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5.6.2010 | Von:
Sonja Hegasy

Die Säkularisierung des arabischen Denkens: Zur Trennung von Vernunft und Religion

Was ist "arabische" Vernunft?

Es geht al-Jabri nicht um eine herablassende Postulierung einer anders gearteten Mentalität. Und er wendet sich auch gegen die propagandistische Vorstellung, individuelle Vernunftanstrengung, Widerspruch und Kritik seien "Werte des Westens". Al-Jabris Werk dreht sich um die individuelle und rationale Interpretation arabischer, sakraler Texte. Er befreit diese Texte von tradierten Interpretationsmustern des 8. Jahrhunderts und gesteht der rationalen Urteilskraft eines jeden Einzelnen die Fähigkeit zum Verständnis zu. In der "Kritik der arabischen Vernunft" analysiert er strukturelle Grenzen der wissenschaftlichen Denkweise, welche für ihn Ursache des Misslingens des Modernisierungsprozesses im 20. Jahrhundert sind.

Es gibt eine Reihe von muslimischen Intellektuellen, die heute an die Strömung der Mutaziliten (eine rationalistische Schule des Islam, die vor allem im 8. und 9. Jahrhundert einflussreich war) anknüpfen wollen. Dies mag zum großen Teil Projektion sein, denn die Quellen zu ihrem Gedankengut sind noch wenig erschlossen, aber es gibt inzwischen viele Intellektuelle, die sich dem Reformansatz der sogenannten Neo-Mutaziliten zuordnen lassen.[16]

Die Mutaziliten werden als Kronzeugen einer rationalistischen Denkrichtung angeführt, weil sie schon im 2. Jahrhundert islamischer Zeitrechnung der Vorbestimmung des Menschen und der Ewigkeit des Korans widersprachen. Daraus folgt die Verantwortlichkeit des Menschen für sein Handeln und die vernunftgebundene Interpretation des Korans in seinem historischen, kulturellen und sprachlichen Kontext. "Ein gerechter Gott könne die Taten des Menschen nicht erst vorbestimmen, um ihn dann für sie zur Rechenschaft zu ziehen",[17] so ihre Argumentation.

Ähnlich wie die Frage, ob Brot und Wein nur Zeichen für Christi Leib und Blut sind, ist auch die Kontroverse um die Realpräsenz des Korans ein Dreh- und Angelpunkt philosophisch-theologischer Debatten. Nach der islamischen Orthodoxie ist der Koran ebenso "Gottes Wort", wie die gewandelte Hostie in der katholischen Tradition wirklich "Leib Christi" ist. Nach dieser Lesart gibt es kein metaphorisches Verständnis der heiligen Schrift; das Wort Gottes kann nur wörtlich verstanden werden (und darf daher nach fundamentalistischer Auffassung nicht in andere Sprachen übersetzt werden).

Dagegen setzten die Mutaziliten die Erschaffenheit des Korans und eröffneten so die Möglichkeit einer Interpretation des Textes als "Kind seiner Zeit". In dieser Tradition ziehen Intellektuelle wie Nasr Hamid Abu Zaid den Schluss, dass "der Text des Koran einen endlosen Decodierungsprozess" gestattet.[18] Abu Zaid versteht die Offenbarung als Kommunikationskanal zwischen Gott, seinem Gesandten (dem Erzengel Gabriel) und dem Menschen (hier dem Propheten Mohammed). Um zu dieser Zeit und an diesem Ort verständlich zu sein, bedient sich Gott logischerweise der arabischen Sprache. Abu Zaids literaturwissenschaftliche Beschäftigung mit dem Koran brachte ihm 1995 eine Popularklage als Apostat ein. Seitdem lebt er im Exil in den Niederlanden.

Es zeugt vom liberalen intellektuellen Klima in Marokko, dass al-Jabri nie verfolgt wurde, wie al-Azm oder Nasr Hamid Abu Zaid. Im Gegenteil, al-Jabri lehnte gleich zweimal die Ehrung durch ein Stipendium der Marokkanischen Königlichen Akademie ab.

Fußnoten

16.
Vgl. T. Hildebrandt (Anm. 4). Siehe auch die laufenden Forschungsprojekte von Prof. Sabine Schmidtke an der Freien Universität Berlin "Mu'tazilism in Islam and Judaism" und "Rediscovering Theological Rationalism in the Medieval World of Islam".
17.
T. Hildebrandt (Anm. 4), S. 138.
18.
Nasr Hamid Abu Zaid, Spricht Gott nur Arabisch?, in: Die Zeit, (2003) 5, online: www.zeit.de/2003/05/Abu_Zaid (8.4.2010).