APUZ Dossier Bild

5.7.2010 | Von:
Jürgen Pohl

Wiederaufbau nach dem Erdbeben - Perspektiven für Haiti

Der Haitiplan

Die haitianische Regierung hat sich in ihrem Action Plan zum Ziel gesetzt, die Katastrophe von 2010 als Gelegenheit dafür zu nutzen, Haiti bis zum Jahr 2030 als aufstrebendes Land zu positionieren. Verbunden wird dieses Ziel mit der Vision eines gerechten, gleichberechtigten und vereinten Zusammenlebens im Einklang mit Natur und Kultur. Zudem soll eine Gesellschaft entstehen, die durch Rechtsstaatlichkeit, Meinungsfreiheit, bewusste Landnutzung, aber auch eine modernisierte, diversifizierte, dynamische und konkurrenzfähige Wirtschaft charakterisiert ist.[13] Folgende weitere Wiederaufbauziele werden im Entwurf der Regierung skizziert:[14]

  • Schaffung von Zugang zu einem gerechten, dezentralen und angepassten System für Grundversorgung (Bildung, Gesundheit, Information, Sport, Sicherheit), insbesondere für Frauen und Kinder;
  • Qualitative Aufwertung der Arbeitsplätze durch Investitionen in Bildung und die Schaffung neuer Arbeitsplätze bzw. neuer Einkommensquellen;
  • Vorbereitung auf die Hurrikansaison 2010, Identifizierung von Risikozonen, Unterbringung der Betroffenen (bisher in Zeltstädten), Aufbau eines Frühwarn- und Evakuierungssystems;
  • Berücksichtigung von Umweltaspekten in allen Bereichen des Wiederaufbau- und Entwicklungsprozesses;
  • Aufbau von Messstationen und Einführung von rechtlichen und technischen Maßnahmen für das künftige Risiko- und Katastrophenmanagement;
  • Etablierung einer aktiven Arbeitsmarktpolitik, auf Grundlage von "Ich-AGs" (micro-businesses), verstärkter Berufsausbildung, insbesondere für Jugendliche. Zudem wird eine Kooperation von haitianischen Unternehmern, der lokalen Arbeitskräfte und der Kommunen angestrebt;
  • Wiederaufbau von Staat und Wirtschaft. Sie sollen die Lebensgrundlage für das haitianische Volk schaffen und Perspektiven für ein "neues" Haiti eröffnen. Allein der Wirtschaftskreislauf muss wieder angekurbelt werden, da derzeit nahezu das gesamte Preisgefüge durch Nachfrageüberschüsse beeinflusst wird;
  • Reduzierung der hohen Bevölkerungskonzentration in der Metropolregion Port-au-Prince. Durch finanzielle Anreize sollen Umzüge in neue Wachstumspole der Peripherie angeregt werden. Außerdem sollen die Grundbedürfnisse der Bevölkerung nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ gedeckt werden - in Form einer "Wissensgesellschaft", mit Bildung, Qualifikation und Forschung als Schwerpunkt.
Alle Ziele sollen unter Aufsicht eines verantwortlichen und einheitlichen Staates, welcher die Durchsetzung von Recht und Gesetz sowie die Interessen des Volkes garantieren kann - verbunden mit der Verpflichtung zu Dekonzentration und Dezentralisierung - durchgesetzt werden. Für den Wiederaufbau setzt die haitianische Regierung Rahmenbedingungen, welche sich in vier Bereiche differenzieren lassen:

Territorialer Wiederaufbau:
Er beinhaltet die Planung neuer Entwicklungszentren und die Förderung der Regionalentwicklung sowie den Wiederaufbau betroffener Gebiete und die Installation technischer und sozialer Infrastruktur. Zudem gilt es, die Landnutzung zu organisieren und in die Katastrophenvorsorge einzubinden.

Ökonomischer Wiederaufbau:
Er bezieht sich im Falle Haitis auf die Förderung der ökonomischen Schlüsselsektoren, insbesondere die Modernisierung des primären Sektors, um Importsubstitution zu ermöglichen und gegebenenfalls Überschüsse zu exportieren. Zudem muss der Bausektor mit technischen und rechtlichen Maßnahmen auf eine "erdbebensichere", aber auch "hurrikansichere" Bauweise eingestellt werden sowie über geeignete Kontrollmechanismen verfügen. Des Weiteren soll die verarbeitende Industrie unterstützt und die touristische Entwicklung des Landes vorangetrieben werden.

Gesellschaftlicher Wiederaufbau:
Hier geht es darum, ein Bildungssystem mit Zugang für alle Kinder einzurichten, Angebote zur weiterführenden universitären oder Berufsausbildung zu schaffen sowie ein Gesundheitssystem, welches eine landesweite medizinische Grundversorgung garantiert, aufzubauen. Zudem wird der Aufbau eines Systems für die soziale Sicherung der Bevölkerung angestrebt.

Institutioneller Wiederaufbau:
Hier sollte zunächst die Handlungsfähigkeit der staatlichen Institutionen wieder hergestellt bzw. verbessert werden. Priorität haben dabei Institutionen, welche die regulierenden Rahmenbedingungen festlegen, den Wiederaufbau planen und koordinieren sowie die allgegenwärtige Korruption bekämpfen können.

Diese ideellen Ziele sollen innerhalb von 20 Jahren unter Mobilisierung aller verfügbaren Ressourcen erreicht werden, um einen "qualitativen Wandel" durchzusetzen, welcher schon im Jahr 2007 im nationalen Strategieplan Growth and Poverty Reduction angestrebt wurde.[15] Auch im Entwurf aus dem Jahr 2010 bleibt diese Zielsetzung fester Bezugspunkt für die weiteren Planungen.

Fußnoten

13.
Vgl. Government of the Republic of Haiti, Action plan for national recovery and development of Haiti. Immediate key initiatives for the future, Port-au-Prince 2010, S. 39ff.
14.
Vgl. ebd., S. 21ff.
15.
Vgl. International Monetary Fund, Haiti. Poverty Reduction Strategy Paper IMF, Country Report, Nr. 8/115, Washington, DC 2008.

Hintergrund aktuell (01.04.2010)

Knapp zehn Milliarden Dollar für Haiti

Eine neue Zukunft für Haiti: Auf Einladung der UN haben sich unter diesem Motto am Mittwoch (31.03.2010) Vertreter von mehr als 150 Staaten auf einer internationalen Geberkonferenz in New York getroffen. Für den langfristigen Wiederaufbau Haitis wollen Staaten und Organisationen rund 10 Milliarden Dollar zur Verfügung stellen. Das ist deutlich mehr als erwartet.

Mehr lesen