar für Haiti

Eine neue Zukunft für Haiti: Auf Einladung der UN haben sich unter diesem Motto am Mittwoch (31.03.2010) Vertreter von mehr als 150 Staaten auf einer internationalen Geberkonferenz in New York getroffen. Für den langfristigen Wiederaufbau Haitis wollen Staaten und Organisationen rund 10 Milliarden Dollar zur Verfügung stellen. Das ist deutlich mehr als erwartet.

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