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5.7.2010 | Von:
Julia Schünemann

"Sak vid pa kanpe" - Die Zerbrechlichkeit des haitianischen Staates und die Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen

Menschliche Sicherheit in Haiti

Die Idee von der menschlichen Sicherheit ist untrennbar verwoben mit dem Konzept der menschlichen Entwicklung, welches im Jahr 1994 von den Vereinten Nationen erarbeitet wurde. Es beinhaltete ursprünglich die beiden charakteristischen Elemente "Freiheit von Furcht" und "Freiheit von Mangel" (Freedom from Fear und Freedom from Want) und umfasst die Bereiche Wirtschaft, Ernährung, Gesundheit, Umwelt sowie persönliche, gruppenspezifische und politische Sicherheit.

Auf der Skala des Human Development Index (HDI) des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP)[8] belegte Haiti im Jahr 2009 unter 179 Ländern Rang 149 und ist somit das am wenigsten entwickelte Land der westlichen Hemisphäre.[9] Schätzungsweise 80 Prozent der Haitianer leben unterhalb der Armutsgrenze, 54 Prozent existieren in extremer Armut. Hinzu kommt eine für Lateinamerika und die Karibik charakteristische, aber gleichwohl überdurchschnittlich ungleiche Vermögensverteilung.[10] Die fortschreitende Zerstörung ihres Lebensraumes, insbesondere durch Abholzung - lediglich knapp vier Prozent der Waldfläche sind nach Angaben der Weltbank noch intakt -, stellt eine existenzielle Bedrohung dar.[11]

Durch das Erdbeben hat sich die ohnehin dramatische Situation für die haitianische Bevölkerung weiter zugespitzt. Über 1,5 Millionen Menschen leben gegenwärtig in Camps und Zeltlagern, die trotz internationaler Hilfsleistungen nur notdürftig ausgestattet sind. Diese Notunterkünfte bieten weder ausreichenden Schutz vor den starken subtropischen Regenfällen noch vor den saisonalen Tropenstürmen: Die atlantische Hurrikansaison beginnt offiziell Anfang Juni und endet Ende November; in der Vergangenheit wurde Haiti immer wieder von Tropenstürmen mit verheerenden Folgen heimgesucht. Die Lager und Notunterkünfte sind Brutstätten für Krankheiten und Epidemien jeder Art.

Haiti befindet sich in einer Abwärtsspirale von rapide voranschreitendem strukturellem Verfall und einer nicht abreißen wollenden Kette von Krisen und Katastrophen.[12] Der unabweisbare Zwang, zunächst einmal akute Krisen und Notsituationen auf Haiti zu bewältigen, steht der Entwicklung und Umsetzung einer auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Entwicklung im Weg.

Fußnoten

8.
Abkürzung gemäß der englischen Bezeichnung United Nations Development Programme.
9.
Vgl. United Nations Development Programme (UNDP), Human Development Report 2009, online: http://hdrstats.undp.org/en/countries/data
_sheets/cty_ds_HTI.html (7.6.2010).
10.
Vgl. World Bank's World Development Indicators (WDI) Database, September 2008, online: http://data.worldbank.org/data-catalog/world-development-indicators (7.6.2010).
11.
Vgl. auch Nancy Roc, Haiti-Environment: From the "Pearl of the Antilles" to desolation, Madrid 2008.
12.
Vgl. Julia Schünemann/Pierre Richard Cajuste, Haití: de la gestión de la ayuda en un contexto de deterioro estructural, in: Temas, 187 (2010) 5.

Hintergrund aktuell (01.04.2010)

Knapp zehn Milliarden Dollar für Haiti

Eine neue Zukunft für Haiti: Auf Einladung der UN haben sich unter diesem Motto am Mittwoch (31.03.2010) Vertreter von mehr als 150 Staaten auf einer internationalen Geberkonferenz in New York getroffen. Für den langfristigen Wiederaufbau Haitis wollen Staaten und Organisationen rund 10 Milliarden Dollar zur Verfügung stellen. Das ist deutlich mehr als erwartet.

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