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5.6.2010 | Von:
Sonja Hegasy

Die Säkularisierung des arabischen Denkens: Zur Trennung von Vernunft und Religion

Auslegung der islamischen Quellen und Rolle der Vernunft

Man darf nicht annehmen, dass al-Jabri einer von nur wenigen war, die sich einem solchen erkenntniskritischen Unternehmen verschrieben haben. Er führte ein Projekt der modernen islamischen Philosophie fort, das ihren Ausgang im frühen 19. Jahrhundert genommen hatte. Anfang der 1950er Jahre gab es in Ägypten eine Schule der literarischen Interpretation des Korans, zu der zunächst sogar der spätere islamistische Vordenker Sayyid al-Qutb zählte. Al-Jabris "Kritik der arabischen Vernunft" ist auch eine Antwort auf Sadik Jalal al-Azms im Jahr 1969 erschienene "Kritik des religiösen Denkens" sowie Mohammed Arkouns "Pour une critique de la raison islamique" (erschienen im Jahr 1984 in Paris)[8] ; ihre Arbeiten thematisieren die Frage nach einer zeitgemäßen Auslegung der klassischen Quellen, nach Ansätzen einer autochthonen Modernisierung sowie nach einer Trennung zwischen Zeichen und Denken.

Aus Sicht der verschiedenen Disziplinen (Theologie, Literatur- und Geschichtswissenschaft, Semiotik) weisen diese Autoren seit den 1970er Jahren, insbesondere unter Rückgriff auf Vertreter der französischen Postmoderne, die historische und subjektive Bedingtheit der Offenbarung aus und verurteilen eine vorgeblich wörtliche Übertragung auf heute. Diese Intellektuellen eint als Projekt der Aufklärung die Suche nach einer Auslegung der islamischen Quellen unter Rückgriff auf die menschliche Vernunft. So schreibt der ägyptische Literaturwissenschaftler Nasr Hamid Abu Zaid: "Der Koran ist eine religiöse Autorität, aber nicht der Bezugsrahmen etwa für die Erkenntnisse der Geschichte oder der Physik. Doch verstärkt sich heute die Tendenz, zu meinen, der Koran enthalte bereits alle Wahrheiten, die die Vernunft je erkannt hat oder erkennen wird. Das ist gefährlich (...), denn es führt zu zweierlei: zum einen wird die Bedeutung der menschlichen Vernunft herabgesetzt und damit die Rückständigkeit zementiert, und zum anderen verwandelt sich der Koran aus einem Offenbarungstext in einen politischen, wirtschaftlichen oder juristischen Traktat. Dadurch aber verliert der Koran etwas Wesentliches, nämlich seine spezifisch religiöse, spirituelle und in einem allgemeinen Sinne ethische Dimension."[9]

Al-Jabri wendet sich gegen eine Tradition, die nur auswendig gelernt werden muss, um sie zu beherrschen. Er geht davon aus, dass der Koran und der Kanon des arabischen Kulturerbes nicht mehr "neu" gelesen werden können: "(D)er zeitgenössische arabische Leser (ist, S.H.) durch seine Tradition eingeschränkt und durch seine Gegenwart erdrückt, was zunächst bedeutet, dass ihn die Tradition absorbiert, ihn der Unabhängigkeit und Freiheit beraubt. Seit seinem Eintritt in die Welt wird ihm unablässig die Tradition eingeimpft, in Form eines bestimmten Vokabulars und bestimmter Auffassungen, einer Sprache und eines Denkens; in Form von Fabeln, Legenden und imaginären Vorstellungen, von einer bestimmten Art des Verhältnisses zu den Dingen und einer Art des Denkens; in Form von Wissen und Wahrheiten. Er empfängt all dies ohne jegliche kritische Auseinandersetzung und ohne den geringsten kritischen Geist. Vermittelt über diese eingeimpften Elemente erfasst er die Dinge, auf ihnen gründet er seine Meinungen und Betrachtungen. Die Ausübung des Denkens ist unter diesen Bedingungen wohl eher ein Erinnerungsspiel. Vertieft sich der arabische Leser in die traditionellen Texte, so ist seine Lektüre erinnernd, keineswegs aber erforschend und nachdenkend."[10]

Beherrschung der Tradition oder sinnvolle Anwendung in der Gegenwart bedeutet nach al-Jabri die verschiedenen Blickwinkel zu kennen und daraus die Relativität und Historizität von Geschichte zu erkennen. Aber erst wenn Modernisierung nicht mehr als Angriff auf die eigene Identität gesehen wird, kann sie sich langfristig etablieren. Aus diesem Grund kann ein solcher Prozess auch nicht vom Westen angestoßen oder sogar protegiert werden: "Der arabischen Kultur und ihrer Geschichte gegenüber fremd, kann die europäische Moderne keinen Dialog etablieren, der eine Bewegung innerhalb dieser Kultur auszulösen vermag."[11]

Al-Jabri kritisiert auch drei zeitgenössische arabische Lesarten der muslimischen Geschichte: die marxistische, die liberale und die islamistische. Alle drei seien ahistorisch und fundamentalistisch. Sie wiesen die gleiche epistemologische Struktur auf, "da sie alle auf einer gleichen Art des Schlussfolgerns basieren".[12] Die islamistische Lesart konstruiere eine "Vergangenheit, wie sie hätte sein sollen",[13] die liberale übernehme ein europäisches Referenzsystem, ohne es weiter zu entwickeln, und die dialektische Methode ordne das arabo-islamische kulturelle Erbe einerseits der Widerspiegelung des Klassenkampfes unter, "andererseits (soll es, S.H.) ein Feld der Konfrontation zwischen Materialismus und Idealismus (sein, S.H.)".[14]

Al-Jabri dekonstruiert das Denken einer gradlinigen, angeblich objektiven und übermächtigen Geschichte, das dem Individuum eine einzige Identität vorschreibe. "Die arabische Welt leidet heute an der Hegemonie einer anderen Art von Irrationalität, die sich komplett vom europäischen Irrationalismus (wie new age oder spiritualistische Bewegungen, S.H.) unterscheidet, der ein Ergebnis des europäischen Rationalismus ist. Es handelt sich um eine mittelalterliche Irrationalität mit all ihren Konsequenzen, insbesondere dem Fortbestehen eines Verhältnisses zwischen Regierenden und Regierten, in dem letztere, auf den Status einer Herde reduziert, im intellektuellen und sozialen Leben unter dem Stab des Hirten vorangetrieben werden. Gegenüber dieser rückwärtsgewandten Irrationalität stellt sich allein der Rationalismus als eine wirksame Waffe dar."[15]

Fußnoten

8.
Für diesen Hinweis danke ich Dr. Lutz Rogler, Universität Leipzig.
9.
Nasr Hamid Abu Zaid, Ein Leben mit dem Islam, Freiburg 1999, S. 49f.
10.
M.A. al-Jabri (Anm. 2), S. 86f.
11.
Ebd., S. 57.
12.
Ebd., S. 74.
13.
Ebd., S. 67.
14.
Ebd., S. 71f.
15.
Ebd., S. 62.