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5.6.2010 | Von:
Sonja Hegasy

Die Säkularisierung des arabischen Denkens: Zur Trennung von Vernunft und Religion

Schwächen seines Ansatzes

Kritik an al-Jabri kommt auf, wenn es um seine These der unterschiedlichen Entwicklung zwischen dem Osten und dem Westen der islamischen Welt geht. Er vertritt zum Teil eine chauvinistische, anti-persische Haltung, wenn er dem Osten das Festhalten an mystischen und irrationalen Erkenntnisordnungen attestiert, während er in Nordafrika und Andalusien mit den Philosophen al-Kindi und Averroes die strenge Beweisführung der aristotelischen Logik verwirklicht sah, die bis heute nachwirke. So bleibt seine Ideologiekritik streckenweise selbst ideologisch, denn auf der Suche nach rationalen Elementen des arabo-islamischen Erbes verfolgt auch er eine politische Strategie.[19]

Seine Darstellung des Schiitentums ebenso wie der islamischen Mystik ist eindimensional. Die Mystik vertrat ebenfalls eine allegorische Auslegung des Korans, wenn auch intuitiver und nicht rationaler Art, und viele Mystiker haben sich gegen das Dogma der Vorherbestimmung des Menschen gewandt. Und gerade in den schiitischen Rechtsschulen ist die individuelle Rechtsfindung durch den Imam möglich geblieben.

Auch die Tatsache, dass al-Jabri selbst kein Theologe war und damit wenig zur Modernisierung des religiösen Denkens beitragen konnte, ist kritisiert worden. Seine Anhänger setzen dagegen, dass die Reform des religiösen Denkens nicht von Theologen erwartet werden kann: "Reform is not to be expected nor attempted within theology and from the initiative if theologians, but rather from a new knowledge of the past built on modern (and rational) principles. The religious awareness is maintained and transmitted in a complex of historical representations. Therefore it is the task of the modern intellectuals, who act on these representations, to provide, build, and disseminate new concepts which would make possible a real reform."[20]

Al-Jabri trat teilweise sehr radikal und provokativ auf, wenn es darum ging, westliches Gedankengut gegen ein arabisches Kulturerbe abzugrenzen. So gehörten Theoretiker wie der palästinensische Literaturwissenschaftler Edward Said für ihn nicht zur arabischen Geistesgeschichte. Die Frage nach der Zugehörigkeit zu einer Gesellschaft und damit nach der Herkunft von Kritik (intern oder extern) ist für das Verständnis seiner Positionen wichtig.

Fußnoten

19.
Vgl. Sonja Hegasy/Reginald Grünenberg, Ex okzidente lux. Der arabische Aufklärer Mohammed Abed al-Jabri, in: Kritik der arabischen Vernunft. Die Einführung, Berlin 2009, S. 17.
20.
Abdou Filali Ansary, Can modern rationality shape a new religiosity?, Ms., o.J., online: www.aljabriabed.net/t9_canmodernrationatity.pdf (8.4.2010).