30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

31.5.2010 | Von:
Elsbeth Bösl

Die Geschichte der Behindertenpolitik in der Bundesrepublik aus Sicht der Disability History

Anfänge des kategorialen Wandels in den 1970er Jahren

Dennoch - und trotz aller Divergenzen zwischen Theorie und Praxis dieser Reformphase - lässt sich der Beginn eines Politik- und Denkwandels ausmachen. Impulse kamen aus dem in den 1960er Jahren einsetzenden allgemeinen Wandel von Werten und der wachsenden politischen und sozialen Sensibilisierung der Gesellschaft. Verschiedene gesellschaftliche Akteure, erstmals verstärkt auch die Medien, stellten sich die Frage, welchen Platz und welche Rollen Menschen mit Behinderungen in der Gesellschaft einnehmen sollten. Bisher schien dieser Platz qua Biologie und Schicksal vorgezeichnet zu sein. Nun wurde er verhandelbar. Bemerkbar machte sich dies zum Beispiel in den Sprachregelungen der Politik: Bei Bundespräsident Gustav Heinemann (SPD), Bundesarbeitsminister Arendt und anderen gerieten um 1970 Menschen mit Behinderungen zu "behinderten Mit-Bürgern".[8] Zwar lässt sich einwenden, dass das "Mit-" letztlich eine Teilqualifikation beinhaltet, jedoch markierte der Begriff durchaus eine Aufwertung. Erstmals wurden Menschen mit Behinderungen als Bürger - nie als Bürgerinnen - angesprochen. Bürger oder Bürgerin zu sein steht für Mündigkeit und konstituiert sich in Rechten und Pflichten, unter anderem in denen von Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern, Wählerinnen und Wählern. Zuvor waren behinderte Menschen vorrangig als Empfängerinnen und Empfänger von Hilfen betrachtet worden. Bürger dagegen konsumieren und partizipieren. Der Begriff markiert einen Öffnungs- und Umdenkprozess und zeigt, dass behinderten Menschen - vor allem Männern - neue soziale Orte in der Gesellschaft zugedacht wurden.

Feststellen lässt sich zudem, dass Sprecherpositionen im politischen Diskurs neu verteilt wurden. Wenngleich noch immer nicht behinderte Funktionäre und Funktionärinnen das Feld dominierten, begannen allmählich Menschen, die mit Behinderungen lebten, für sich selbst zu sprechen. Über unterschiedlichste Selbsthilfe- und Aktionsbündnisse und die entstehende Emanzipationsbewegung steigerten sie ihre politische Sichtbarkeit. Noch kaum jedoch erhielten sie Zugang zu den wissenschaftlichen Diskussionsarenen: Behinderten Menschen, die dort auftraten, gehörten meist selbst den Rehabilitationsprofessionen an und verfügten so bereits über den Status und die Glaubwürdigkeit von Experten. Als "Experten ihrer selbst" erreichten behinderte Menschen die wissenschaftlichen Foren selten.

Dennoch wurde im wissenschaftlichen Behinderungsdiskurs die hegemoniale Stellung der Ärzte durchbrochen: Vor allem Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler, die Behinderung als Forschungsgegenstand für sich entdeckten, schufen Gegengewichte zur individuell-medizinischen Erklärung von Behinderung. Schritt für Schritt speisten sie ein Moment der sozialen Bedingtheit in die Erklärungsmodelle von Behinderung ein.[9] Über die Fachtagungen der Professionsverbände und die bei den Ministerien angesiedelten Expertengremien beispielsweise gelangten diese veränderten Sichtweisen in den politischen Raum. Gesellschaftskritische Autoren beispielsweise beschrieben nun behindernde Umweltgestaltungen als augenscheinliche Konsequenzen eines ausgrenzenden Verhaltens der "Produktiven" und "Normalen". Auf der Basis der herrschaftssoziologischen These von der sozialen Disziplinierung und Entmündigung des "betreuten Menschen" durch seine Betreuer[10] fragte sich eine kritische Generation von in der Rehabilitation tätigem Fachpersonal, ob sie das Problem, das sie lösen wollte, nicht selbst geschaffen hatte.[11]

Doch fällt die Bilanz des Umdenkens ambivalent aus. Erstens machte sich deutlich eine Kluft zwischen Theorie und Praxis bemerkbar. Zweitens wurden Menschen, die mit Behinderungen lebten, wiederum gedanklich zu Opfern - nun der Gesellschaft - degradiert. Sie waren erneut Gegenstand von Narrativen des Scheiterns und der Unterdrückung, allerdings mit dem Unterschied, dass sie nun nicht mehr primär Schicksal und Biologie ausgeliefert zu sein schienen, sondern der Brutalität und Ignoranz einer Gesellschaft, die sich nicht nur in Ausgrenzung und Diskriminierung, sondern auch in Bevormundung und Abhängigkeit manifestierte.

Fußnoten

8.
Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten. Appell an Solidarität und Bürgermut, in: Bulletin des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung, 28.12.1971, S. 2090.
9.
Vgl. beispielsweise Walter Thimm, Soziologie der Behinderten, Neuburgweiler 19723; Aiga Seywald, Körperliche Behinderung. Grundfragen einer Soziologie der Benachteiligungen, Frankfurt/M.-New York 1977; Gerd W. Jansen, Die Einstellung der Gesellschaft zu Körperbehinderten. Eine psychologische Analyse zwischenmenschlicher Beziehungen aufgrund empirischer Untersuchungen, Neuburgweiler 19742; Wolfgang Jantzen, Sozialisation und Behinderung. Studien zu sozialwissenschaftlichen Grundfragen der Behindertenpädagogik, Gießen 1974.
10.
Vgl. Helmut Schelsky, Die neuen Formen der Herrschaft: Belehrung, Betreuung, Beplanung, in: Hermann Glaser (Hrsg.), Fluchtpunkt Jahrhundertwende. Ursprünge und Aspekte einer zukünftigen Gesellschaft, Bonn 1979, S. 135-143.
11.
Vgl. Andrea Buch u.a., An den Rand gedrängt. Was Behinderte daran hindert, normal zu leben, Hamburg 1980, S. 12.