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3.5.2010 | Von:
André Chahoud

Blicke hinter die Kulissen: Aus dem "Alltag" eines Politikberaters

Lesen, hören, denken

Doch die persönlichen Bindungen allein genügen nicht aus, um erfolgreich Politikberatung zu betreiben. Darüber hinaus bedarf es noch einiger Fähigkeiten und "handwerklicher" Kompetenzen. Wie sich bereits abzeichnet, ist Politikberatung keine studierbare Wissenschaft, sondern stellt vielmehr eine Bündelung von speziellen Neigungen, Eigenschaften, intuitivem Denkvermögen und gesellschaftlichen Kontakten dar. Das Empfindungsvermögen für politisch brisante Themen, ob kurz- oder langfristig, ist dabei ausschlaggebend. Politikberatung ist intellektuell höchst anspruchsvoll, aber kein theorielastiges Gewerbe. Es erfordert großes strategisches Talent, um unter verschiedenen Interessen einen Konsens herzustellen. In der Politikberatung ist es wie in der freien Wirtschaft: Der Markt muss beobachtet werden, Entwicklungen müssen nicht nur erkannt sondern erahnt werden, um dann frühzeitig zu agieren.

In Deutschland hat sich der Markt für Politikberatung erst in den 1990er Jahren intensiver entwickelt. Die traditionelle Verbändepolitik rückte aus Sicht der Unternehmen weiter in den Hintergrund, da sich die vielfältigen Interessen einer gesamten Industriebranche längst nicht mehr effektiv im Verband bündeln ließen. Besonders durch den Umzug der Bundesregierung nach Berlin haben sich viele auf public affairs [2] spezialisierte Agenturen im Zentrum der Hauptstadt angesiedelt. Dadurch wurde es möglich, verstärkt die individuellen Interessen der Auftraggeber zu vertreten.[3] Maßgeblich für den Erfolg von Politikberatern sind neben einem effektiven Kontaktmanagement vor allem ein umfangreiches Sach- und Grundlagenwissen - sowohl über die für den Auftraggeber relevanten Themen, als auch über die damit zusammenhängenden politischen Abläufe.

Ein guter Politikberater ist stets darüber informiert, welche Themen gerade auf der politischen Tagesordnung stehen und inwiefern diese Einfluss auf die unternehmerischen Interessen der Auftraggeber haben könnten. Er ist in der Lage, auf folgende Fragen Antworten zu geben: Wo steht die politische Diskussion zum aktuellen Zeitpunkt? Was sind die nächsten Schritte? Inwieweit werden die Rahmenbedingungen durch die europäische Ebene vorgegeben? Wer ist in der EU, in der Bundesregierung, im Deutschen Bundestag, in den betroffenen Ministerien auf Bundes- und Landesebene für die jeweilige Fragestellung zuständig? Welche sonstigen Akteure sind in diesem Zusammenhang von Relevanz? Wer äußert sich in der Öffentlichkeit, welchen Standpunkt nimmt er ein und warum gerade diesen? Politikberater versuchen, frühzeitig Veränderungen von Haltungen und Überzeugungen der Politiker zu erkennen, da sich diese in der Ausgestaltung von Gesetzen, Verordnungen, Genehmigungen und Auflagen auswirken können. Durch das Organisieren eines Dialoges können die Interessen der Auftraggeber bei der politischen Entscheidungsfindung berücksichtigt werden und zu einem berechtigten Interessenausgleich beitragen. Dazu müssen Politikberater begriffen haben, wie das politische "Geschäft" in Berlin funktioniert, wie sie überhaupt erreichen können, dass ihr Anliegen Gehör findet und nicht in der Masse untergeht.

Politikberater müssen viel lesen, gute Zuhörer sein und die aufgenommenen Informationen verarbeiten und nach Relevanz sortieren, um sie dann in eine Kommunikationsstrategie einzuordnen bzw. die Strategie den neuen Informationen anzupassen. Politikberater sind aber auch Übersetzer: Es ist immer wieder überraschend zu erleben, wie sprachlos manche Unternehmensvorstände sind, wenn es um die Interaktion mit der Politik geht. Denn oftmals verstehen diese einerseits nicht, was die politischen Akteure planen, andererseits sind sie aber auch nicht in der Lage, ihre Anliegen so darzustellen, dass die Politiker die Zusammenhänge verstehen können. Der Politikberater muss daher die politischen Vorgänge in die Sprache des Auftraggebers "übersetzen" und vice versa.

Fußnoten

2.
Definition der Deutschen Public Relations Gesellschaft: "Public Affairs sind das interessengeleitete, strategische Management von Entscheidungs- und Kommunikationsprozessen im politischen und gesellschaftlichen Umfeld."
3.
Vgl. Manuel Lianos/Tobias Kahler, Die Rolle der Public-Affairs-Agenturen in Berlin, in: Thomas Leif/Rudolf Speth (Hrsg.), Die fünfte Gewalt. Lobbyismus in Deutschland, Wiesbaden 2006.