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5.6.2010 | Von:
Sonja Hegasy

Die Säkularisierung des arabischen Denkens: Zur Trennung von Vernunft und Religion

Säkularisierung des Denkens

Zwei Hauptgedanken der politischen Ideengeschichte wirken nach al-Jabri bis heute fort und seien der Grund für die anhaltende Stagnation in der arabischen Welt: (i) Nachahmung statt kritischem Denken habe sich als zentrale Form der Erkenntnis ebenso durchgesetzt wie (ii) Beratung des Herrschers, nicht aber seine Kontrolle. Al-Jabri zeigt, wie seit dem 8. Jahrhundert die Auslegung der Offenbarung und die daraus entstandenen Wissenschaften den Nutzen der jeweiligen Herrscher berücksichtigten, das heißt wie Jurisprudenz, Geschichtsschreibung (die eng mit der Biographie des Propheten und seiner Nachfolger verknüpft ist) wie auch die philosophisch-theologischen Debatten zu dieser Zeit politisiert wurden.

Mit "Säkularisierung des Denkens" ist daher im übertragenen Sinne die Trennung der Politik von den Bereichen Theologie, Philosophie, Recht und Geschichte gemeint. Al-Jabri arbeitet in der "Kritik der arabischen Vernunft" den ideologischen Gehalt dieser Bereiche heraus, um die Entstehung eines unabhängigen fünften Felds zu unterstützen, nämlich des politischen Felds. So sollen die vorhandenen "intellektuellen Ordnungen" dem Zweck der Legitimation politischer Bewegungen entzogen werden. "Wie lässt sich ein objektives Verständnis von unserer Tradition entwickeln?", so lautet nach al-Jabri die "wesentliche methodologische Frage, die sich dem zeitgenössischen arabischen Denken stellt, wenn es um den Versuch geht, eine adäquate wissenschaftliche Methode in der Auseinandersetzung mit dem eigenen Verhältnis zur Tradition zu entwickeln".[6]

Für die islamische Geistesgeschichte identifiziert al-Jabri drei Erkenntnisordnungen: erstens die Wissenschaft der religiösen Auslegung, in der Unbekanntes stets dem im offenbarten Text schon Bekannten untergeordnet wird. Zweitens nennt er die naturwissenschaftliche Beweisführung, die eine Ableitung aus den empirischen Daten ist. Und drittens führt er die mystische (und damit für al-Jabri dezidiert irrationale) Inspiration und Versenkung an. Nachahmung sei in allen drei Bereichen das zentrale Prinzip und habe zu der bekannten Stagnation geführt.

Das europäische Denken der Moderne sei dagegen nicht stehen geblieben, denn hier wurde seit dem 17. Jahrhundert das Experiment als objektive Erkenntnisform hinzugefügt: "Warum blieb die experimentelle Rationalität ohne Auswirkung auf die Weltsicht der Arabo-Muslime, obwohl diese Europa in mehreren Bereichen dieser Rationalität vorausgingen und es inspirierten? Der Averroismus und seine Theorie der Trennung zwischen Religion und Philosophie ermöglichten dem philosophischen Denken im Westen, seine Autonomie gegenüber dem Dogma der Kirche zu gewinnen. Auf der anderen Seite brachte die arabisch-islamische Kultur Gelehrte der exakten Wissenschaften hervor (den Optiker Ibn al-Haytham, genannt Alhazen, den Astronomen al-Batruji, genannt Al Petragius), deren wegbereitende Arbeiten anschließend für die Akteure der wissenschaftlichen Revolution im Okzident (Galilei, Kopernikus) in maßgeblicher Weise inspirierend waren. Der Grund dafür, dass die Wissenschaft nicht die treibende Kraft im Denken innerhalb der arabisch-islamischen Kultur sein konnte, liegt nach al-Jabri darin, dass bereits ein anderer Faktor, nämlich das Politische, diese Funktion besetzte."[7]

Fußnoten

6.
M.A. al-Jabri (Anm. 2), S. 86.
7.
Ahmed Mahfoud/Marc Geoffrey bei ebd., S. 48f.