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3.5.2010 | Von:
Rudolf Speth

Das Bezugssystem Politik - Lobby - Öffentlichkeit

Vom Korporatismus zum Neopluralismus

Die Veränderungen wirken sich nicht zuletzt auf die theoretischen Modelle aus, mit denen die Wissenschaft die Interessenvermittlung konzeptionell zu fassen versucht. Gegenwärtig ist eine Renaissance der Pluralismustheorie und ihrer Autoren zu beobachten.[1] Der Neopluralismus war lange Zeit die führende Theorie zur Erklärung des Zusammenspiels der Interessengruppen mit dem politisch-administrativen System. In Ernst Fraenkels neopluralistischer Theorie, die wesentliche Impulse der amerikanischen Pluralismustheorie aufnahm, wurde das System der Interessenvermittlung aus einer demokratietheoretischen Perspektive betrachtet.[2] In ihr wurden gesellschaftliche Interessenkonflikte - auch der Klassenkonflikt zwischen Kapital und Arbeit - als legitim angesehen und die Austragung von Konflikten unter Anerkennung rechtsstaatlicher Verfahrensregeln als normaler Weg der politischen Auseinandersetzung und als Mittel der gesellschaftlichen Integration anerkannt. Mit dem geometrischen Bild des Kräfteparallelogramms, das sich aus dem Ringen um Einfluss zwischen den Verbänden untereinander und den Parteien ergeben sollte, wurde die Idee des Kräftegleichgewichts zwischen den unterschiedlichen Interessengruppen beschrieben. Weil die Pluralismustheorie gesellschaftstheoretische Blindstellen aufwies und daher keine analytischen Instrumentarien für Macht- und Herrschaftsmomente liefern konnte, geriet sie jedoch zunehmend in die Kritik. Zudem begriffen die Anhänger pluralismustheoretischer Konzepte Staat und Interessengruppen eher als getrennte Sphären.

In der Realität ließ sich aber gerade in kontinentaleuropäischen Ländern eine starke Verbindung zwischen staatlich-administrativem System und den Verbänden beobachten. Diese Einbindung der Verbände in den Prozess der Politikformulierung und -umsetzung fand in der Theorie des Neokorporatismus seinen Ausdruck und blieb bis Ende der 1990er Jahre forschungsleitendes Paradigma. Der Korporatismus war ein "System der Interessenrepräsentation, in dem sich die Interessenträger - im Gegensatz zu pluralistischen Vorstellungen - in einer begrenzten Anzahl von einzelnen, nichtkonkurrierenden, hierarchisch organisierten und funktional differenzierten Gruppen" zusammenschlossen.[3] Den Verbänden, besonders den Unternehmerverbänden, wurde in dieser Theorie ein privilegierter Platz zugewiesen. Mit ihnen eröffneten sich "erwünschte Optionen sozialer und politischer Steuerung".[4] Die Verbände repräsentieren die Interessen demnach nicht, sondern formieren, filtern und definieren sie. Sie sind keine Lobbys, die Partikularinteressen vertreten, sondern tendenziell gemeinwohlorientierte Akteure. Mit einem korporatistischen Arrangement würden komplexe Umwelten ausbalanciert, und korporatistisch organisierte Ökonomien hätten sich schließlich als stabiler und funktionsfähiger herausgestellt, so die Verfechter dieser Theorie.

Die abnehmende Erklärungskraft korporatistischer Ansätze hat im Gegenzug zu einer Renaissance pluralismustheoretischer Theorien geführt, mit denen der zu beobachtende Lobbyismus präziser beschrieben werden konnte. Es gibt zwar noch zahlreiche Arrangements korporatistischer Einbindung von Verbänden, doch das lobbyistische Verhalten von Interessengruppen hat zugenommen.

Fußnoten

1.
Vgl. Martin Höpner, Ist Politik gegen Verbände möglich? 25 Jahre Mancur Olsons "The Rise and Decline of Nations", in: Leviathan, 35 (2007) 3, S. 310-347.
2.
Vgl. Ernst Fraenkel, Deutschland und die westlichen Demokratien, Frankfurt/M. 1991.
3.
Martin Höpner, Wer beherrscht die Unternehmen? Shareholder Value, Managerherrschaft und Mitbestimmung in Deutschland, Frankfurt/M.-New York 2003, S. 19.
4.
Roland Czada, Konjunkturen des Korporatismus. Zur Geschichte eines Paradigmenwechsels in der Verbändeforschung, in: Wolfgang Streeck (Hrsg.), Staat und Verbände, Opladen 1994, S. 38.