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5.6.2010 | Von:
Sonja Hegasy

Die Säkularisierung des arabischen Denkens: Zur Trennung von Vernunft und Religion

Struktur der arabischen Wissenschaft

In der Einleitung zum ersten Band (1984) ordnet al-Jabri die KdaV in eine Reihe von Veröffentlichungen ein, die während der vergangenen hundert Jahre zur Renaissance der arabischen Kultur erschienen sind. Er behandelt die epistemologische Struktur der arabischen Wissenschaft, das heißt die Frage, wie es zur Produktion von Wissen kommt. Dazu greift al-Jabri auf Michel Foucaults épistème-Konzept (Konfiguration oder Ordnungsprinzip) zurück: In jedem Kulturzustand gibt es nach Foucault eine verborgene Modalität der Ordnung, die das Fundament bildet, auf dem sich jegliche Interpretation strukturiert. Diese Ordnung tritt jedes Mal als eine "Möglichkeitsbedingung" für eine stark hierarchisierte Form der Erkenntnis auf. Es existiert also ein "geheimes Netz", nach dem sich alle Dinge in gewisser Weise betrachten lassen. In jedem Ding ist das Ordnungsprinzip seiner Bedingungen eingeschrieben, so dass das Denken des einen immer zum Denken des anderen führt.

Al-Jabri überträgt die These vom inhärenten Ordnungsprinzip auf den arabisch-islamischen Kulturraum, wo Grammatik, Recht, Theologie, Mystik, Rhetorik und Philosophie keine eigenständigen Wissenschaften und insbesondere Theologie und Philosophie nie unabhängig von der Politik waren. Diese Felder weisen aus seiner Sicht die gleichen Strukturen der Wissensproduktion auf. Nach al-Jabri konnte sich das Denken in Analogien so fest im arabisch-islamischen Kulturraum verankern, dass diese Methode auf alle Bereiche der Wissenschaft übertragen wurde. Dieses Denken müsse durchbrochen werden.

Für al-Jabris These eines blockierten Modernisierungsprozesses in der arabischen Welt ist der Aufstieg der abbasidischen Dynastie (749-1258) und das sogenannte Zeitalter der Niederschrift ('asr al-tadwin) zentral. In dieser Zeit wurde die Sunna (Vorbild des Propheten) in den Hadithsammlungen (Überlieferungen über den Propheten Mohammed) kodifiziert, und es entstanden die vier wichtigsten Rechtsschulen des Islams,[5] welche die Kanonisierung der Offenbarung vorantrieben. Die Quellen des Rechts sind der Koran, das Vorbild und die Äußerungen des Propheten, der Analogieschluss (qiyas), der Konsens der Gelehrten (ijma'a) sowie die freie Rechtsfindung eines Gelehrten (ijtihad). Diese Möglichkeit der Entscheidungsfindung durch Einzelne wurde jedoch mit der Kanonisierung zunehmend begrenzt, bis sie im 9. Jahrhundert ausgeschlossen wurde. Heute beziehen sich Reformdenker insbesondere auf diese Quelle der Rechtsfindung, um moderne Auslegungen der Überlieferung zu rechtfertigen.

Fußnoten

5.
Die vier größten sunnitischen Rechtsschulen entwickelten sich zwischen der Mitte des 8. und dem 11. Jahrhundert und wurden nach ihren Lehrern benannt: Hanafiten (Abu Hanifa, 699-767), Malikiten (Malik ibn Anas, ca. 715-796), Schafiiten (al-Schafii, 767-820) und Hanbaliten (Ahmad ibn Hanbal, 780-855).